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4.5 Nachträglichkeit individueller und kollektiver Erinnerungen

Die Befragten ehemaligen Schüler in den beiden Studien sind im Alter zwischen 35 und 80 Jahren und das heißt, dass ihre Erzählungen in erster Linie Erfahrungen enthalten, die mehrere Jahrzehnte zurückliegen. Erinnerungen haben nicht den Charakter eines Videobandes, das Realabläufe dokumentiert, sondern sie sind einem ständigen lebensgeschichtlichen Bearbeitungsprozess unterworfen und die zu einem spezifischen Zeitpunkt erfolgende Narration muss verstanden werden als das, was frühere Erlebnisse für ein Subjekt gegenwärtig bedeuten. Auf diesen aktiven Prozess der Erinnerungsarbeit bezieht sich das Konstrukt der „Nachträglichkeit“, das Freud eingeführt hat (vgl. Kirchhoff 2009). Es kann verstanden werden als ein Versuch, bei dem „Zusammenhänge durch nachträgliche sinnerschließende Reinterpretation subjektiver Vergangenheit nicht nur aufgedeckt, sondern geschaffen, konstituiert werden“ (Eickhoff 2005, S. 140). Bezogen auf die Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen mit sexualisierter Gewalt kann das einerseits bedeuten, dass sie zum Zeitpunkt der Grenzüberschreitungen noch gar kein Bedeutungsschema für Sexualität entwickelt hatten und sie erst mit dem Erwachsenwerden diese Erfahrungen benennen und einordnen konnten. Das aber ist kein rein kognitiver Akt, sondern er wird bestimmt von aktuellen Erfahrungen (z. B. durch das Scheitern reifer Sexualbeziehungen), durch Tabus und Schamgefühle, die bei Männern die Aufdeckung von Missbrauch und Grenzverletzungen in besonderer Weise verhindern (vgl. Mosser 2009). Nachträglichkeit ist auch ein Vorgang, der bei Tätern in aller Regel die eigene Geschichte formatiert. Für sich selbst, aber auch in den Interviews bieten sie Deutungen an, die das eigene Fehlverhalten derealisieren[1] und ein positives Selbstwertgefühl absichern sollen (vgl. Baldenius 1998). Da werden dann pseudotherapeutische oder pflegerische Tätigkeiten genannt, die es notwendig machten, die körperliche oder psychische Integrität von Kindern oder Jugendlichen zu verletzen. Auch die emotionale und körperliche Anlehnungsbedürftigkeit der Schutzbefohlen wird genannt. Die Traumaforschung zeigt, dass Lebensereignisse oft in ihren Folgen für die Subjekte so unerträglich sind, dass sie aus der Erinnerung ausgeschlossen oder von ihren emotionalen Folgen abgetrennt werden. Selbst das Miterleben von Gewalt in der Kindheit, gegen die man keine Chance hatte sich zu wehren oder das reale Opfer zu schützen, kann traumatisch nachwirken (vgl. Dlugosch 2010).

Nicht nur die individuelle Erinnerungsarbeit hat zum Ziel, Erlebtes in die eigene Biographie zu integrieren und zwar so, dass sie ein erträgliches Weiterleben ermöglicht. Es gibt auch kollektive Erinnerungen, die es den Subjekten erlauben, das eigene Leiden zu normalisieren (z. B. „Watschn waren normal oder sie haben uns nicht geschadet!“) oder aber auch die erfahrenen Grenzverletzungen endlich ansprechen zu können. Wie die moderne Gedächtnisforschung zeigt, funktioniert das Gedächtnis kommunikativ (Welzer 2002; Kühner 2008). Es gibt kollektive Abwehrprozesse, die beispielsw;eise bei Klassentreffen viele Jahre nach dem Verlassen des Internats dazu beitragen können, die Fassade eines schönen Scheins zu polieren. Es können aber auch Szenen wieder lebendig werden, wenn sie von anderen thematisiert werden. Gerade die öffentliche Thematisierung von massivem Missbrauch in kirchlichen und pädagogischen Institutionen 2010 hat bei vielen ehemaligen Schülern aus solchen Institutionen die Veröffentlichungsbereitschaft gefördert. Hinzu kamen Selbsthilfeorganisationen und Social Media, in denen zum Austausch von Erinnerungen aktiv ermutigt wurde. Aus ihnen sind auch Empowermentprozesse entstanden, die Opferorganisationen darin gestärkt haben, gegenüber den Institutionen Entschädigungsforderungen zu erheben und auch eine fundierte wissenschaftliche Rekonstruktion von unabhängigen Sozialwissenschaftlern zu fordern.

  • [1] Den Abwehrprozess der „Derealisierung“ haben Alexander und Margarete Mitscherlich (1967) in Ihrem Klassiker zum Verhältnis vieler Deutscher zur NS-Geschichte beschrieben.
 
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