Das Prinzip des Respekts (Prinzip 3)

Dieses Prinzip fußt einerseits auf ethischen Leitlinien, die von Immanuel Kant entwickelt wurden und die verlangen, andere in ihrer Autonomie und Selbstbestimmung zu achten. In der Forschungsethik wurde hieraus eine starke Stellung informierter Zustimmung (informed consent) zur Teilnahme an Forschung abgeleitet. Da es aber ebenfalls respektlos wäre, die Verständnisund Kompetenzgrenzen vulnerabler Personen zu ignorieren, hat das Prinzip des Respekts auch Wurzeln in einer Ethik von Schutz und Fürsorge (Alderson und Morrow 2011). Hier wurde argumentiert, dass bei Personen, die die Folgen einer Einwilligung in die Teilnahme an einer Studie möglicherweise nicht richtig, d. h. nicht unter Beachtung wohlverstandener Eigeninteressen, abschätzen können, zusätzlich oder stellvertretend die Zustimmung einer Interessensvertretung eingeholt werden muss (surrogate consent). Bei Minderjährigen sind dies in der Regel die Eltern als gesetzliche Vertreter. Hieraus ergibt sich abgeleitet das Problem von Eltern als Hütern des Zugangs zu ihren Kindern (gate keeper), was vor allem bei Forschung über problematische Seiten von Familie kritisch sein kann, weil Stichproben selektiv verzerrt werden können.

Damit sind die hauptsächlichen Fragen und Spannungsfelder benannt, mit denen sich die Forschung im Hinblick auf den Respekt vor Kindern bzw. Jugendlichen als Teilnehmenden an Forschung zu sexueller Gewalt auseinandergesetzt hat. Als ein Ausgangspunkt vertiefender Erörterung kann eine Konzeption dienen, die vier Kennzeichen informierter Zustimmung benennt (Gallagher 2009): Es handelt sich demnach um eine erstens explizit gemacht Entscheidung, die zweitens nach verständlicher und verstandener Information drittens ohne Zwang erfolgt und viertens rückgängig gemacht werden kann. Wird vertiefend danach gefragt, welche Informationen denn vor der Bitte um Einwilligung zur Teilnahme an einer Studie potenziell Teilnehmenden vorgelegt werden sollten, so kann auf eine Zusammenstellung von Finkelhor et al. (o. J., S. 23) oder die an diesem Punkt relativ genauen Ethikrichtlinien der Deutschen Gesellschaft für Psychologie verwiesen werden. Beispiele für Formulare zur Erteilung der Zustimmung mit Informationen zu einer Studie über sexuelle Gewalt finden sich am häufigsten im Anhang von Doktorarbeiten, beispielsweise bei Janis Carroll-Lind (2006).

In einer Reihe von Ländern wurden Altersschwellen von 15 oder 16 Jahren formuliert, oberhalb derer Jugendliche alleine über eine Studienteilnahme entscheiden können. Ein Beispiel hierfür ist die Schweiz, so dass weder in der sogenannten „Optimus Studie“ zur Verbreitung sexueller Viktimisierung unter Schweizer Jugendlichen (Averdijk et al. 2011) noch in vertiefenden qualitativen Untersuchungen der Forschungsgruppe um Markus Landolt (z. B. Schönbucher et. al. 2012, 2014) eine elterliche Einwilligung eingeholt wurde. In den USA wird dagegen meist erst ab 18 Jahren von einer sicher vorhandenen Fähigkeit ausgegangen, über die Teilnahme an Studien zu sensiblen Themen selbst entscheiden zu können (Cashmore 2006). England kennt dagegen keine feste Altersgrenze, so dass auf elterliche Einwilligung verzichtet werden kann, wenn individuell eine als „Gillick Kompetenz“ bezeichnete Fähigkeit, über die Studienteilnahme zu entscheiden, belegt werden kann. Verschiedene Methoden wurden hierzu vorgelegt. So haben etwa Ann Chu et al. (2008) für das Kindesund frühe Jugendalter einen Quiz entwickelt um einen Eindruck davon zu gewinnen, inwieweit Inhalte der Aufklärung zur Studie verstanden wurden.

Auch Deutschland kennt – außerhalb der Arzneimittelforschung – bei Jugendlichen keine festgelegte Altersgrenze, oberhalb derer regelmäßig und auch bei sensiblen Themen von einer Fähigkeit zur eigenständigen Entscheidung ausgegangen werden könnte. Die Empfehlungen des Arbeitskreises deutscher Marktund Sozialforschungsinstitute e. V. (2006) gehen – allerdings ohne jegliche Begründung – davon aus, dass bis zum 14. Lebensjahr stets eine Zustimmung der Sorgeberechtigten benötigt wird, danach aber von einer grundsätzlich gegebenen Einwilligungsfähigkeit ausgegangen werden kann. Auf sensible Fragestellungen wird nicht näher eingegangen. Rainer Metschke und Rita Wellbrock (2002) kommen ebenfalls zu dem Schluss, dass unterhalb des 14. Lebensjahres zwingend eine elterliche Einwilligung erforderlich ist. Begründet wird dies mit einer Sichtweise der Entscheidung über eine Studienteilnahme als rechtsgeschäftsähnlicher Handlung und der entsprechenden Altersgrenze im Bürgerlichen Gesetzbuch. Zwischen 14 und 18 Jahren kommt es dann, so diese Autoren, auf die Risiken der Studie sowie die individuell vorhandene Einsichtsund Urteilsfähigkeit an. Eine Auseinandersetzung mit empirischen Befunden zur Fähigkeit von Kindern und Jugendlichen, die Regeln informierter Zustimmung und ihre eigenen Rechte im Forschungsprozess zu verstehen, fehlt in der durchgesehenen deutschen Literatur bislang, wobei die Befunde darauf hindeuten, dass Kinder schon vor dem 14. Lebensjahr diese Regeln und Rechte ganz überwiegend verstehen (z. B. Hurley und Underwood 2002; Miller et al. 2004). In der Praxis scheinen in Deutschland derzeit bei Befragungen von 14bis 16-jährigen Jugendlichen, beispielsweise den Erhebungen des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen (KFN) zu verschiedenen Arten von Opfererfahrungen, Elterneinwilligungen eingeholt zu werden (z. B. Baier und Pfeiffer (2011), wobei das KFN im Rahmen einer Auseinandersetzung mit dem Landeselternausschuss Berlin aufgefordert wurde, sicherzustellen, dass Eltern für die Entscheidungen mehrere Tage Bedenkzeit bleibt. In Untersuchungen mit älteren, 16bis 18-jährigen Jugendlichen wurde dagegen häufig auf eine Elterneinwilligung verzichtet (z. B. Krahé 1998).

Etwas offen scheint, inwieweit gerichtlich bestellte Pfleger oder Pflegeeltern nach Teilentzügen der elterlichen Sorge berechtigt sind, über die Teilnahme des Mündels an einer Studie zu entscheiden, wobei gut argumentiert werden kann, dass dies bei minimalen Risiken und gewahrter Anonymität, nicht aber bei Studien mit deutlicheren Risiken, Teil der Alltagssorge ist. Unstrittig ist darüber hinaus, dass aus einer eventuell vorliegenden Zustimmung von Eltern keine Verpflichtung von Kindern oder Jugendlichen zur Teilnahme folgt und deren Informationsrechte unberührt bleiben. Weitgehend ungelöst scheint bislang das Problem, dass Eltern als „Gatekeeper“ unter Umständen aus Eigeninteressen (z. B. keine Zeit um sich mit der Studie zu befassen, Befürchtungen, das Kind könnte eine schwierige familiäre Situation offenbaren), die sich nicht mit Wünschen oder Interessen des Kindes bzw. Jugendlichen decken, keine Erlaubnis zur Studienteilnahme erteilen. Ein Versuch Gatekeeping im Umfang zu begrenzen stellt eine neuseeländische Studie von Janis Carroll-Lind et al. (2011) dar, in der Eltern einer Untersuchung mit ihren Kindern nicht erklärtermaßen zustimmen mussten (aktive Einwilligung), sie sich aber melden konnten, wenn sie der Teilnahme ihres Kindes an der Studie widersprechen wollten, was dann als verbindlich gehandhabt wurde (passive Zustimmung). Die Schwierigkeit, Verzerrungseffekte durch Gatekeeping abzuschätzen, ist ein ernsthaftes methodisches Argument um Daten zur Häufigkeit sexueller Gewalt erst im späten Jugendalter abzufragen, wenn eine Elterneinwilligung als nicht mehr erforderlich angesehen werden kann.

 
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