Die Durchführung von Einzelinterviews: Die Gestaltung der Interviewsituation

Das Besondere an Einzelinterviews gegenüber anderen Erhebungsverfahren ist die dyadische, in komplementären Rollen (Fragende – Antwortende, Hörende – Erzählende) asymmetrisch angelegte Konstellation und die interaktive Dichte zwischen den Beteiligten. Die Chance liegt darin, dass in einem guten Bezug aufeinander eine Vertrautheit entwickelt wird, die auch eine offene Erzählung zu Gewalt tragen kann. Die interviewende Person hat eine starke Position und ihr persönliches Auftreten hat in dieser Eins-zu-eins-Situation eine deutlich höhere Bedeutung als

z. B. in Gruppendiskussionen. Weitere Aspekte, die bei der Gestaltung einer Interviewsituation beachtet werden sollten, gelten allgemein und können nachgelesen werden (Helfferich 2011).

Ein qualitatives Interview wird häufig naiv vorgestellt als eine Situation, in der eine Person Fragen beantwortet und dabei das äußert, was sie in sich trägt, erinnert oder denkt. Merkmal eines guten Interviews wäre es dann, dass der situative Kontext dabei sekundär wird, weil die antwortende Person ganz bei sich ist. Der wichtigste Schlüssel für eine angemessene Ausgestaltung der Interviewsituation gerade bei einem tabuisierten Thema liegt aber darin, diese naive Vorstellung abzulegen und die Interviewsituation prinzipiell als eine Interaktionsund Kommunikationssituation zu sehen. In dieser Interaktion findet eine Erzählung über Gewalt statt und diese ist nicht die Erzählung nur der einen Person (die allerdings sehr wohl die Hauptlast der Erzählung trägt), sondern sie ist eine Koproduktion. Bei Interviews zum Thema Gewalt ist diese interaktive Erzeugung der Erzählung in besonderer Weise von Unsicherheiten und Ängsten bei beiden Beteiligten bestimmt.

Unsicherheiten aus der Erzählperspektive Einerseits ist die Interviewsituation im Vergleich mit der Alltagskommunikation für die Erzählperson handlungsentlastet, denn die Anonymität und der enge Fokus der Begegnung mindern das Risiko, dass jemand auf das Erzählte persönlich zurückkommt und Folgen einfordert. Andererseits stellt eine offene Interviewsituation insbesondere für wenig erzählgeübte Personen hohe Anforderungen. Stotternde Interviewanfänge, Verzögerungen zum Zeitgewinn („Eine gute Frage“, „Oh je“) und Rückfragen mit einer Bitte um Konkretisierungen („Was wollen Sie da genau wissen“) zeigen an, dass das, was methodologisch Sinn macht – die Offenheit –, für die Erzählperson eine Zumutung sein kann. Die Erzählperson fragt sich nicht nur „Was will ich erzählen?“, sondern auch „Was soll ich erzählen?“ Die Erwartungen der Interviewführung, was erzählt werden soll, werden aber gerade zurückgenommen und die Erzählperson wird auf sich selbst verwiesen. Das gilt allgemein; bei Erzählungen zu Gewalt gewinnen zusätzlich weitere Fragen an Bedeutung:„Was kann und was darf ich erzählen?“ Die gemeinsame Situationsdefinition als „Interview über Gewalt“ beinhaltet noch nicht, in welchem Maß Gewalt, die den Rahmen der Normalität sprengen kann, berichtet werden kann, darf oder soll.

Eine weitere Unsicherheit ergibt sich daraus, dass, strukturell im Interviewsetting angelegt, die interviewte Person nur eine schwache Kontrolle über die Situation hat: Sie weiß nicht, welche Fragen noch kommen und ob sie möglicherweise durch Fragen beschämt wird. Nach dem Interview hat sie keine weitere Kontrolle darüber, was mit dem intimen Wissen über sie geschieht.

Unsicherheiten aus der Zuhörperspektive Die interviewende Person hat zwar die Kontrolle über die Fragen, nicht aber über die Antworten. Aus ihrer Perspektive kann sie sich nicht sicher sein, wie schlimm die Geschichte und wie intensiv sie als Interviewerin in diese Geschichte hineingezogen werden wird, und sie sorgt sich möglicherweise, ob ihr die Situation entgleiten wird.

Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, über rhetorische Strategien auf Seiten der Interviewten ebenso wie auf Seiten der Interviewenden Bescheid zu wissen, mit denen in der Interviewsituation diese Unsicherheit abgebaut wird.

 
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