Entwicklung des Fragebogens und der Fragen zu Erfassung der Gewalt

Fragen und Fragebögen zu Gewalt und Viktimisierung, insbesondere auch zu Gewalt gegen Frauen, müssen nicht neu erfunden werden. Es existieren dazu zahlreiche Vorlagen aus internationalen, nationalen und regionalen, aber auch institutionenbezogenen Studien, die insbesondere im angloamerikanischen wie auch im europäischen Forschungskontext entwickelt und bereits vielfach angewendet wurden (vgl. im Überblick europäischer Studien Martinez et al. 2006, sowie im aktualisierten Überblick: EIGE 2013, S. 9 ff, WAVE 2012). Da sich die Gewaltund Gewaltprävalenzforschung ständig weiterentwickelt, können entsprechende Fragen und Fragebögen als Vorlagen verwendet, aber auch eigenständig weiter verbessert und entsprechend den jeweiligen Studienzielen modifiziert werden.

Es sind jedoch einige methodische Anforderungen und Standards grundsätzlich zu beachten, die sich im Rahmen der Gewaltprävalenzforschung als sinnvoll herauskristallisiert haben, um Gewalt aufdecken und differenziert beschreiben zu können (vgl. zu methodischen Diskussionen und Standards u. a. Schröttle et al. 2006 und Martinez et al. 2007). So wird zum Beispiel nie explizit gefragt, ob „Gewalt“ erlebt wurde, da der Begriff „Gewalt“ individuell sehr unterschiedlich definiert, wahrgenommen und benannt wird. Insbesondere Gewalt im sozialen Nahraum und in engen sozialen Beziehungen wird oft normalisiert oder nicht als solche wahrgenommen bzw. Dritten gegenüber nicht berichtet. Um deshalb unterschiedliche Formen und Dimensionen von Gewalt erfassen und einigermaßen vergleichbar abbilden, aber auch niedrigschwellig aufdecken zu können, werden zumeist Itemlisten mit konkreten, neutral formulierten Handlungen verwendet (Beispiel: „Wurden Sie geschlagen? Getreten? Geohrfeigt?“). Vielfach werden auch zunächst Einführungsfragen – etwa zu körperlicher Gewalt – gestellt, denen differenzierte handlungsbezogene Itemlisten folgen. Hier ist es wichtig, die konkretisierten Itemlisten auch dann abzufragen, wenn in den allgemeinen Einleitungsfragen (noch) keine Gewaltbetroffenheit angegeben wurde. Alle bisherigen Studien, die entsprechende Methoden verwendet haben, konnten aufzeigen, dass insbesondere körperliche und psychische Gewalt deutlich häufiger in den konkretisierten Itemlisten angegeben wurden als in den zusammenfassenden Einleitungsfragen. Darüber hinaus konnte festgestellt werden, dass auch bei einer höheren Anzahl von Items mehr Gewalthandlungen erinnert und angegeben werden als bei einer geringeren Itemanzahl, insbesondere bei der Abfrage von körperlicher und psychischer Gewalt. Insofern ist es, um Dunkelfelder von Gewalt möglichst weitreichend aufdecken zu können, durchaus sinnvoll, umfangreichere Itemlisten wie sie aus der Forschung bekannt sind, zu verwenden. Ein Problem ist, dass die Verwendung von kürzeren Fragemodulen zu Gewalt, die auch für Monitoringprozesse relevant sein können, [1] eigentlich auf verkürzte Abfragemuster angewiesen ist, was aber einen erheblichen Einfluss auf die festgestellte Gewaltprävalenz haben kann.

Im Rahmen der Forschung zu Gewalt gegen Frauen (und Männer) wurden bislang in nationalen Gewaltprävalenzstudien entweder Handlungslisten der sogenannten Conflict-Tactic-Scales (teilweise auch in modifizierter Form) verwendet, oder eigenständige Itemlisten der Violence-against-Women-Forschung, etwa zu Gewalt in Paarbeziehungen oder zu sexueller Gewalt oder eine Mischung daraus. Die sogenannten Conflict-Tactics-Scales (CTS) wurden im Rahmen der US-amerikanischen Family-Violence-Forschung in den 1970er Jahren entwickelt und seither mehrfach modifiziert (vgl. Straus 1990; Straus et al. 1996, zit. n. Schröttle 2010). Sie erfassen neben verbalen Aggressionen und friedlichen Mustern zur Konfliktlösung ein breites Spektrum gewaltsamer körperlicher (in späteren Versionen auch sexueller) Übergriffe in Paarbeziehungen. Die CTS wurden vielfach kritisiert, weil sie geschlechtsneutral auf Übergriffe im Rahmen von Paarkonflikten fokussieren, damit aber schwere systematische Misshandlungen, die teilweise auch einseitig und ohne vorangegangene Streitund Konfliktsituationen von Männern an Frauen verübt werden, nur unzureichend abbilden (was auch die Forscher, die die Skalen entwickelt haben, selbst nachträglich einräumen, Straus zit. nach Godenzi 1996, S. 164 ff; vgl. kritisch zu den CTS: Gloor und Meier 2003 und Schröttle 2010). Allerdings sind die Handlungen der CTS an sich neutral formuliert und wurden vielfach auch in Violence-against-Women (VAW) -Surveys in leicht modifizierter Form verwendet. Wichtig ist jedoch, und hier liegt die Stärke der VAW-Surveys, Schweregrade, Folgen und Kontexte sowie Dynamiken der Gewalt, in weiteren Zusatzfragen abzufragen. Neben Verletzungsfolgen geht es auch darum die Bedrohlichkeit der Handlungen, die Häufigkeit und (langfristige) psychosoziale Folgen zu erfassen, außerdem um die Einbindung der Gewalt in Kontexte von Kontrolle und Machtmissbrauch in Beziehungen sowie um die Frage, ob einseitige oder wechselseitige Gewalt verübt wurde bzw. ob gewaltsame Übergriffe initiativ oder in Gegenwehr erfolgten. Wird dies unterlassen, dann bleiben gerade auch bei geschlechtervergleichenden Untersuchungen und Analysen unterschiedliche Gewaltqualitäten, Dynamiken und die kontextuelle Einbindung in Kontrollund Machtbeziehungen unsichtbar (vgl. Schröttle 2010 und Gloor und Meier 2003; Schröttle 2013). Entsprechende Differenzierungen sind aber auch für die nicht geschlechtervergleichende Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen oder Männer wichtig, um Differenzierungen in der Gewaltbetroffenheit und im Unterstützungsbedarf herausarbeiten zu können (s. auch GigNet 2008 und Schröttle und Ansorge 2008). Hier konnten beispielsweise bundesdeutsche vertiefendende Untersuchungen aufzeigen, dass es sinnvoll ist, die hohe Gewaltbetroffenheit von Frauen durch Partnergewalt differenzierter zu betrachten: wenn jede vierte Frau angibt, mindestens einmal körperliche oder sexuelle Übergriffe durch einen Partner oder Ex-Partner erlebt zu haben, bedeutet dies nicht, dass jede vierte Frau von einer schweren Misshandlungsbeziehung betroffen war; vielmehr hatten etwa ein Drittel der Betroffenen einmalige und leichtere Formen erlebt und zwei Drittel schwere bis sehr schwere Ausprägungen mit Verletzungsfolgen, mehrfach ausgeübter Gewalt und

Abb. 2 Dimensionen des individuellen Gewalterlebens (Kapella et al. 2011)

teilweise auch in Kombination mit systematischer psychischer Gewalt und Kontrolle (vgl. Schröttle und Ansorge 2008). Die unterschiedlichen Ausprägungen der Gewalt gingen auch mit unterschiedlichen (gesundheitlichen) Folgen einher. Entsprechend ist auch von unterschiedlichem Unterstützungsbedarf auszugehen.

Die bisherigen Erfahrungen aus Gewaltprävalenzstudien verweisen also darauf, dass einerseits Gewalt handlungsbezogen anhand von differenzierten Items zu körperlicher, sexueller und psychischer Gewalt abgefragt werden muss, andererseits zusätzliche relevante Aspekte erfasst werden müssen, um eine Einordnung und Differenzierung von Gewalterfahrungen und ihrer Bedeutung zu ermöglichen. Neben den genannten Aspekten zur Schwere, Frequenz, Bedrohlichkeit, Dynamik und Folgen sind das auch Fragen zum Täter-Opfer-Kontext, den Reaktionen und Reaktionsmöglichkeiten der Betroffenen, der Inanspruchnahme von Institutionen und zu weiteren möglichen gewaltbeeinflussenden Faktoren.

Das Spektrum abzufragender Dimensionen wird auch in der vorangegangenen Grafik sichtbar, die im Rahmen der Österreichischen Gewaltprävalenzstudie (Kapella et al. 2011) entwickelt wurde (Abb. 2):

Eine besondere Schwierigkeit stellt die Abfrage sexueller Gewalt dar, einerseits, weil es sich um einen äußerst sensiblen Themenbereich handelt, der die Intimsphäre der Menschen berührt und verstärkt mit schmerzhaften, tabuisierten bis hin zu traumatisierenden Erinnerungen gekoppelt sein kann, andererseits weil sexuelle Gewalt häufig nicht als solche wahrgenommen oder benannt wird, insbesondere bei sexueller Gewalt durch Beziehungspartner oder Angehörige. Hier ist es bei der Formulierung der Fragen besonders wichtig, eine Balance zu finden zwischen Fragen, die möglichst konkret und neutral erfassen, welche Handlungen erlebt wurden, zugleich aber sensibel und nicht zu detailliert Situationen sexueller Gewalt in Erinnerung rufen, da die Gefahr von Retraumatisierungen besteht (vgl. auch Kavemann in diesem Band). So kann beispielsweise durchaus gefragt werden, ob der/die Befragte zu sexuellen Handlungen oder „zum Geschlechtsverkehr gezwungen“ oder ob bei ihr „gegen den Willen mit dem Penis oder etwas anderem in den Körper eingedrungen“ wurde (vgl. Schröttle und Müller in BMFSFJ 2004), vor allem wenn die Interviewenden gut geschult sind und die Befragten explizit daraus hingewiesen wurden, dass sie entsprechende Fragen nicht beantworten müssen bzw. problemlos überspringen können. Schwieriger wird es, wenn in den Fragen eine Täterperspektive eingenommen oder das Opfer unnötig stark an Details erinnert wird, wie im folgenden Beispiel einer Befragung zu sexuellem Missbrauch in Kindheit und Jugend von 2011, wo unter anderem gefragt wurde, wie häufig folgende Situationen in Kindheit und Jugend aufgetreten waren (vgl. Stadler et al. 2011, S. 17):Hier ist problematisch, dass das Opfer die Motive des Täter mit berücksichtigen soll (z. B. ob es seine Intention war, sich zu erregen) und auch, dass die Handlungen aus der Perspektive des Täters (und nicht des Opfers) beschrieben und unnötige Details zur Handlung erfasst werden. Niedrigschwelliger wäre es hier, danach zu fragen, ob die Person „an intimen Stellen berührt“ oder „zu sexuellen Handlungen gedrängt/gezwungen“ wurde (siehe Schröttle und Müller in: BMFSFJ 2004). Darüber hinaus ist darauf zu achten, dass auch sexuelle Gewalthandlungen geschlechtsneutral formuliert werden, um weibliche Täterinnen und männliche Opfer identifizieren zu können.

Ein weiterer methodisch relevanter Aspekt in der Erfassung von Gewalt im Rahmen von Gewaltprävalenzstudien sind die Erfassungszeiträume. In der Regel wird unterschieden zwischen Gewalt in Kindheit/Jugend und Gewalt im Erwachsenenleben (ab dem 16. oder 18. Lebensjahr). Darüber hinaus wird aber zumeist auch nach Gewalt in den letzten (drei oder fünf) Jahren sowie in den letzten 12 Monaten gefragt, um aktuelle von weiter zurückliegenden Handlungen unterscheiden und auch altersgruppenspezifische Vergleiche in der aktuellen Gewaltbetroffenheit anstellen zu können. Da der in kriminologischen Studien häufig verwendete 12-Monats-Zeitraum jedoch oft nur geringe Betroffenheitsraten und damit auch zu niedrige Fallzahlen für aussagekräftige Ergebnisse und vergleichende Analysen hervorbringt, empfiehlt es sich, längere Zeitfenster von drei oder fünf Jahren (ggf. zusätzlich) zu wählen. Dies erscheint auch vor dem Hintergrund sinnvoll, dass bei Gewalt in Familienund Paarbeziehungen aber auch bei anderen Formen fortgesetzter Gewalt im sozialen Nahraum (Mobbing, Stalking) die Erfassung länger andauernder Gewalt für die Einschätzung der Gewaltqualität, -schwere und –folgen hoch relevant ist.

Darüber hinaus gibt es eine Auseinandersetzung darüber, ob Prävalenz (generelle Gewaltbetroffenheit in einem bestimmten Erfassungszeitraum) oder Inzidenz (Anzahl von Handlungen/Situationen in einem definierten Zeitraum) erfasst werden soll. Letzteres wird eher von kriminologischer Seite befürwortet, die einen Abgleich mit Kriminalstatistiken sucht und auf konkrete Gewaltsituationen fokussiert, Ersteres eher von Forschenden, die vor allem bei fortgesetzter häuslicher Gewalt und Gewalt im sozialen Nahraum den gesamten Tatzusammenhang und nicht vorwiegend die Einzelhandlung oder Einzelsituation im Blick haben. Tatsächlich entspricht die Erfassung von Gewalt anhand der Anzahl von Situationen häufig nicht der Perspektive der Opfer, die sich bei fortgesetzter Gewalt in der Regel nicht an die genaue Anzahl von Situationen erinnern können. Die Erfassung von Prävalenz und Inzidenz in einer Gewaltstudie schließen sich jedoch nicht aus. Vielfach wird beides erfasst: sowohl die generelle Gewaltbetroffenheit als auch Hinweise auf die Häufigkeit von Situationen in bestimmten Erfassungszeiträumen (vgl. Auch Martinez und Schröttle 2006). Um gerade bei hoch frequentierter Gewalt in Familienund Paarbeziehungen eine Beantwortung durch das Opfer zu ermöglichen, können jedoch auch gröbere Unterteilungen vorgenommen werden (zum Beispiel für den Einjahreszeitraum: eine Situation, zwei bis drei Situationen, vier bis zehn Situationen, mehr – einmal im Monat/wöchentlich/täglich). Solche Informationen sind durchaus wichtig, um die Schwere und Qualität der Gewaltbetroffenheit zu ermitteln. sie sollten aber Befragte nicht vor schwer zu lösende Rechenaufgaben im Kontext der oft mit Scham verbundenen Gewalterfahrungen stellen.

Ein wichtiger Punkt bei der Entwicklung von Fragebögen, auch unabhängig vom Thema, ist die Verwendung einer leicht verständlichen Sprache ohne Fremdwörter und komplexe Satzkonstruktionen. Gerade vor dem weiter oben beschriebenen Hintergrund, dass Menschen, die aufgrund von Kommunikationsbarrieren häufig bei Bevölkerungsumfragen nicht ausreichend berücksichtigt werden, oft besonders stark von Gewalt betroffene bzw. vulnerable Bevölkerungsgruppen sind, ist die Verminderung von Kommunikationsbarrieren und anderen Teilhabeeinschränkungen in Gewaltprävalenzstudien ein zentraler Punkt. Für die Fragebogenentwicklung bedeutet das unter anderem, dass die Fragebögen in mehrere Sprachen übersetzt werden müssen (sowohl in wichtige Fremdsprachen als auch in Leichte Sprache für kognitiv beeinträchtigte Menschen und in Deutsche Gebärdensprache für Gehörlose). Zudem ist auch bei der inhaltlichen Gestaltung der Fragebögen darauf zu achten, dass spezifische Probleme und Rahmenbedingungen unterschiedlicher Zielgruppen berücksichtigt werden, zum Beispiel von Menschen, die eine Behinderung haben oder die in stationären Einrichtungen leben und/oder von Menschen, die Gewalt im Kontext unterschiedlicher Diskriminierungserfahrungen oder auch im Kontext prekärer sozialer Lagen erlebt haben). Zudem ist eine allein auf das heteronormative Geschlechterverhältnis orientierte Perspektive, die Aspekte wie Rassismus, Exklusion von Menschen mit Behinderungen, mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen, von Inter-/Transsexuellen und Menschen in spezifischen Abhängigkeitsverhältnissen außen vor lässt, zu verkürzt um relevante Hintergründe und Problemzusammenhänge zu erfassen. Die oft marginalisierten und exkludierten Zielgruppen systematisch inhaltlich und methodisch bei der Fragebogengestaltung zu berücksichtigen stellt eine wichtiges Qualitätsmerkmal von Gewaltprävalenzstudien dar, das allerdings auch mit einem erhöhtem finanziellem und organisatorischem Aufwand verbunden ist und bei der Kostenkalkulation entsprechend einbezogen werden muss. Um diese oftmals vernachlässigten Zielgruppen tatsächlich zu erreichen und in vergleichende Analysen einbeziehen zu können, ist neben den bereits weiter oben genannten Stichprobengrößen bzw. Zusatzstichproben auch die Auswahl und Schulung der Interviewer/innen von Bedeutung. Darüber hinaus sind Betroffene der unterschiedlichen Zielgruppen in den gesamten Forschungsprozess systematisch einzubeziehen, im besten Fall über die aktive Mitarbeit am/im Forschungsprojekt, aber auch über die Begleitung durch Beiräte und Gruppen von Expertinnen und Experten.

  • [1] Hier geht es unter anderem darum, im Rahmen größerer regelmäßig durchgeführter Befragungen (zum Beispiel in Gesundheitssurveys) die Gewaltausmaße auch außerhalb spezifischer Gewaltprävalenzstudien zu erfassen.
 
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