Das Prinzip der Fairness (Prinzip 5)

Die wenigsten Diskussionen hat „Fairness“ als das fünfte und letzte hier behandelte ethische Prinzip auf sich gezogen, was unter anderem daran liegen dürfte, dass sich dieses Prinzip nur teilweise auf einzelne Studien beziehen lässt und teilweise studienübergreifend ganze Förderoder Forschungsprogramme betrifft. Damit ist es der Beurteilung durch Ethikkommissionen, die einzelne Forschungsanträge begutachten, partiell entzogen. Von Fairness kann in der Forschungsethik bezogen auf mindestens vier Aspekte die Rede sein: a) In Bezug auf das Verhältnis von Aufwand und Entschädigung bei der Teilnahme an Forschung, b) in Bezug auf die Gleichbehandlung der Teilnehmenden in einer Stichprobe, c) in Bezug auf Gruppen potenziell Teilnehmender und d) in Bezug auf potenzielle Nutzer der Forschung.

Aus dem Prinzip des Respekts vor Personen und ihrer Autonomie (Prinzip 3) ergibt sich, dass weder Erwachsene noch Minderjährige zur Teilnahme an Studien gezwungen werden dürfen. Auch wäre es aus diesem Grund unethisch, materielle Notlagen auszunutzen um Menschen durch finanzielle Anreize dazu zu verführen, mit Forschung assoziierte Risiken einzugehen. Dies kann aber nicht bedeuten, dass Zeit und Aufwand für die Teilnahme an Forschung nicht entschädigt werden dürften, da es ebenfalls respektlos wäre, Teilnahmebereitschaft und Zeit anderer als kostenlose Ressourcen zu behandeln. Zudem würde die Ablehnung von Entschädigung Stichproben auf Personen beschränken, die intrinsisch vom Wert von Forschung überzeugt sind. Dadurch würde die Aussagekraft von Forschung in denjenigen Bereichen, in denen Vielfalt in oder Repräsentativität von Stichproben wichtig sind, ernsthaft beschädigt und damit das durch Forschung erreichbare Gute (Prinzip 2) gefährdet. Schließlich übersteigt die ethisch wertvolle Anerkennung von Aufwand (Prinzip 3) den potenziellen Schaden aufgrund einer möglichen

„Verführungswirkung“ von Entschädigungen in all denjenigen Forschungsbereichen, in denen mit der Teilnahme verbundene Risiken gering sind. Zudem kann ein solcher potenzieller Schaden durch geeignete Vorkehrungen weiter verringert werden (z. B. eine Entschädigung wird auch dann gezahlt, wenn die Teilnahme abgebrochen wird).

Aus diesen Gründen besteht für den größten Bereich der Forschung mit Kindern und Jugendlichen zu sexueller Gewalt (Ausnahmen finden sich im Bereich relativ risikoreicher Formen von Interventionsforschung) ein weitgehender Konsens, dass Entschädigungen zulässig oder sogar geboten sind. In der Praxis berichten aktuelle Studien mit Jugendlichen als Teilnehmenden und Befragungszeiten zwischen 30 und 90 min Entschädigungen in Geldbeträgen oder Gutscheinen in der Höhe von ungefähr 15 € (Finkelhor et al. 2014a), 30 € (Chu und DePrince 2013) oder 40 € (Cater et al. 2014b). Allerdings kann es sich dabei nur um sehr grobe Orientierungswerte handeln, die studienspezifische Abwägungen, welche Form und Höhe der Entschädigung angemessen erscheint, nicht ersetzen können. Eine systematisierende Übersicht von Gesichtspunkten, die bei der Festlegung von Entschädigungen eine Rolle spielen können, findet sich bei David Wendler et al. (2002). In Längsschnittstudien wird beispielsweise meist für jeden Untersuchungstermin eine separate Entschädigung gewährt, zudem liegen die Entschädigungsbeträge pro Termin häufig höher als bei Untersuchungen mit nur einem Untersuchungstermin (z. B. ca. 200 € über drei Untersuchungstermine bei Simon et al. 2010). Manchmal steigen sie im Verlauf des Längsschnitts, da wiederholt eine Bereitschaft zur Teilnahme benötigt wird, sehr viel Einblick in das Leben zugelassen werden muss und die potenziellen Verdienstmöglichkeiten während der eingesetzten Zeit mit dem Alter zunehmen.

In der Regel wird es als weiterer Aspekt der Fairness gesehen, dass allen teilnehmenden Kindern bzw. Jugendlichen an einer Studie, auch solchen die die Bearbeitung während eines Untersuchungstermins abbrechen, dieselbe Entschädigung gezahlt wird. Teilweise wird der Entschädigungsbetrag um individualisierte Beiträge für spezifische Kosten, wie etwa Fahrtkosten, ergänzt.

Etwas mehr Diskussionen hat die Frage ausgelöst, inwieweit das Prinzip der Fairness gebietet, Teilnahmechancen für verschiedene Gruppen von Kindern und Jugendlichen zu eröffnen, da der beabsichtigte oder unbeabsichtigte Ausschluss einiger Gruppen von Forschung Folgen für gesellschaftliche Bilder sexueller Gewalt sowie für die Ausgestaltung von Hilfsangeboten haben kann. Ein Beispiel hierfür wäre der häufige Ausschluss von Jungen und männlichen Jugendlichen aus der Forschung zu sexueller Gewalt, wodurch unzureichende Hilfeangebote und Unsicherheiten in der Beratungsarbeit mit sexuell missbrauchten Jungen oder männlichen Jugendlichen begünstigt werden (siehe der Beitrag von Peter Mosser in diesem Band und Mosser 2014). Ein anderes Beispiel ist der jahrelange Ausschluss von Kindern und Jugendlichen, die (zeitweise) in Einrichtungen aufwachsen, aus der Prävalenz-Forschung zu sexueller Gewalt, der dazu beigetragen hat, dass die erhöhte Häufigkeit sexueller Gewalt während Zeiten von Fremdunterbringung lange nicht als gesellschaftliches Problem erkannt wurde (Kindler und Fegert, 2015).

Es leuchtet ein, dass das Kriterium der Fairness bei den Teilnahmechancen an Forschung nur eingeschränkt auf einzelne Studien anwendbar ist. Zwar kann der Appell formuliert werden, verschiedene Gruppen von Kindern bzw. Jugendlichen einzubeziehen. Tatsächlich existieren Studien, in denen explizit Strategien zum Einbezug verschiedener Gruppen beschrieben werden, etwa der Einbezug von Kindern mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen in die Interventionsstudie von Justin Misurell und Craig Springer (2013). Allerdings findet das Gebot zum Einbezug verschiedener Gruppen von Kindern und Jugendlichen auf der Ebene einzelner Studien eine ethische Grenze am Recht von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ihre Fragestellungen selbst zu wählen, einschließlich einer Beschränkung auf eine oder mehrere Gruppen von Kindern bzw. Jugendlichen. Eine praktische Grenze liegt zudem in Finanzierungsproblemen, die entstehen können, wenn verschiedene, insbesondere schwerer erreichbare Gruppen von Kindern und Jugendlichen einbezogen werden sollen. Für quantitativ-empirische Analysen ist vor allem zu bedenken, dass die einzelnen Untergruppen dann für getrennte Analysen der Teilstichproben groß genug sein müssen, da sich ansonsten schwer interpretierbare Mischstatistiken ergeben. Beim Einbezug mehrerer Gruppen von Kindern bzw. Jugendlichen steigt entsprechend die benötigte Stichprobengröße und damit der Finanzierungsbedarf oft deutlich. Auf der Ebene einzelner Studien kann die Fairness im Hinblick auf den Einbezug verschiedener Gruppen von Kindern bzw. Jugendlichen daher nur im Rahmen der gewählten Fragestellung und der verfügbaren Mittel ethisch bewertet werden.

Graduell anders ist die Situation zu beurteilen, wenn es um ganze Forschungsprogramme geht, da Forschungsfragen dann auf einer abstrakteren Ebene gestellt und die Beachtung verschiedener Gruppen von Kindern und Jugendlichen eher erwartet werden kann. Die Ergebnisse der Forschungsgruppen um Persönlichkeiten wie Mary Koss, Laura McCloskey oder David Finkelhor sind Beispiele dafür, wie mit unterschiedlichen Gruppen von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen verschiedene Aspekte sexueller Gewalt im Rahmen wissenschaftlicher Karrieren beleuchtet werden können. Eine deutliche Veränderung der forschungsethischen Bewertbarkeit ergibt sich auf der Ebene öffentlich finanzierter Forschungsprogramme, da hier in einem strengeren Sinne gefordert werden kann, dass Gruppen potenziell oder tatsächlich von sexueller Gewalt betroffener Kinder bzw. Jugendlicher nicht unnötig vom Guten ausgeschlossen werden, das durch Forschung erreicht werden kann (Prinzip 2). Jedoch ist dies weniger für Ethikkommissionen, als vielmehr für Auswahlkommissionen oder Beiräte entsprechender Programme bedeutsam.

Für die Kommunikation von Forschungsergebnissen erwächst schließlich aus den Prinzipien von Fairness und Benefizienz insbesondere die Verpflichtung zu Überlegungen, ggfs. Konsultationen, wem die Ergebnisse von Nutzen sein können und welche Darstellungsweisen bestimmte Gruppen potenzieller Nutzer erreichen und zutreffend informieren. Hier bestehen gerade in Bereichen mit drängenden Praxisbezügen, wie dem Feld der Forschung zu sexueller Gewalt gegen Kinder, viele Probleme, etwa mit missverständlichen Darstellungen. In wissenschaftlichen Zeitschriften können Fehler durch den Peer Review teilweise aufgefangen werden. In Praxispublikationen finden sich aber teils haarsträubende Darstellungen, in denen etwa im Bereich quantitativer Analysen statistische Signifikanz und praktische Bedeutsamkeit wild durcheinander geworfen werden (Kazdin 1999) oder im Bereich qualitativer Methoden ohne jede methodische Grundlage Einzelfälle zu häufigen oder gar typischen Fällen erklärt werden. Gerade an dieser Stelle zeigt sich aber auch, dass ethische Prinzipien nicht vorrangig als Leitlinien zur Beurteilung oder gar Verurteilung, denn als Richtschnur für die Selbstkritik dienen sollten.

 
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