Wissenscha ftliche Rekonstruktion sexualisierter Gewalt als Aufgabe reflexiver Sozialpsychologie: Am Beispiel zweier Benediktiner-Internate

Gerhard Hackenschmied, Heiner Keupp und Florian Straus

Im Jahr 2010 ist nach der Veröffentlichung der Missbrauchsfälle am Berliner Canisiuskolleg des Jesuitenordens enormer öffentlicher Druck auf alle konfessionellen und nicht-konfessionellen Internate entstanden, sich der eigenen Geschichte zu stellen. In aller Regel erfolgte dieser Schritt nicht aus eigener Einsicht, sondern wurde von ehemaligen Schülern erzwungen. Viele von ihnen wollten sich nicht mit finanziellen Kompensationen zufrieden geben, sondern ihnen war es wichtig, dass die in ihnen – teilweise dramatisch – fortwirkenden Grenzüberschreitungen von Patres, Präfekten und Lehrern benannt werden und den Opfern eine Stimme gegeben wird. Wenn man dieses Anliegen ernst nimmt, dann stellen sich die Fragen, in wessen Auftrag eine wissenschaftliche Studie auf den Weg gebracht und in welchem Selbstverständnis dieser Auftrag fachlich bearbeitet wird.

Dieser Text geht auf gemeinsame Diskussionen mit Wolfgang Gmür und Peter Mosser zurück, mit denen gemeinsam auch die beiden Studien durchgeführt wurden, auf die dieser Text Bezug nimmt.

Mit diesen Fragen beschäftigt sich dieser Beitrag. Er beruht auf den Erfahrungen mit Projekten, die in zwei Internaten in der Trägerschaft des Benediktinerordens durchgeführt wurden. Das erste Forschungsprojekt zum Klosterinternat Ettal ist abgeschlossen und wurde öffentlich präsentiert (Keupp et al. 2013), ein weiteres Projekt folgte dann im Auftrag des Stifts Kremsmünster.

Vorgeschichte und Beauftragung

Das Jahr 2010 wird in der Geschichte des Klosters Ettal eine besondere Rolle einnehmen. Ausgelöst durch Berichte aus dem Canisius-Kolleg in Berlin wurden ähnliche Vorfälle im Kloster Ettal bekannt, in denen Patres sexueller Missbrauch, körperliche und psychische Misshandlungen vorgeworfen wurde. Die Vorwürfe sorgten in einer breiten Öffentlichkeit für Betroffenheit, Empörung und auch ungläubiges Erstaunen. Im Mittelpunkt standen zunächst Fragen, ob und wie viele Taten es wirklich gegeben hat, wer die Täter sind und ob diese noch strafrechtlich belangt werden können bzw. wie die Vorwürfe der Körperverletzungen unter dem damals geltenden Züchtigungsrecht zu bewerten sind. Neben dieser juristischen Klärung gerieten zunehmend auch andere Fragen in den Mittelpunkt. Welche individuellen, institutionellen und gesellschaftlichen Hintergründe haben zu diesen Taten geführt, und warum sind diese erst jetzt öffentlich geworden? Eine erste Analyse wurde in einem gut recherchierten Buch von den Journalisten der Süddeutschen Zeitung Bastian Obermayer und Rainer Stadler unter dem Titel „Bruder, was hast Du getan?“ 2011 vorgelegt. Es ist die erste übergreifende Darstellung der Täter, der Opfer und der Rahmenbedingungen.

Unterstützt wurden die Autoren vom Verein Ettaler Misshandlungsund Missbrauchsopfer e. V., nicht jedoch vom Kloster. Für viele der Opfer hatte das Buch die wichtige Funktion, dass die Taten nicht mehr nur als individuelle Berichte erscheinen und die namentlich genannten Täter nun am öffentlichen Pranger stehen. Dem Opferverein ging es aber auch darum, dass das Kloster selbst die Verantwortung dafür übernimmt, dass das Bedingungsgefüge intensiver erforscht wird, das es ermöglicht hat, dass über Jahre währende Grenzüberschreitungen von Mönchen, Präfekten und Lehrkräften möglich waren und nicht verhindert wurden. Ins Zentrum sollten die Erfahrungen der ehemaligen Schüler gerückt werden und es sollte auch eine Rekonstruktion der Kontextbedingungen dieser Erfahrungen in einem katholischen Internat erfolgen. Mit diesen Erwartungen wurde dann der Kontakt zum Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) aufgenommen, das mit seiner Forschungserfahrung und seiner Orientierung an der Reflexiven Sozialpsychologie (vgl. Keupp 1994; i.E.) geeignet schien, ein Forschungsprojekt mit einem solchen Erwartungsprofil zu realisieren. Die Festlegung des Auftrags erfolgte im Einvernehmen aller Beteiligten: dem Abt des Klosters, Vertretern des Opfervereins und des IPP-Forschungsteams. In den Mittelpunkt wurde das Ziel einer konstruktiven Vergangenheitsbewältigung gestellt. Konkret ging es um den Prozess des gemeinsamen Verstehens zwischen den Opfern von (körperlichen, psychischen und sexuellen) Misshandlungen und der Benediktinerabtei Ettal. Die den Auftrag strukturierenden Fragen, zu denen das Forschungsprojekt Antworten liefern sollten, waren die folgenden:

• Wie waren diese Missbrauchsund Misshandlungsvorfälle überhaupt möglich?

• Warum konnten die Taten nicht verhindert werden?

• Warum hat es so lange gedauert, bis diese ans Licht der Öffentlichkeit kamen?

• Warum existieren so viele unterschiedliche Wahrnehmungen von der gleichen Zeit in Ettal?

 
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