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Innerstädtischer Nutzungswandel in Smolensk

Zunächst gilt es, der soziologischen Forschung des innerstädtischen Wandels in Deutschland Aufmerksamkeit zu schenken. Die ersten Studien begannen am Ende 1989 in der noch existierender DDR. Kurz nach dem Mauerfall unternahmen Inge Cornelsen, Peter Franz und Ulfert Herlyn eine Untersuchung der Wandlungsprozesse im Bereich der städtischen Nutzungen in der thüringischen Stadt Gotha108. Dieser folgte die Untersuchung des Strukturwandels im Einzelhandel in Jena und Dresden geleitet von Günter Meyer (1992)[1]. 1993 wurde der Nutzungswandel in der Innenstadt von Erfurt von Birgit Hubal[2] und 1996 von Paul Gans und Thomas Ott erforscht[3]. Jürgen Friedrichs analysierte die Veränderungen der Infrastruktur in den Innenstädten von Chemnitz, Leipzig und wiederum Erfurt[4]. 1999 führte Jutta Bongardt die zweite Nutzungswandelsstudie in Gotha durch[5].

In Russland ist bis heute nur eine ähnliche Untersuchung bekannt, die sich der Methodik bedient, die von deutschen Forschern in Gotha benutzt wurde. Diese Untersuchung wurde 2004 in Smolensk im Rahmen der wissenschaftlichen Zusammenarbeit der Staatlichen Universität Smolensk und der FernUniversität in Hagen von Lothar Bertels, Alexander Jegorov und Elena Suchova durchgeführt[6]. Diese Untersuchung (wie auch die von Gotha) wurde mit Hilfe von Begehungen und Kartierungen durchgeführt. Räumlich fand sie auf 7 Straßen statt, die die Hauptfußgängerströme der Smolensker Innenstadt darstellen: Nikolajew-Str. (von Straße der Oktoberrevolution bis Normandia-Neman-Str.), Kommunistitscheskaja-Str. (von Straße der Oktoberrevolution bis Marschall Shukow-Str.), Straße der Oktoberrevolution (von Dzierzynski-Str. bis Kirow-Str., Fußgängerzone), Lenin-Str. (Fußgängerzone), Gagarin-Prospekt (vom ehem. Smirnov-Platz bis Kirow-Str.), Tenischewa-Str. (vom ehem. Smirnow-Platz bis Kirow-Str.) und Bolschaja Sowjetskaja-Str. (vom ehem. Smirnow-Platz bis zum Fluss Dnjepr).

Untersucht wurden 178 Gebäude, die sich in diesen Straßen befinden). Die Nutzungen wurden nach allgemeiner gewerblicher Nutzung differenziert und der Einzelhandel wurde nach Sparten kategorisiert[7].

Im Rahmen des internationalen Forschungsprojektes, dem das vorliegende Buch gewidmet ist, wurde 2012–2013 diese Untersuchung vom Verfasser dieses Beitrags wiederholt durchgeführt. Da das methodische Vorgehen und räumliche Grenzen des Untersuchungsfeldes dieselbe blieben, lassen sich die erfassten Ergebnisse mit denen von 2004[8] durchaus vergleichen und damit kann die Dynamik des Nutzungswandels in Smolensker Innenstadt weiter verfolgen werden. Nach den Begehungen des Untersuchungsraums wurde festgestellt, dass kein Wohngebäude in jeder der oben aufgeführten Straßen vom Nutzungswandel unbetroffen blieb. Fast alle Wohnungen in Erdgeschossen dieser Gebäude, wenigstens an der Seite, die auf die Straßen gehen, zurzeit Geschäfte u. Ä. sind. Besuch dieser Geschäfte etc. zeigt aber, dass diese nicht nur Wohnungen, die auf die Straßen gehen, sondern, die mit Fenstern auf den Hof in Anspruch genommen haben. Deshalb wird hier auf die tabellarische Aufstellung von Prozentangaben für Gebäude mit Nutzungswandel in untersuchten Straßen zugunsten der Darstellung von neuen und interessanten Tendenzen, die es 2004 noch nicht gab bzw. die nicht berücksichtigt wurden, verzichtet.

Im Zuge dieser Untersuchung konnte man folgende Tendenzen des Nutzungswandels in der City von Smolensk feststellen.

• Nach wie vor kann man die Haupttendenz der Unterdrückung der Wohnfunktion des Stadtzentrums durch den Tertiarisierungsprozess beobachten. Der Umbau von Wohnungen in Erdgeschossen setzt sich intensiv nicht nur in den untersuchten Straßen fort, sondern erstreckt sich in Richtung der peripheren Stadtteile.

• Dazu schließt sich die neue Tendenz zum Umbau der Wohnungen in ersten Obergeschossen zu den Geschäften und anderen Einrichtungen an, die man beispielsweise schon im Gagarin-Prospekt und in der Straße der Oktoberrevolution entdecken kann.

• Da wo wenig bzw. schon kein Wohnbestand in Erdgeschossen geblieben ist (Kirow-Str. und Gagarin-Prospekt), erscheinen auch Geschäfte und Dienstleistungseinrichtungen in der B1-Lage – in Straßen, Gassen und Höfen, die in diese von der Untersuchung umfassten Straßen münden.

• Es setzt sich eine Tendenz zum Wandel innerhalb der Handelsoder Dienstleistungssparte oder sogar der Wandel vom Handel zum Leerstand und wiederum vom Leerstand zum Handel (Lenin-Str., Bolschaja Sowjetskaja-Str.) ein. Es scheint angebracht, diese neue Tendenz etwas eingehender zu erläu-tern: Dies erfolgt dank der Entstehung von neuen großflächigen Einkaufszentren an der Peripherie des Stadtzentrums (um den Kolchosnaja Platz herum – „Baikal” und an der Kreuzung Gagarin-Prospekt – Kirow-Str. –„Zebra”), die sehr leicht und schnell zu erreichen sind. Besonders stark beeinflusste diesen Prozess die Eröffnung Ende 2012 des Einkaufsund Erholungszentrums „Galaktika” in der Nähe des Kolchosnaja-Platzes, das selbst ein sehr anschauliches Beispiel des Wandels von der gewerblichen Nutzung zum tertiären Sektor darstellt (Diese Art des Wandels ist Thema eines besonderen Artikels). Die Produktionshallen des nach dem Umbruch nicht mehr funktionierenden Kombinats für Flachsverarbeitung wurden in kurzer Zeit zu Einkaufs-, Gastronomieund Unterhaltungsflächen umgebaut und bieten jetzt den Smolenskern vielfältige Shoppingmöglichkeiten an einem Ort an, was zweifelsohne für sie sehr attraktiv ist, denn die Bürger sind sonst gewohnt, beim Einkaufsbummel im Stadtzentrum vom Geschäft zu Geschäft ziemlich lange Strecken hinter sich zu legen, was darauf zurückzuführen ist, dass die traditionellen Fußgängerzonen (Straße der Oktoberrevolution und Lenin-Straße) ungeachtet der Tatsache, dass auch dort der kontinuierliche Nutzungswandel seit 1990er stattfindet, keine richtigen Einkaufsstraßen (nach deutschen Verhältnissen) waren und sind.

• Die nächste Tendenz kann als „Aufwertungstrend“ bezeichnet werden. Es geht jetzt um den Wandel nicht nur in den Wohngebäuden, sondern auch in den Gebäuden, die ursprünglich für die Einrichtungen des tertiären Sektors bestimmt waren. Besonders sichtbar ist dieser Trend in der Lenin-Str., in der Bolschaja Sowjetskaja-Str. im Gagarin-Prospekt und in der Straße der Oktoberrevolution. An Stelle der sowjetischen Kantinen, Geschäfte und Wohnungen kamen zuerst (Ende 1990er – Anfang 2000er) Cafés, Restaurants und Geschäfte, die besser ausgestattet wurden und besseres Service anboten, die aber Ende 2000er – Anfang 2010er wiederum durch neuere und größere Gelegenheiten dieser Sparten mit prätentiöserem und noch schönerem Aussehen und verbesserter Bedienung ersetzt wurden. Es sei betont: diese Art des Wandels findet sowohl in den Bauten, in denen öffentliche Einrichtungen von Anfang an projektiert wurden (Polikliniken, Büros, Gastronomie usw.), als auch in Wohnhäusern, deren Erdgeschosse heute als Handelsund Serviceflächen benutzt werden, statt. Hier kann also vom Wandel innerhalb einer Sparte die Rede sein, und was den Einzelhandel betrifft, so wird mit dieser Tendenz auch der Wandel von einer Sparte zu einer anderen oder vom Handel zur Büronutzung umfasst (erst Wohnungen, dann Geschäfte, später Banken, Versicherungen oder Reisebüros z. B. in der Nikolaew-Str.).

• Eine weitere Tendenz besteht in der Zerlegungbzw. Zusammenlegung der Nutzungsflächen. Diese Tendenz betrifft in erster Linie Gebäude mit ursprünglich gedachter öffentlicher Funktion vor allem in Erdgeschossen und wird wiederum in der Bolschaja Sowjetskaja-Straße und in der Straße der Oktoberrevolution beobachtet. Die großflächigen Geschäfte werden in zwei oder mehrere zerlegt gleichzeitig mit Spartenwechsel, oder das einst große Lebensmittelgeschäft, das nach dem Umbruch seine Handelsflächen an viele Kleinhändler vermietet hat, wird wieder zu einem einheitlichen Supermarkt und dann zu einer Parfümerie und einem Boutique des Kleidungshandels.

• Die letzte neuere Tendenz des Nutzungswandels in der Innenstadt von Smolensk ist die Filialisierung. Nicht nur in Einkaufszentren, sondern auch in den untersuchten Straßen der Stadtmitte entstehen Geschäfte und Cafés, die ein Handelsoder Gastronomienetz vertreten. Dabei ist die Gastronomie überwiegend mit einem lokalen Netz („Pizza Domino“) und der Handel mit westlichen Netzen wie REZERVED, MANGO, S´Oliver, UNITED COLORS OF BENETTON und wenigen anderen vertreten.

Den festgestellten Tendenzen ist folgendes gemeinsam: Sie vervielfältigen das Handlungsspektrum, dass die Innenstadt ihren Bürgern und Gästen anbieten kann und erweitern den Aktionsraum der Stadtbewohner sozio-ökonomisch und soziokulturell in einem begrenzten physischen Raum. Sie machen die Stadtmitte mit Vervielfachung der Konsummöglichkeiten attraktiver und schöner. Dazu tragen die Entscheidungen der städtischen Behörden und die Handlungen der Unternehmer bei: die ersten erlauben die Wohnungen in Erdgeschossen aufzukaufen und umzubauen, die letzten verpflichten sich das anliegende Territorium zu verbessern. Alle Tendenzen demonstrieren die Neigung der City von Smolensk zur Tertiärisierung. Allerdings gibt es auch negative Folgen: Der Wohnbestand der Stadtmitte schrumpft nachhaltig bei kontinuierlicher Nachfrage nach Wohnungen im Zentrum, was die Preise höher macht und in der langfristigen Perspektive zur Segregation nach sozialem Status führen kann. Die Tendenzen zeugen von der Entwicklung der Smolensker Innenstadt in Richtung eines „westlichen“ Stadtzentrums in Bezug auf seine Funktion. Das erinnert an ähnliche Prozesse in den ostdeutschen Städten nach der Wende (siehe oben). Soziokulturell, stadtplanerisch und sozialräumlich bleibt es eher „postsozialistisch“.

  • [1] Meyer G., 1992: Strukturwandel im Einzelhandel der neuen Bundesländer. Das Beispiel Jena
  • [2] Hubal B., 1993: Geschäftszentren im Umbruch – Strukturwandel in der Erfurter Innenstadt unter veränderten Rahmenbedingungen
  • [3] Gans P., Ott Th., 1996: Die lokale Dimension der Raumstruktur und ihre Dynamik – Das Beispiel Erfurt
  • [4] Friedrichs J., 1996: Die Entwicklung der Innenstädte Chemnitz, Erfurt und Leipzig.
  • [5] Bongardt J., 2002: Innerstädtischer Nutzungswandel
  • [6] Bertels L., Jegorov A., Suchova E., 2005: Innerstädtischer Nutzungswandel
  • [7] vgl. Bertels L., Jegorov A., Suchova E., 2005: Innerstädtischer Nutzungswandel, S. 125–126
  • [8] Ebenda. S. 126 – 129
 
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