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4.3 Zugang zu einer fremden Lebenswelt

Eine klösterliche Lebensgemeinschaft und das in ihr eingebettete Internat sind für Menschen, die dort nie selbst sozialisiert wurden und gelebt haben, eine zunächst fremde Lebenswelt. Sie kann bei Forschern das Gefühl entstehen lassen, einem ihnen unbekannten Stamm in einer fernen Welt zu begegnen. Diese Situation lässt sich als durchaus ambivalent kennzeichnen. Sie führt einerseits notwendigerweise zu einem systematischen Nachfrageverhalten, um bestimmte Erzählungen nachvollziehen und einordnen zu können. Erste Probeinterviews hatten auch den Charakter des Herantastens an eine – oft irritierend – fremde Welt. Andererseits – und das ist die problematische Seite – erzeugt eine fremde Welt auch die Haltung des Exotismus, also einer Wahrnehmungsfixierung auf das, was einen durch seinen ausgesprochen exotischen Charakter fasziniert oder auch ängstigt und irritiert (Erdheim 1988; Hörter 2011). Die dadurch geförderte Selektivität der Forscherperspektive erfordert eine Reflexivität im Forscherteam, die zum notwendigen Korrektiv wird.

4.4 Erarbeitung einer „dichten Beschreibung“

Durch die Befragung unterschiedlicher Akteure entsteht erst einmal eine Ansammlung unterschiedlicher Erfahrungen, Erinnerungen und Erzählungen, die kein homogenes oder kohärentes Gesamtbild entstehen lassen. Die Erzählungen der von Grenzüberschreitungen betroffenen ehemaligen Schüler, solche von scheinbar völlig unbelasteten Mitschülern, von denen einige ihre Internatszeit verklären, bis hin zu Erzählungen von Mönchen, die teilweise selbst als Schüler sexualisierte und physische Gewalt erlebt haben, die dann als Präfekten und Lehrer tätig waren und teilweise auch zu Tätern wurden, ergeben ein widersprüchliches und heterogenes Panorama. Einzelne Interviewaussagen als Pars pro toto zu nehmen, würde der Komplexität der Erfahrungswelten nicht gerecht und auch der Versuch, z. B. zu schwierige Themen wie der Beichte oder dem mönchischem Gemeinschaftsleben, spezifische Sichtweisen herauszufiltern, sind nie vor der Kritik gefeit, genau diese Komplexität ignoriert zu haben (vgl. die Stellungnahme von Koci [2013] zur Ettalstudie). Der Anspruch, diese Unterschiedlichkeit der Narrationen zu akzeptieren und daraus ein interpretatives Muster des Gesamtsystems entstehen zu lassen, das nicht glättet und Differenzen leugnet, erfordert eine methodische Zugangsweise, die Ähnlichkeiten mit Clifford Geertz´(2003) Konzept der „dichten Beschreibung“ aufweist. Der Ethnologe beschreibt mit diesem Konzept die Herangehensweise an eine fremde Kultur. Uns Forschern drängte sich auch immer wieder das Bild auf, uns in einer fremden bis befremdlichen Welt zu bewegen, die wir aber in ihrer spezifischen Eigenweltlichkeit verstehen wollten. Deshalb war es notwendig, uns durch unablässiges Nachfragen bei den teilhabenden Akteuren, die unterschiedliche historische Perioden als Schüler, Präfekten, Lehrer und Klosterverantwortliche erlebt und mitgestaltet haben, Sichtweisen, Erfahrungen und Bewertungen einzuholen. So konnten wir die Grundlage dafür sichern, einzelne Aussagen nicht als die einzige mögliche „Wahrheit“ zu akzeptieren, sondern auch widersprüchliche Aussagen als „Wahrheiten“ ernst zu nehmen, die erst in ihrer Gesamtheit die Kultur einer Institution repräsentieren.

 
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