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4.2 Übertragungs-/Gegenübertragungseffekte

In eine Klosterund Internatswelt mit dem Auftrag der Forschung hinein zu gehen, löste bei den Forschenden eine Vielfalt von Gefühlen, Identifikationen und Abwehrhaltungen aus. Die eigene religiöse Sozialisation im katholischen Milieu oder auch ein protestantischer lebensweltlicher Hintergrund, ebenso eigene Schulerfahrungen erforderten eine systematische Reflexion zu eigenen Wahrnehmungsund Erlebnismustern seitens der Sozialwissenschaftler. Es bestand ein hoher Anspruch an die Interviewer, die sowohl Interviews mit den Gewaltopfern als auch mit den Tätern bzw. Mitwissern oder aus einer anderen Perspektive mit Personen, die jetzt ihr ehemaliges Klosterinternat beschuldigen/anklagen bzw. verteidigen, führten. Somit galt es sich in unterschiedliche Lebenswelten und Positionen verstehend einzufühlen und eine innere vertrauensvolle Haltung zu entwickeln, die es den Interviewten ermöglichte, möglichst uneingeschränkt ihre Selbsterzählung, mit entsprechenden Erlebnissen, Wertungen, Gefühlen und Ambivalenzen zu erzählen. Gerade in der Begegnung mit nachgewiesenen Tätern war es immer wieder eine besondere Aufgabe, die eigenen Gefühle und Haltungen methodisch zu kontrollieren. In aller Regel haben wir deshalb solche Interviews auch zu zweit geführt.

Durch die Forschungssituation erhielten die Opfer ein einmaliges Gesprächsangebot mit einem interessierten Forscher über ihre Gewalterfahrungen offen sprechen zu können, was für sie sowohl entlastend als auch belastend sein konnte.

Selbstverständlich haben wir uns auch Gedanken bzgl. einer möglichen Retraumatisierung durch die Interviewsituation gemacht. Im Gegensatz zu den Tätern haben wir die Opfer nicht konfrontativ befragt und es ihnen überlassen, inwieweit sie über die erlebte (sexualisierte) Gewalt und die damit verbundenen Erinnerungen und Gefühle sprechen wollen. Auch bei den oftmals erwähnten Erinnerungslücken wurde nicht weiter nachgefragt. Berichtete Gewalterlebnisse wurde nicht angezweifelt. Innerhalb der Interviewsituation ist es zu keinen Flashbacks gekommen. Falls wir den Eindruck hatten, dass ein Interviewter durch das Berichtete aktuell massiv belastet ist, haben wir nach Unterstützung (Familie, Freundeskreis, Therapeuten) im bestehenden sozialen Netzwerk gefragt und uns als Gesprächspartner (für die Vermittlung in entsprechende Beratung/Therapie) angeboten, was von niemanden wahrgenommen wurde. Vereinzelt haben sich bei uns auch Personen gemeldet, die sich als Opfer ansehen und angaben, dass ein Interview für sie zu belastend sei. Von einem Interviewten, der im Interview stabil wirkte, haben wir erfahren, dass er nach einiger Zeit nach dem Interview Selbstmord begangen hat.

 
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