Es wird nur über das gesprochen, was nicht zu schuldbelastet ist

Von Gewalt Betroffene werden häufig von starken Schuldgefühlen gequält. In Endlosschleifen kreisen sie um die Frage, was sie hätten tun können bzw. müssen, um die Gewalt zu verhindern; was sie ihrerseits beigetragen haben, dass es passierte; wo „ihr Anteil“ an dem Gewaltgeschehen zu sehen ist. Reaktionen des Umfeldes und von involvierten Behörden tragen oft dazu bei, diese Schuldgefühle zu verstärken. Auch im Rahmen einer Befragung kann es dazu kommen, das Betroffene den Eindruck gewinnen, sie müssten sich für ihr Verhalten rechtfertigen. Die Formulierung von Fragen im Interview – unabhängig davon, ob standardisiert oder qualitativ – kann geeignet sein, Schuldgefühle zu aktualisieren.

Das Schuldgefühl ist nicht zu verwechseln mit realer Schuld. Hat eine Person einen Fehler gemacht, ein Unrecht begangen, kann sie dazu stehen, die Tat bereuen, um Entschuldigung bitten. Das Schuldgefühl basiert auf keiner wirklichen Verfehlung, sondern wird von einer inneren Instanz hervorgebracht. Wer soll um Entschuldigung gebeten werden? Schuldgefühle können der Bewältigung dienen. Es geht darum, das eigene Selbst vor der Ohnmacht zu bewahren durch die Flucht in eine imaginierte Aktivität. Wenn ich aktiv verführt habe, bin ich nicht völlig machtlos und unterworfen gewesen. Eine weitere Quelle von Schuldgefühl ist das Vorgehen von Tätern bzw. Täterinnen, die behaupten, dass der Impuls zum sexuellen Übergriff von den Opfern ausgegangen ist. Kinder und Jugendliche können von Erwachsenen leicht davon überzeugt werden, dass alles an ihrem eigenen Verhalten gelegen hat.

Was dieser Mann da mit mir machte, das habe ich mir ja so als Schuld aufgebürdet. (103:2737)

Und ich hab mir ja als Kind auch selbst immer die Schuld daran gegeben, denn ich hab mich ja nicht gewehrt. Ja, also die Lust war ja da, also das leugne ich ja nicht. Nur dass er es eben ausgenutzt hat, ich weiß jetzt, dass es falsch war, dass er das getan hat. (123:315)

Im Interview sollten Schuldgefühle benennbar sein, aber keineswegs verstärkt werden. Fragen die eigenes Verschulden nahe legen, die das Verhalten der Interviewten in der Gewaltsituation in Frage stellen oder zum Ausdruck bringen, dass die Interviewenden selbst sich völlig anders verhalten hätten, sind destruktiv und unprofessionell. Allein schon wenn unsensibel nach dem Verhalten der Betroffenen, ihrer Verstrickung und ihren Bewältigungsstrategien gefragt wird – womöglich mit „Warum“-Fragen – läuft die Forschung Gefahr, an Täterstrategien anzudocken.

In der Forschung mit Tätern und Täterinnen spielen Fragen von Schuld eine besondere Rolle. Hier geht es nicht um Schuldgefühle, sondern um reale Verantwortung für eigene Handlungen. Schuld ist aber ein sehr aufgeladener Begriff, er hat nicht nur eine rechtliche Bedeutung, wenn es um Straftaten geht, sondern auch eine religiöse Dimension. Es könnte von Vorteil sein, im Interview eher von Verantwortung zu sprechen, statt von Schuld. Geht es um Gewalt im Kontext kirchlicher Einrichtungen ist Schuld möglicherweise der angemessene Begriff.

Nicht zu unterschätzen ist die Relevanz von Schuldgefühlen und realem Verschulden bei Personen, die für den Schutz vor Gewalt zuständig sind bzw. waren und die oft versagen: Eltern und Angehörige von kindlichen und jugendlichen Opfern, aber auch Professionelle. Im Interview sollte grundsätzlich ihr Umgang mit der Verantwortung und ihre Gefühle beim Scheitern angesprochen werden, jedoch keine Schuldzuweisung erfolgen.

 
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