Zum Aufbau des Bandes

Der Band beginnt mit Beiträgen zu grundlegenden Ausgangspositionen der Forschung zu Gewalt in Paarbeziehungen und sexualisierter Gewalt. Carol Hagemann-White begründet die Bedeutung der Geschlechterdimension in der Analyse der Gewalt und vertieft die forschungsethischen Anforderungen an die Gestaltung des Forschungsprozesses. Dirk Bange wirft einen Blick auf die Geschichte der Forschung zu sexualisierter Gewalt im deutschsprachigen Raum, insbesondere unter der Perspektive der verwendeten Forschungsmethoden. Barbara Kavemann diskutiert das grundsätzliche Problem, inwieweit Gewalterleben der Forschung zugänglich sein kann: Der lange Weg führt von einem zurückliegenden Erleben und Deuten des Erlebten über das Zusammenspiel von Erinnern und Verstehen zum Erzählen. Erinnerbarkeit, Erzählbarkeit und dann das faktische Erzählen selbst sind hoch voraussetzungsvoll und charakteristischerweise von Ambivalenzen bestimmt. Dieser Beitrag macht deutlich, dass Forschung zu sexualisierter Gewalt dort an ihre Grenzen stößt, wo es für das Erlebte keine Form gibt, in der es mitgeteilt werden kann, weil es den Rahmen gesellschaftlicher Konvention sprengt. Heinz Kindler gibt einen Überblick über die ethischen Prinzipien, mit denen sich die Forschung speziell mit Kindern und Jugendlichen beim Thema Gewalt und speziell sexueller Missbrauch befassen muss. Erörtert wird die ethische Bewertung der Forschung insbesondere als Abwägung des Erkenntnisgewinns gegen eine Belastung und Schädigung durch die Forschung.

Die weiteren Beiträge sind speziellen methodischen Zugängen gewidmet. Es wird aus der Perspektive der Forschungspraxis der jeweilige methodologische Hintergrund ausgearbeitet und die Anwendungsbezüge in der Gewaltforschung werden dargestellt. Im Bereich der standardisierten Forschung behandelt Monika Schröttle die methodischen Anforderungen an Gewaltprävalenzstudien. Fragen der Stichprobenkonstruktion werden diskutiert, die Implikationen spezifischer Frageformulierungen werden ebenso vertieft wie die Möglichkeiten von vergleichenden Analysen. Im Bereich der qualitativen Forschung geht Cornelia Helfferich auf die Besonderheiten der methodischen Schritte der Leitfadenerstellung und der Gestaltung der Interviewsituation bei Einzelinterviews zu (sexueller) Gewalt ein. Sie stellt auch zwei für die Thematik spezifisch geeignete, hermeneutisch-rekonstruktive Auswertungsstrategien vor, die die Versprachlichung und die Bewältigung von Gewalterfahrungen aufeinander beziehen. Der Beitrag von Sandra Glammeier behandelt die Eignung von Gruppendiskussionen in der Forschung zu Gewalt in Paarbeziehungen und erläutert anhand eines Forschungsbeispiels die Auswertungsmöglichkeiten. Der Beitrag von Gerhard Hackenschmied, Heiner Keupp und Florian Straus befasst sich mit der historischen Aufarbeitung in dem speziellen Sinn einer organisationsbezogenen Rekonstruktion und sozialpsychologischen Analyse sexualisierter Gewalt am Beispiel zweier Benediktiner Internate, die die Forschungsgruppe untersuchte. Methodisch wird das Modell der Triangulation von Daten vorgestellt und die Grenzen der Forschung werden reflektiert.

Abschließend werden methodische Erfahrungen mit den speziellen Zielgruppen der Männer und der Kinder zusammengestellt. Peter Mosser berichtet aus seinen Erfahrungen über die Teilnahmebereitschaft von Männern an Befragungen zu Gewalterfahrungen und geht ausführlicher auf die „Fallstricke“ ein, die bei der Interpretation „männlicher“ Daten zu beachten sind. Heinz Kindler setzt sich mit standardisierten und qualitativen Methoden und Instrumenten auseinander, die sich in der Forschung mit Kindern und Jugendlichen zu unterschiedlichen Formen des Gewalterlebens bewährt haben, und analysiert ihre methodischen und methodologischen Stärken und Grenzen.

In einigen Beiträge in diesem Band wird der Wunsch ausgesprochen, die grundsätzlichen methodologischen Fragen der Erforschbarkeit und der Erforschung von Gewalt wie z. B. den wechselseitigen Einfluss zwischen Methodik und der wissenschaftlichen Konstruktion der Gewalt sowie die ethischen Implikationen für die Forschenden übergreifend und nicht nur bezogen auf einen speziellen methodischen Zugang zu diskutieren. Wir hoffen, dass nicht nur die methodischen Hinweise der einzelnen Beiträge Anwendung finden, sondern möchten auch einen Austausch der Forschenden untereinander anregen.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >