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Privatisierungen des öffentlichen Raums von Smolensk seitens der Wohneigentümergemeinschaften

Die Privatisierung des öffentlichen Raums durch die Wohneigentümergemeinschaften drückt sich am Beispiel von Smolensk in der Errichtung der Zäune um die mehrstöckigen Mehrfamilienwohnhäuser herum. Solche Bildungen von sogenannten gated communities wären unproblematisch, wenn die Umzäunung nur das Territorium umfassen würde, das unmittelbar der Wohngemeinschaft angehört. Es ginge dann um keine Privatisierung des öffentlichen Raums. In Smolensk gibt es einige Fälle, die von der Inbesitznahme von public spaces zeugen. Eines der Beispiele ist die Umklammerung des Bürgersteigs in der Prshewalski-Straße, die zwischen Blonje und Lopatin-Garten liegt, d. h. auch im Kern der Innenstadt. Dieser Bürgersteig führt zum Besichtigungsplatz, wovon sich der Blick auf den Fluß Dnjepr und Stadteile an seinem nördlichen Ufer bietet, was ihn in der Tat zu einem öffentlichen Raum macht.

Diesen Standpunkt unterstützt auch die Definition des öffentlichen Raums von der kanadisch-amerikanischen Soziologin Jane Jacobs. In ihrem Buch The Death and Life of Great American Cities bezeichnet die Autorin die städtischen Bürgersteige als öffentliche Plätze. Die Straßen an sich bedeuten faktisch nichts, wenn die Stadtbürger sie nicht betreten, meint sie. Gerade die Stadtbürger schaffen den sozialen Sinn des physischen Raums. Je mehr Leute sind in der Straße, desto sicherer scheint sie zu sein, außerdem dient sie als Ort des kontinuierlichen Informationstausches[1].

Nach der Umzäunung erfüllt dieser Teil des Bürgersteigs nicht mehr die Funktion des öffentlichen Raums. Die Anwesenheit und Interaktion unbekannter Menschen ist hier völlig ausgeschlossen. An Stelle der Passanten kommen die Autos, die gerade auf dem Bürgersteig hinter dem Zaun abgestellt werden. Auf diese Weise kommt noch einmal die Tatsache der Inbesitznahme des öffentlichen Platzes zum Ausdruck: die Wohnungseigentümer erwarben sich einen privaten Parkplatz auf Kosten der Passanten.

Dieses Beispiel zeugt auch davon, dass die zuständigen Behörden, die diese Umzäunung zugelassen haben, keinen besonderen Wert auf Bewegungsfreiheit der Stadtbürger legen. Die Tatsache der Beseitigung eines Teils von öffentlichem Raum kann in diesem Fall dadurch erklärt werden, dass in diesem Stadtquartier seit der Sowjetzeit Wohnhäuser für Parteifunktionäre und Verwaltungsbeamten und danach für Vertreter der oberen Sozialschicht errichtet wurden. Hier wohnen einflussreiche Bürger, die im Stande sind, ihre Interessen problemlos durchzusetzen. Dies ist nicht das einzige Beispiel solcher Privatisierung des öffentlichen Raums in Smolensk. In anderen Stadtteilen sind sie auch schon registriert worden. Meistens geht es um Privatisierung eines Innenhofbereichs des Nachbarhauses von einer Wohneigentümergemeinschaft des neuen Elitehauses, deren Mitglieder hohe Beamten oder Abgeordnete des Stadtrates oder des Gebietsparlamentes sind. Interessant ist, dass Ereignisse dieser Art keine Resonanz in den lokalen Massenmedien mit Ausnahme von sozialen Netzwerken im Internet finden.

Diese Form der Privatisierung des öffentlichen Raums kann nur negativ eingeschätzt werden, denn sie schafft nur soziale Distanz, bringt die soziale Ungleichheit zum Ausdruck und verstößt gegen die Bürgerrechte.

  • [1] Jacobs J., 1961: The Death and Life of Great American Cities, New York 1993 [1961]; ;)!{ei1Ko6c;. CMepTb 11 )!{113Hb 6o1bw11x aMep11KaHcK11x ropo)loB I ;. ;)!{ei1Ko6c, nep. c aHr1. – M.: HoBoe 113)laTe1bcTBo, 2011. – C. 43–45
 
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