Methodische Probleme der Studien

Exemplarisch an dieser Studie sollen generelle methodische Einschränkungen dargestellt werden, die von Lesern/innen bei der Bewertung von Untersuchungsergebnissen stets berücksichtigt werden sollten:

• Die zugrunde gelegte Definition beeinflusst die Ergebnisse massiv. So ist in den vom KfN präsentierten Zahlen z. B. die sexualisierte Gewalt zwischen Minderjährigen nicht enthalten. Minderjährige sind aber für ein Viertel bis ein Drittel aller Taten verantwortlich (Mosser 2012, S. 8 f.; Elz 2010, S. 74 ff.). Auch neuere Formen sexualisierter Gewalt sind nicht erfragt worden. Eine aktuelle Befragung von mehr als 6000 Schülerinnen und Schülern der 9. Klasse aus der Schweiz zeigt aber, dass dieses Phänomen sehr häufig ist und in den letzten Jahren offenbar stark zugenommen hat. Insgesamt berichteten 27,7 % der befragten Mädchen und 9,5 % der Jungen über „Cyberviktimisierung“ (Averdijk et al. 2011, S. 56 ff.). Das Ausmaß sexualisierter Gewalt dürfte allein deshalb in der Studie des KfN unterrepräsentiert sein.

• Selbst repräsentative Stichproben weisen Einschränkungen hinsichtlich ihrer Generalisierbarkeit auf. Wenn sie etwa auf Basis der Melderegister gezogen werden, sind z. B. Obdachlose oder Menschen in Psychiatrien von solchen Untersuchungen ausgeschlossen. In der Studie des KfN waren z. B. unter den über 11.000 Befragten nur vier ehemalige Heimkinder.

• Hinzu kommen generelle Probleme wie die Teilnahmeverweigerung. So lag bei der Studie von Peter Wetzels (1997, S. 129) die Ausschöpfungsquote z. B. bei knapp 70 %.

• Bei der KfN-Studie sind überproportional viele 16bis 20jährige noch Zuhause wohnende Frauen und Männer befragt worden. Hier stellt sich die Frage, ob dies nicht Einfluss auf ihr Antwortverhalten hatte.

• Die Art wie in der Untersuchung nach sexualisierter Gewalt gefragt wird, hat ebenfalls erheblichen Einfluss auf die Ergebnisse. Wird in den Studien z. B. nur die Frage gestellt „Sind Sie als Kind sexuell missbraucht worden?“ ist das erhobene Ausmaß geringer als wenn verschiedene Fragen zu einzelnen Vorkommnissen vorgegeben werden (Bange 2004, S. 33 f.).

• Studien aus den USA zeigen, dass sich insbesondere Männer relativ häufig selbst nicht als missbraucht ansehen, obwohl sie nach den strafrechtlichen Bestimmungen eindeutig Opfer sexualisierter Gewalt sind (z. B. Homes 2008, S. 89 f.). Für Frauen gibt es vergleichbare Ergebnisse. So wurden in einer Studie von 86 Vorfällen, die das Forschungsteam als Vergewaltigung eingestuft hatte, weniger als die Hälfte von den Betroffenen so definiert (Fisher et al. 2000, S. 15). Angesichts solcher Studienergebnisse könnten gerade schwere Formen sexualisierter Gewalt in den Studien unterrepräsentiert sein.

• Die Art des Befragungsinstruments hat möglicherweise Einfluss auf die erhobenen Ergebnisse. Untersuchungen, bei denen zuerst Fragebögen verwendet und dann einige Zeit später Face-to-face-Interviews durchgeführt wurden, konnten jedoch keine großen Unterschiede im erhobenen Ausmaß feststellen (z. B. Martin et al. 1993).

• Bisher ist nicht hinreichend erforscht, ob z. B. die in den Studien verwendeten Fragen nach sexueller Gewalt von Mädchen/Frauen und Jungen/Männern gleich verstanden und beantwortet werden. Die in der Wissenschaft bis heute verbreitete Annahme von geschlechtsneutralen Forschungsmethoden zeigt einmal mehr, wie blind sie lange Zeit der Kategorie „Geschlecht“ gegenüber gestanden hat.

• Die Ergebnisse bei Face-to-face-Interviews werden durch das Geschlecht der Forschenden beeinflusst. Darüber hinaus ist es bedeutsam, wie die Interviewenden vorbereitet werden, ob es sich bei ihnen um im Thema der sexualisierten Gewalt erfahrene Personen handelt und wie die Interviewsituation gestaltet wird (Schröttle und Müller 2005, S. 13 ff.).

Die erste repräsentative Untersuchung über Vergewaltigung von Frauen wurde von Peter Wetzels und Christian Pfeiffer vom KfN durchgeführt. Sie legten 5832 Frauen ab 16 Jahren die Frage vor: „Hat Sie schon einmal jemand mit Gewalt oder mit der Androhung von Gewalt gegen ihren Willen zum Beischlaf oder zu Beischlaf ähnlichen Handlungen gezwungen oder versucht dies zu tun?“ Insgesamt vier Prozent der Frauen beantworteten diese Frage mit „ja“ (Wetzels und Pfeiffer 1995, S. 4).

Die Untersuchung „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“ im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Frauen, Senioren und Jugend war die erste umfassende repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland. In der Hauptuntersuchung wurden von Februar bis Oktober 2003 auf der Basis einer repräsentativen Gemeindestichprobe über 10.000 Frauen in ganz Deutschland zu ihren Gewalterfahrungen, zu ihrem Sicherheitsgefühl und zu ihrer psychosozialen und gesundheitlichen Situation befragt. Es handelte sich um standardisierte Face-to-face-Interviews. 13 % der befragten Frauen hatten sexuelle Gewalt seit dem 16. Lebensjahr erlitten. Dieser Anteil bezieht sich auf eine enge Definition strafrechtlich relevanter Formen von erzwungener sexualisierter Gewalt wie Vergewaltigung, versuchte Vergewaltigung und sexuelle Nötigung; bei breiteren Gewaltdefinitionen, die auch schwerere Formen von sexueller Belästigung einbeziehen, steigt dieser Anteil auf bis zu 34 % an (Schröttle und Müller 2005, S. 70 f.).

Parallel dazu wurde eine Pilotstudie zu Gewalt gegen Männer in Deutschland durchgeführt. Im Rahmen dieser Studie wurden 266 Männer interviewt (Jungnitz et al. 2007). Die Daten dieser Untersuchung bieten erste Anhaltspunkte für eine fundierte Einschätzung des Ausmaßes von Gewalt gegen Männer (Lenz 2007,

S. 34). Eine repräsentative Erhebung analog zur Untersuchungen von Monika Schröttle und Ursula Müller steht noch aus.

 
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