Konzeptualisierung der Professionalisierung

Professionalisierung reflektiert den Anspruch einer NGO, ihre Aufgaben dauerhaft zu erfüllen bzw. den Fokus auf Sicherung ihrer langfristigen Existenz (Walk & Brunnengräber 2000: 214ff) und lässt sich ganz allgemein mit dem organisationssoziologischen Begriff des „scaling up“ (Frantz & Martens 2006:

nach Blickwinkel sowohl Auslöser, als auch Merkmal der Professionalisierung. Die Kausalität aufzulösen ist nicht Ziel dieser Studie, weshalb der Aspekt bzw. die Advocacy-Orientierung als Professionalisierungsmerkmal berücksichtigt wird. Für einen Überblick über die Erklärungsansätze der Professionalisierung siehe Saurugger (2009).

75), als Investition in die eigene Organisation (Edwards & Hulme 1992; Wils 1996) zum Zweck der Steigerung ihrer Wirkungskraft oder Reichweite bezeichnen. Die Investition kann sich auf die Organisationsgröße, sowie im EU-Kontext relevanter, Netzwerkbildung und eine Verschiebung der Prioritäten von der Projektzur Advocacy-Arbeit beziehen (Frantz & Martens 2006; Edwards et al. 2000). Der Begriff Professionalisierung bezeichnet also u.a. die verstärkte Ausrichtung auf Advocacy bzw. Lobbying (Kristan 2007: 49) und folglich die Kooperation mit politischen Akteuren, etwa in Governance-Netzwerken.

Professionalisierung als Scaling Up meint aber zugleich effizienten Ressourceneinsatz, die optimale Instrumentalisierung der Qualifikationen von Mitarbeitern und Freiwilligen sowie Investitionen in das Capacity Building, d.h. den Aufbau von Kapazitäten und die Förderung individueller wie organisatorischer Kompetenzen, speziell durch die Bereitstellung technischer und personeller Mittel (Brunnengräber & Weber 2005: 420). Eine vergleichbare Sichtweise teilt Jun (2009). Er versteht Professionalisierung als zunehmende professionelle Expertise hinsichtlich des spezifischen Aufgabengebiets der Organisation bzw. der Mitarbeiter – z.B. in Fragen des Lobbying oder medialer Vermittlungsformen – die sich die Hauptamtlichen aneignen. Professionalisierung steht somit primär für fachliche Qualifikation (Bode & Frantz 2009). Der Begriff konnotiert aus dieser Perspektive, in Anlehnung an die soziologische Forschung, die Herausbildung von Professionen in den für eine NGO relevanten Arbeitsbereichen und deutet darauf hin, dass für gewisse Teilbereiche Experten, sogenannte Professionals, gebraucht werden.

Professionalisierung wird hier daher, der organisationssoziologischen Perspektive von Edwards und Hulme (1992) bzw. Frantz und Martens (2006: 62ff) folgend, als Veränderung der Organisationsstruktur – inklusive funktionaler Differenzierung einzelner Arbeitsbereiche und (verstärkter) Existenz von Hauptamtlichen, d.h. gut ausgebildeten Festangestellten, mit einer adäquaten beruflichen Qualifizierung und Arbeitserfahrung respektive „professioneller Fachlichkeit“ (ebd.: 70) – sowie als (erhöhte) Advocacy-Orientierung und ein signifikantes Maß an Netzwerkbildung bzw. strategischen Partnerschaften konzeptualisiert. Dadurch bleibt die grundsätzliche Bedeutung des Begriffs in Hinblick auf fachliche Qualifikation (Bode & Frantz 2009), den Bedarf an Experten bzw. Expertise und des Scaling Ups erhalten. Zugleich sucht diese Konzeptualisierung den Einflüssen, denen sich auf EU-Ebene agierende NGOs ausgesetzt sehen und die eine Anpassung der Strukturen und Strategien induzieren, Rechnung zu tragen. Der Ansatz ermöglicht eine dem Erkenntnisinteresse der Studie angemessene differenzierte Betrachtung des Phänomens und liefert zudem empirisch operationalisierbare Dimensionen der Professionalisierung.

 
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