Selektion der Interviews

Den Kern der Untersuchungen bilden qualitative Interviews mit ehemaligen Schülern und Patres [1], die in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis um das Jahr 2000 an der Schule waren – und als Ergänzung mit Eltern und Ehepartnern der (Internats-)Schüler bzw. Experten. Insgesamt wurden 41 (E) bzw. 64 problemzentrierte Interviews (K) geführt Eine repräsentative Stichprobe aus den Schülerjahrgängen, in denen sadistische und sexualisierte Gewalt besonders gehäuft vorkam, war nicht möglich, weil die Bereitschaft der ehemaligen Schüler das entscheidende Kriterium für die Teilnahme an der Studie war. Die Gewinnung der ehemaligen Schüler gelang über mehrere Kanäle. Dabei war das übliche Vorgehen diese nicht direkt zu kontaktieren, sondern grenzachtend Ihnen die Möglichkeit zu geben, von sich aus mit dem IPP Kontakt aufzunehmen. Somit fielen Personen, die über das Erlebte nicht sprechen wollen oder aufgrund aktueller Befindlichkeit nicht können aus dem Interviewpool heraus. In der Ettalstudie konnten über den Opferverein Personen gewonnen werden, die sich als Gewaltopfer ansehen. Personen, die sich nicht als Opfer ansehen, konnten durch Bemühungen des Klosters gewonnen werden. In der Studie zu Kremsmünster wurde ein Aufruf des IPP zur Interviewteilnahme, bei dem sowohl Personen, die sich als Opfer bzw. als Nicht Opfer ansehen, angefragt wurden, sowohl über die Presse[2], das Internetforum als auch über die Jahrgangssprecher als Verteiler publik gemacht. Bei den ausreichenden Rückmeldungen zeigte sich eine ausgeglichene Verteilung über die Jahrzehnte und ein gutes Verhältnis von Opfern zu Nicht Opfern. Allerdings war die Gruppe der Schüler, die vor der Matura die Schule verlassen haben, unterrepräsentiert, so dass über das Internetforum erneut ein gezielter Aufruf gestartet wurde. Im Gegensatz hierzu haben wir mit vier ehemaligen Schülern (K) aufgrund vorhandener Vorinformationen von uns aus versucht, ein Interview zu vereinbaren, was nur in einem Fall nicht gelungen ist. Die Gewinnung der Angehörigen geschah in beiden Projekten über die interviewten ehemaligen Schüler und stieß auf geringe Resonanz.

Die Interviewauswahl der Patres erfolgte durch das IPP in Absprache mit den Klostervertretern. Alle Ausgewählten waren hierzu bereit. Neben aktuellen Verantwortungsträgern in Kloster, Internat und Schule konnten so die lebenden Patres, gegen die Vorwürfe erhoben wurden und die Mitglied des jeweiligen Klosterkonvents[3] sind, befragt werden. Viele der Patres sind ehemalige Schüler[4], so dass auch sie über ihre Schulerlebnisse befragt werden konnten.

Methodische Triangulation

Die problemzentrierten Interviews boten den Befragten die Möglichkeit ihre Selbstund Wirklichkeitskonstruktion im Rahmen ihrer Internatssozialisation und die Einschätzung der Aufarbeitungsbemühungen vor den Interviewern dazulegen. Die dabei gewonnen Informationen erlauben einen Einblick in die subjektive Innenwelt und durch die qualitative Befragung können unerwartete, neue Informationen gewonnen, Bedeutungsdivergenzen geklärt und gleichzeitig Widersprüche und Ambivalenzen sichtbar werden (vgl. Hohl 2001). Im Sinne einer methodischen Triangulation (vgl. Flick 2011) konnten auch Gerichtsakten (K) bzw. vorhandene Analysen durch Juristen (E), Archivmaterial, Medienberichte, E-Mails, Online Forumsdiskussionen sowie persönliche Mitteilungen einbezogen werden.

  • [1] Fast alle von uns interviewten Mönche sind Priester und daher Patres. Mönche ohne Priesterweihe werden bei den Benediktinern als Fratres bezeichnet.
  • [2] Im Rahmen der Berichterstattung im Vorfeld der Gerichtsverhandlung eines ehemaligen Paters.
  • [3] Auf die Interviewanfrage an den ehemaligen Pater, der aufgrund der juristischen Ermittlungen aus dem Konvent des Klosters Kremsmünster ausgeschieden ist, erhielten wir keine Antwort.
  • [4] (E): von 12 interviewten Patres 5; (K) von 15 Patres 14.
 
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