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Zusammenfassung

In der Stadtentwicklung von Smolensk und in der Entwicklung seines Zentrums findet seit dem Umbruch (1991) ein sichtbarer und soziologisch interessanter Strukturund Sozialwandel statt. Er betrifft nicht nur die sozial-ökonomische Dimension der Stadt, sondern auch ihre räumliche Dimension. Mit anderen Worten prägt sozialer Wandel im Laufe von letzen 23 Jahren sowohl den sozialen Raum der Stadtbürger als auch den physischen Raum des Stadtgebiets und kombiniert sie auf eine neue Weise.

In diesem Wandel kann in erster Linie der Tertiärisierungstrend konstatiert werden. Er drückt sich vor allem in der infrastrukturellen Transformation der Gelegenheiten aus. An Stelle des Gewerbeund Wohnbestandes kommen nach und nach und immer intensiver Handelsund Büroflächen. Sie nehmen die großen und nicht mehr benutzten Produktionshallen der Industriebetriebe zuerst in Form der Märkte, später in der der Einkaufszentren ein. Sie kommen auch in die Wohnhäuser in der Innenstadt. Der Nutzungswandel entwickelt sich in Smolensk horizontal und vertikal. Im ersten Fall erobert der tertiäre Sektor immer größere Wohnflächen in den Erdgeschossen der innerstädtischen Häuser und geht weiter Richtung Stadtränder, betrifft also alle Stadtbezirke von Smolensk. Im zweiten Fall erschienen Geschäfte in den Kellern der Wohnhäuser bevor ihre Erdgeschosse umgebaut wurden. In der letzten Zeit entstehen die Geschäfte in den Wohnungen der ersten Obergeschosse des Stadtkerns. Die „Vertikalisierung“ verkörpert sich in der wachsenden Zahl der mehrstöckigen Einkaufszentren. Die Tertiärisierung bringt in die Gelegenheitsstruktur der Stadt nicht nur Handelsbetriebe, sondern auch neue Cafés und Restaurants, Hotels und Unterhaltungsorganisationen, private Hochund Fremdsprachenschulen ein.

Die Kommerzialisierung bildet neue soziale Milieus und verursacht die neue Verteilung der Bevölkerungsschichten durch das Stadtgebiet. Indem die Wohnfunktion die letzten 15–17 Jahre schrittweise aus dem Bestand der Innenstadt verdrängt wird, werden darin paradoxerweise neue gut ausgestattete Wohnhäuser für Bürger mit höherem Einkommen errichtet. So entsteht in der Bausubstanz des Stadtzentrums eine ambivalente Struktur: alte Wohnbaracken aus Holz und Mietskasernen der Chrustschowund Breshnew-Epoche besiedelt von Unterschicht und unterem Schicht der neuen Mittelklasse einerseits und neue Elitehäuser mit einkommensstarken Bewohnern andererseits. Dasselbe kann in den Stadtteilen mit privaten Einfamilienhäusern feststellen. Die Verdrängung des Wohnbestands aus dem Stadtzentrum und Herausbildung neuer Sozialmilieus provozierte den Beginn der Suburbanisierung. In der Umgebung von Smolensk und an seinen Stadträndern entstehen Villaund Townhouse-Siedlungen, die für höhere Sozialschichten errichtet werden. Dies lässt auch die räumliche Segregation nach den Merkmalen Einkommen und Sozialstatus vermuten.

Die Kommerzialisierung bringt einen weiteren Trend in die Stadtentwicklung von Smolensk hinein: die Privatisierung der öffentlichen Räume. Die meisten Beispiele dieses Prozesses sind durch Entwicklung von wirtschaftlichen Strukturen entstanden. In der Regel sind das Fast-Food-Ketten wie MacDonalds und Pizza Domino, die mit der Abgrenzung des anliegenden Bereichs des öffentlichen Raums, einen eingeschränkten Zugang dazu schaffen oder ihn überhaupt verschwinden lassen: beim Bau des MacDonalds-Restaurants wurde die Grünanlage am Kolchosnaja-Platz, die auch ein belebtes, (wohl auch nicht ganz gepflegtes) öffentlicher Raum war, abgerissen und in den Parkplatz der Gäste umgebaut.

Aber die Privatisierung des öffentlichen Raums durch Wirtschaftsstrukturen verursacht auch die Verbesserung und Verschönerung der „annektierten“ Bereiche und sogar der Nachbarterritorien, die zur Aufwertung der Quartiere und sogar der ganzen Innenstadt dienen. Sie verläuft in der Regel im Rahmen der Filialisierung und man kann mit Recht Entstehung der neuen Filialen auch von anderen Ketten erwarten, die auch diese Strategie in Gebrauch nehmen werden.

Neben der Privatisierung der öffentlichen Räume ist der Prozess der Gründung von neuen bzw. Modernisierung der bestehenden öffentlichen Räume im Gang. Dieser Prozess wurde zum Anlass des Stadtjubiläums initiiert. Der neue öffentliche Raum ist vor dem neuen Gebäude der Tenischew-Ausstellungshalle entstanden. Die verfallene Uferstraße am Dnjepr wird aufs Neue umgebaut und trägt zur Verbesserung des Stadtbildes und des Image von Smolensk bei. Der neue Kai kann auch stadtsoziologisch als Prädiktor der Gentrification betrachtet werden. Die Häuser an der Uferstraße, die den Namen „Bolschaja Krasnoflotskaja“ tragen, wurden im Rahmen des Neubaus vom Kai saniert, das Quartier wurde viel schöner und attraktiver nicht zuletzt auch durch die Restaurierung der Johanniskirche (12. Jahrhundert), die sich auch auf der Uferstraße befindet und einen Anziehungspunkt für Touristen darstellt. Dank diesen Veränderungen und der ziemlich günstigen Lage dieses Viertels kann man den Wachstum der Immobilienpreise und damit die Sukzession der altansässigen Bewohner und Invasion von Pionieren und Gentrifyern erwarten.

Die beschriebenen Perspektiven der Stadtentwicklung und der Evolution der City von Smolensk zeugen von dem langsamen aber nachhaltigen Wandel der Stadt als Einheit der gesellschaftlichen Struktur und der räumlichen Organisation von der „sozialistischen“ zur „kapitalistischen“, ja sogar von der Stadt des Orients zur Stadt des Okzidents, der gleichzeitig die Lebensstile ihrer Bevölkerung transformiert und vervielfältig. Stadtsoziologische Forschung kann nicht umhin, diesen Wandel zu verfolgen, dafür muss sie verschiedene Instrumente in Gebrauch nehmen: Begehung und Beobachtung, Befragung und Expertengespräche, Methoden der visuellen Soziologie und Inhaltsanalyse der lokalen Presse und Internetressourcen, historische Methode des Vergleichs und Methoden der deskriptiven Statistik sowie Verwendung der Phasenmodelle der Stadtentwicklung und Modelle der Stadtstruktur können aufschlussreiche Ergebnisse liefern, die ermöglichen, die Dynamik der hier beschriebenen Prozesse zu analysieren und zu erklären.

 
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