Das Potential und die Begrenzungen von quantitativen Gewalt(prävalenz)studien

Repräsentative Gewaltprävalenzstudien sind bei entsprechend methodisch fundierter Anlage geeignet, in der Breite verallgemeinerbare Aussagen über Ausmaße und Erscheinungsformen sowie Folgen von Gewalt und deren institutionelles Sichtbarwerden hervorzubringen. Dies ermöglicht es Praktikerinnen und Praktikern in unterschiedlichen Berufsfeldern (soziale Arbeit, Polizei und Justiz, Ärzteschaft, Politik und Verwaltung), zu ermitteln, welche Relevanz das Problem gesellschaftsweit hat, welche Zielgruppen bzw. Ausschnitte der Gewalt in den jeweiligen Handlungsfeldern sichtbar und bekannt werden und wie über die eigene institutionelle Perspektive hinaus Gewaltphänomene in der Bevölkerung einzuschätzen sind. Institutionelle Wahrnehmungen und Ergebnisse von Gewaltprävalenzstudien können, müssen sich aber nicht decken. So werden Berufsgruppen in der sozialen Arbeit im Bereich der häuslichen Gewalt gegen Frauen eher mit Betroffenen in schwierigen sozialen Lagen konfrontiert sein; bundesdeutsche Gewaltprävalenzstudien zeigen aber auf, dass auch Frauen in gehobenen sozialen und Bildungslagen gleichermaßen häufig (schwere) Gewalt durch Partner in ebenfalls gehobener sozialer Lage erfahren (vgl. Schröttle und Ansorge 2009). Diese Zielgruppen nutzen jedoch nur selten das Unterstützungssystem für von Gewalt betroffene Frauen und werden auch bei massiver Gewalt seltener polizeilich bekannt oder in der Täterarbeit sichtbar; Gewalt ist hier stärker tabuisiert und wird dadurch seltener institutionell sichtbar (Schröttle und Ansorge 2009). Auch werden von Gewalt betroffene Frauen mit Behinderungen seltener vom Unterstützungssystem erreicht als Frauen ohne Behinderungen, obwohl deren Gewaltbetroffenheit um ein Vielfaches höher ist als im Bevölkerungsdurchschnitt (vgl. Schröttle et al. 2013). Diese Phänomene verweisen darauf, dass bestimmte Zielgruppen in hohem Maße von Gewalt betroffen sind und einen erheblichen – aber verdeckten – Unterstützungsbedarf haben, der nur über systematische Dunkelfeldbefragungen sichtbar gemacht werden kann.

Gewaltprävalenzstudien können zudem auch Hintergründe, (mögliche) Ursachenzusammenhänge und (potentiell) Gewalt beeinflussende Faktoren auf breiterer Bevölkerungsbasis identifizieren und wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse hierzu ableiten. Allerdings ist dies zumeist nur auf der Basis von Querschnittsbefragungen und mit einer Fokussierung auf „grobe Eckdaten“, die auf soziostrukturelle Aspekte und eine begrenzte Zahl von Risikofaktoren verweisen, möglich. Umfangreiche Längsschnittstudien, die Entwicklungen und zeitliche Verläufe sowie Dynamiken in der Entstehung (und Beendigung) von Gewalt differenziert abbilden können, existieren bislang kaum. Dies sowie konkrete lebenslaufspezifische Ursachenund Entstehungszusammenhänge können auch generell durch qualitative, mehr in die Tiefe gehende Studien deutlich besser abgebildet werden.

Eine weitere Begrenzung von Gewaltprävalenzstudien besteht darin, dass sie zwar deutlich realistischer als andere vorhandene Quellen (etwa Polizeistatistiken, institutionelle Erfassung) das Ausmaß und die unterschiedlichen Erscheinungsformen von Gewalt abbilden können, selbst bei einer qualitativ hochwertigen Methodik und sensiblen Herangehensweise aber niemals das gesamte Ausmaß der Gewalt erfassen können. Die Frage, ob und wie viel selbst erlebte Gewalt betroffene Menschen Dritten gegenüber in einer Befragung preisgeben, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab (zum Beispiel von Aspekten wie Scham, aktueller Lebenssituation sowie kulturellen Werten und Normen, vgl.u. a. Schröttle et al. 2006; Condon et al. 2011). Dies kann auch im Zeitund Gruppenvergleich erheblich divergieren. Insofern ist bei der Interpretation von Unterschieden in der Gewaltbetroffenheit von Bevölkerungsgruppen oder im Zeitvergleich äußerste Vorsicht geboten und immer auch das (verbleibende und sich verändernde) Dunkelfeld mit zu berücksichtigen (vgl. Schröttle und Martinez 2006, Abb. 1 sowie die Ausführungen weiter unten).

Im Folgenden sollen einige zentrale Aspekte beschrieben werden, die bei Anlage und Methodik von Gewaltprävalenzstudien insbesondere im Bereich der Erforschung von Gewalt gegen Frauen (und Männer) zu berücksichtigen sind, aber auch bei der Auswertung und Interpretation von Ergebnissen reflektiert werden müssen. Sie dienen zum einen der Sicherung der Qualität und forschungsethischer Anforderungen, zum anderen der Vermeidung klassischer Fehler, die sich bei Forschungen in diesem sensiblen Themengebiet häufig ergeben können.

Abb. 1 Dunkelfeld der Gewalterfahrung (Quelle: Kapella et al. 2011, S. 40)

 
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