Grundbegriffe und Fragen der Ethik bei der Forschung über Gewalt im Geschlechterverhältnis

Carol Hagemann-White

Probleme der Begriffsbestimmung

Das Thema Gewalt ist emotional und moralisch aufgeladen. Darüber zu forschen stellt daher besondere Anforderungen. Nicht selten wird versucht, um objektiv zu sein, eine „neutrale“ Position einzunehmen, aber diese gibt es nicht: Sobald die zu untersuchenden Phänomene „Gewalt“ genannt werden, ist eine Haltung dazu notwendig, und eine scheinbar neutrale Haltung wird das Gewaltgeschehen vom Blickwinkel des dominanten Teiles sehen. Zu vermeiden ist eine bewusste Stellungnahme nur, indem die Gewaltqualität des Geschehens ausgeklammert wird (und dies haben die Sozialwissenschaften lange getan, indem ungenau über „dysfunktionale Familien“ oder über „Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern“ geschrieben wurde). Dann aber wird eben nicht über Gewalt geforscht.

Angesichts der Unmöglichkeit einer wertneutralen Haltung zu Gewalt kann andererseits versucht werden, eine unangreifbare emotionale und moralische Position zu finden. Es war ja auch die Empörung in der Frauenbewegung und im „Neuen Kinderschutz“, die allererst durchgesetzt hat, dass körperliche, psychische und sexuelle Verletzungen im privaten Lebensraum als Gewalt benannt wurden. Verallgemeinerungen über Täter und Opfer waren in diesem Prozess der öffentlichen Benennung als Skandal meist unvermeidbar. Auf dieser Grundlage konnte zwar bislang verborgene Gewalt hell beleuchtet werden, Forschung jedoch, als unvoreingenommene Suche nach neuen Erkenntnissen verstanden, ist auf dieser Grundlage nur eingeschränkt möglich.

Die emotionale, moralische und politische Brisanz des Gewaltthemas steht jedoch guter Forschung nicht im Wege. Sie verlangt aber den Forschenden Einiges ab – mehr noch als bei anderen Themen: eine sorgfältige Klärung der Begriffe, ein hohes Maß an Reflexivität in Bezug auf eigene Vorannahmen und Gefühle, und Achtsamkeit in der Forschungsethik. Dazu wird dieser Beitrag einige Gedanken beisteuern.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >