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Privatisierungen des öffentlichen Raums von Smolensk seitens der Wirtschaft

Der Stadtgarten Blonje entspricht allen Merkmalen des öffentlichen Raums. Er stellt ein offenes Gelände dar und ist gut übersichtlich. Hier ist immer viel los, denn das ist das Stadtzentrum per se und hier gibt es Möglichkeiten kulturelle und Freizeitpraktiken zu realisieren. Der Charakter dieses Raums ist Voraussetzung für permanente und gleichzeitige Anwesenheit von vielen Menschen, die sich überwiegend nicht kennen. Der Park wird nicht nur als physischer Raum in Anspruch genommen, er wird mit sozialem Handeln gefüllt: persönliche Interaktionen erfolgen hier auf Schritt und Tritt.

Einen relativ geräumigen Bereich der von den Stadtbürgern und Touristen beliebten Grünanlage nimmt der Gastronomiebetrieb „Russkij Dwor“ ein. In diesem durch niedrige Hecken bzw. andere Pflanzen eingegrenzten Bereich befinden sich eine Terrasse mit Tischen, viele Dekorationselemente wie Pferdewagen, Kühe, Waldtiere und Tannenbäume aus Kunststoff, Kinderschaukel sowie sein Gebäude, das an sich ein treffendes Beispiel des „Aufwertungstrends“ und der Filialisierung [1](siehe 1) darstellt. Es ist Anfang 2000er an Stelle des alten Parkcafés aus der Zeit der Sowjetunion entstanden, das viel kleiner war, gläserne Wände hatte und billiges Essen und Trinken von zweifelhafter Qualität anbot und entsprechendes Publikum anzog. Die Entstehung des Gastronomiebetriebes von moderner Art versah den Garten mit einem neuen Strukturmerkmal: einem kommerzialisierten Bereich.

Dieses Areal des Stadtgartens ist vom Prozess der Privatisierung des öffentlichen Raums seitens der Wirtschaft im Zuge der Kommerzialisierung betroffen. Das Territorium des Cafés ist vom restlichen Garten deutlich abgegrenzt und ist damit nicht für alle zugänglich und komfortabel (also nur für Gäste, die das Essen bezahlt haben), es wird vom Betriebsmanagement überwacht und kontrolliert mit dem Zweck ungewünschte Interaktionen zu verhindern. Kameras und Sicherheitspersonal verkörpern die formelle soziale Kontrolle. Die Besucher von „Russkij Dwor“ tragen dazu nach Ergebnissen der Beobachtung auch bei, indem sie informelle soziale Kontrolle ausüben. Sie beschränken das Spektrum der zugelassenen Praktiken und Verhaltensmuster. Dabei stützen sie sich auf ihre Vorstellungen darüber, welches Verhalten in diesem Raum „angebracht und richtig“ ist. Auf diese Weise ist „Russkij Dwor“ schon ein halböffentlicher Raum, der gegen das wichtigste Recht der Stadtbürger verstößt, sich in einem öffentlichen Raum kostenlos befinden zu dürfen. Das ist der Raum der freiwilligen Beschränkung der städtischen Erfahrung zu Gunsten der Sicherheit und des Komforts sowie der relativen sozialen Homogenität, die die Mittelschicht anstrebt.

Dieses Beispiel der Privatisierung des öffentlichen Raums durch Businessstrukturen kann allerdings nicht eindeutig negativ eingeschätzt werden. Die Wirtschaft zahlte ihren Tribut zur Aufwertung und Verschönerung von diesem public space und erweiterte sein Kommunikations-, Interaktionsund Freizeitpotenzial. Diesen Beitrag der Gastronomiekette „Pizza Domino“ zur Infrastrukturentwicklung von Smolensk kann auch in anderen Bereichen der Innenstadt (DzierzynskiStr und Straße der Oktoberrevolution) registriert werden.

  • [1] „Russkij Dwor“ ist eine Filiale der in Smolensk ansässigen Gastronomiekette „Pizza Domino“
 
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