Es wird nur über das gesprochen, was nicht zu schambesetzt ist

„Wer sich schämt, der schämt sich vor jemandem“ (Maercker 2007, S. 1). Scham ist ein soziales Gefühl, sie kann nur in sozialem Kontext entstehen. „Shame is a self-conscious emotion that requires the cognitive ability to have a sense of self and evaluate one's behavior against a standard“ (Feiring und Taska 2005, S. 338). Gäbe es kein Gegenüber, niemanden, die oder der das Beschämende wahrnehmen könnte, gäbe es auch keine Scham. Die Forschenden sind in der face-to-face Befragungssituation solch ein Gegenüber und die Erwartung oder Befürchtung von Betroffenen, in dieser Situation erneut mit aufsteigenden Gefühlen von Scham kämpfen zu müssen oder aber erneut durch ein Gegenüber beschämt zu werden, kann den Zugang und damit die Teilnahme an einer Studie verhindern. Aber auch die Offenlegung derjenigen, die zum Interview bereit sind, wird dort an ihre Grenze stoßen, wo Teile des Gewalterlebens so schambesetzt sind, dass sie nicht ausgesprochen werden. Die Tat beschämt die Opfer. Die Beschämung der Opfer durch die Tat basiert auf der empfundenen Entwertung und Hilflosigkeit durch die Gewalt. Das Selbstwertgefühl kann beschädigt werden, wobei mit Selbstwert „etwas gemeint [ist] wie Ich-Stärke, innere Ressourcen sowie die Gewissheit, sich selbst einen Wert zuzubilligen“ (Maercker 2007, S. 9). Maercker sieht gerade darin den Grund für Schamgefühle.

Die Scham verurteilt nicht das, was eine Person getan hat – und weswegen sie sich möglicherweise schuldig fühlt – also nicht das Tun, sondern das Sein, die Identität der Person. Beide Gefühle sind „affektive Begleiter einer negativen Beurteilung des eigenen Selbst“ (Hirsch 2007, S. 1), aber sie unterscheiden sich in ihrer Dynamik.

Der Scham erzeugende Blick enthält ein negatives, vernichtendes Urteil, das den Sich-Schämenden so, wie er ist, nicht akzeptiert, und dieser schlägt seinerseits die Augen nieder, da er dem Blick nicht standhält. Ein Aufbegehren gegen die Verurteilung ist nicht möglich, der Sich-Schämende ist auf die Beziehung angewiesen, identifiziert sich mit dem Urteil und internalisiert den Blick des Anderen, der zur innerpsychischen Instanz des Ich-Ideals wird, das genau so vernichtend urteilen kann, wie das äußere Objekt. (Hirsch 2007, S. 2)

Wer sich schämt, möchte im Boden versinken, verschwinden, sich unsichtbar machen. Diese Reaktion auf eine beschämende Situation schließt im Grunde ein offenes Gespräch mit einer anderen Person über ein schambesetztes Thema aus. Forschung erreicht somit nur diejenigen, die sich auf die Befragungssituation – ob standardisiert oder qualitativ – so selbstbewusst einlassen können, dass sie sich zutrauen, eine Beschämung durch die Forschenden abzuwehren. Angesichts der asymmetrischen Machtverteilung zwischen Forschenden und Beforschten liegt ihre Abwehrmöglichkeit vor allem in der Verweigerung von Antworten (für qualitative Einzelinterviews siehe den Beitrag von Helfferich).

Gleiches muss für Interviews mit Tatpersonen bedacht werden. Das Interview muss auch ihre Würde wahren und darf sie nicht beschämen, Forschung ist kein Instrument der Vergeltung.

Das respektvolle Interesse für die Geschichte von Betroffenen und Tätern bzw. Täterinnen und das Betonen ihrer Selbstbestimmung in der Interviewsituation sind geeignet, das Erzählen zu befördern, und daher dem Forschungsziel dienlich. Dazu gehört die deutliche Versicherung im Vorfeld, dass nicht auf die Interviewpartnerinnen und -partner Druck ausgeübt wird, Details preiszugeben und dass sie selbst den Gesprächsverlauf völlig unter Kontrolle haben. Darüber hinaus ist der respektvolle und würdevolle Umgang ein „Gegenmittel gegen Scham in ihrem Aspekt der Entwürdigung“ (Reddemann 2007, S. 1). Die Interviewenden werden zu verantwortungsvollen Zeuginnen und Zeugen des Gewaltgeschehens. Auf diesem Wege trägt Forschung über die Datenerhebung und Auswertung hinaus zur Stärkung von Betroffenen bei und garantiert ihren Status als Subjekt der Forschung.

 
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