Bedeutung der Geschlechterund Generationen-Dimension

Wir gehen davon aus, dass weder Gewalt in Paarbeziehungen noch sexualisierte Gewalt ohne die Geschlechterdimension verstanden werden können, denn das Geschlecht der Beteiligten ist relevant für das Gewaltgeschehen. Mit der Geschlechterdimension ist die ebenso unverzichtbare Machtdimension verbunden. Gewalt oder auch die Drohung mit Gewalt stehen, als gesellschaftliches Phänomen betrachtet, in einem engen Bezug zur Herstellung und Aufrechterhaltung von Überlegenheit, Dominanz und Macht und Gewalt hat eine gesellschaftliche, machtsichernde Herstellungsund Ordnungsfunktion. Ausführlich geht Carol Hagemann-White in ihrem Beitrag auf die Analyse der Gewalt in „Geschlechterverhältnissen“ ein.

Neben der Bedeutung von Weiblichkeit und Männlichkeit für das Gewaltgeschehen, das forschend entschlüsselt werden soll, werden in der Forschung Begrifflichkeiten des Erleidens (Opfer) und des Ausübens (Täter/Täterin) von Gewalt als binäre Einteilung verwendet. Der Täter-Begriff personalisiert Gewalt, er behauptet eine moralische Zurechenbarkeit der Tat gegenüber einer exkulpierenden Auffassung der Gewalt als akteurslosem Geschehnis. Der Opferbegriff neigt ebenso wie der Täterbegriff zu einer Totalisierung, bei der alle Heterogenität der Gewaltbetroffenen hinter dem hervorgehobenen Merkmal, Opfer zu sein, verschwindet. Von Opfern und Tätern zu sprechen, unterstellt erstens, dass die Rollen der Beteiligten eindeutig abgrenzbar voneinander sind, und zweitens, dass keine anderen Rollen – Komplizen, Claqueure, Unterstützende auf Seiten des Opfers etc. – relevant seien. Das heißt: Die Verwendung der Begrifflichkeit von Opfer und Täter enthält bereits Positionierungen, die zu reflektieren sind. Bei vielen Fragestellungen wäre es ein Gewinn, wenn die binären Codierungen von Täter versus Opfer aufgebrochen würden zugunsten einer stärker prozessualen Sichtweise von Gewalt, ohne dass die Forderung der moralischen Zurechnung der Verantwortung für das Handeln ignoriert und als unwichtig aufgegeben wird. Täterund Opferpositionen können auf komplexe Weise miteinander verbunden sein, z. B. in derselben Person, die Täter und Opfer zugleich ist, oder in einer interpersonalen Verstrickung.

Als historische Kategorien sind diese Einteilungen von Geschlecht und Positionierung zu Gewalt miteinander verbunden: Täterschaft ist, dem bürgerlichen Geschlechtsrollenverständnis folgend, unweiblich und wenn eine Frau einen Mann schlägt, gilt dieser in den Augen anderer Männer (und Frauen) als „verweiblicht“ (es ist aber durchaus „männlich“, im Kampf gegen einen Mann zu unterliegen). Die Akteure deuten Gewalthandlungen in diesen Codes und diese Deutungen leiten das Handeln an. Mehrere Beiträge in diesem Band greifen den Konnex von „weiblich“ und „Opfer“ auf, indem die Beispiele, die die methodologischen Reflexionen illustrieren, aus der Forschung zu Opfererfahrungen von Frauen gewählt werden. Dies ist aber nur damit begründet, dass dieser Aspekt bislang am umfassendsten und produktivsten untersucht wurde, und nicht mit dem Anspruch, das Feld des Gewaltgeschehens als Ganzes abzudecken. Um die Mechanismen der Gewalt in einer weiterführenden Weise zu entschlüsseln, müssen die kategorialen Grundlagen der Zuschreibungen „männlich – weiblich“ und „Täter – Opfer“ jeweils für sich genommen, aber auch in ihrer Verknüpfung („Täter männlich“, „Opfer weiblich“) hinterfragt werden. So lässt sich z. B. die Gewaltbereitschaft junger Frauen in Beziehungen nur im Zusammenhang mit neuen Weiblichkeitskonzepten, die Gewalt integrieren können, erfassen; für Männer sind gleichund gegengeschlechtliche Konstellationen als Kontexte von Gewaltbetroffenheit zu differenzieren etc. Diese Bedeutung der Geschlechterdimension führte dazu, dass ein eigener Beitrag (von Peter Mosser) in diesem Band der Erforschung von Gewalterfahrungen bei Männern gewidmet ist.

Aus der Geschichte der Forschung zu Gewalt in Beziehungen und sexueller Gewalt ergibt sich, dass von dieser Gewalt betroffene Frauen nicht als „spezifische Zielgruppe“ der Forschung gesehen wurden, sondern Opfer von häuslicher und sexueller Gewalt lange Zeit automatisch als weiblich verstanden wurden. Erst anlässlich eines Entstehens von Forschung zu Männern zeigte sich, dass die Frauen zwar „Normalitätsfolie“, aber auch eine spezifische Gruppe sind. Bei beiden Gruppen lässt sich ein genderspezifisches Forschungskonzept nicht auf die Polarität OpferTäter bzw. Täterinnen reduzieren. Die Wirkung geschlechtsspezifischer Sozialisation und unterschiedlicher, hierarchisierter Männlichkeitsund Weiblichkeitskonzepte auf das Erleben von Gewalt bzw. auf die Möglichkeiten des Ausübens von Gewalt müssen Thema zukünftiger Forschung sein.

Bei sexuellem Missbrauch ist der Kontext nicht nur eine Hierarchie im Geschlechter-, sondern auch im Generationenverhältnis. Der Missbrauch ist eingebettet in die Überlegenheit derjenigen, die „älter“ sind, gegenüber denjenigen, die „noch klein und jung“ sind. Aber auch hier ist das Geschlecht des Opfers nicht egal. Die hohe Bedeutung dieser Generationendimension hat ebenfalls dazu geführt, einen eigenen Beitrag in diesen Band aufzunehmen, der von den methodischen Fragen der Forschung mit Kindern handelt (von Heinz Kindler in diesem Band).

 
< Zurück   INHALT   Weiter >