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4.6 Historische Kontextualisierung der Diskurse

Um die Gewaltereignisse in den Benediktinerinternaten historisch einordnen zu können, ist es zwingend nötig, sich u. a. mit den Veränderungen in folgenden gesellschaftlichen Diskursen auseinander zu setzen. Obwohl im problemzentrierten Interviewleitfaden keine Fragen zu diesen sich veränderten Diskursen enthalten waren, wurde in den Interviews von Seiten der Interviewten oftmals darauf im Sinne einer Alltagserklärung für das Vorgefallenen Bezug genommen, speziell auf die Normalität der Gewalt und die Tabuisierung der Sexualität in der früheren Erziehung. Bei der Analyse der Interviews galt es diese Diskursveränderungen und deren Erklärungsanteil für die Beantwortung der Forschungsfragen mitzudenken. Erst nachdem die Gewalt in der Erziehung massiv problematisiert wurde, kam es zu Gesetzesänderungen im Sinne des Kindeswohls. Ein veränderter Diskurs zum Thema Sexualität führte zur Enttabuisierung der Sexualität und zu einer veränderten Sexualpädagogik. Gleichzeitig wurde auch das Bewusstsein für sexuellen Missbrauch in der Erziehung gestärkt. Die veränderten Diskurse veränderten auch den wissenschaftlichen Rückblick auf die vergangenen Zeiten mit einem sensibleren Blick auf alle Formen von Gewalt im Erziehungsalltag und den darin enthaltenen sexuellen Missbrauch.

(1) Pädagogische Diskurse

Innerhalb des letzten Jahrhunderts ist es zu einem Paradigmenwechsel in der Erziehung gekommen. So hatten Kinder früher kaum Rechte und es galt, sie vorwiegend in die gegebene als natürlich/gottgegeben verstandene Gesellschaftsordnung einzupassen (Hafeneger 2011). Hierzu musste die böse/sündige/triebhafte Natur und der Wille des Kindes in der Erziehung u. a. unter Zuhilfenahme von Manipulation, Drohung, Repression und Gewalt zuerst gebrochen und dann veredelt werden, um so aus ihnen ehrbaren und kulturfähige Erwachsenen zu machen (Keupp 2012). Im Gegensatz hierzu steht (heute) die Annahme, dass der Mensch von Natur aus gut ist, die Gesellschaftsordnung eine sozial „ausgehandelte“ Machtordnung ist und in der Erziehung die Anlagen, Kreativität, Neugier und Persönlichkeit des Kindes zu fördern ist. Gleichzeitig entwickelten sich Kinderrechte, die dem Kindeswohl dienen und Kinder und Jugendliche vor Gewalt schützen.

(2) Sexualitätsdiskurse

Der Sexualitätsdiskurs war im letzten Jahrhundert noch lange durch den Einfluss der christlichen (katholischen) Sexualmoral geprägt. Die katholische Sexualmoral kennzeichnete sich durch eine ausgeprägte Lustfeindlichkeit aus (vgl. Ranke-Heinemann 2012). Keuschheit war das oberste gottgefällige Ideal und allenfalls diente die Sexualität der Fortpflanzung in der Ehegemeinschaft. Es wurden u. a. alle Arten der Samenverschwendung bzw. der Sexualität ohne Fortpflanzungsabsicht (Verhütung, Onanie, Coitus interruptus, Homosexualität), sexuelle Gedanken und Untreue als (schwere) Sünde betrachtet, uneheliche Kinder wurden stigmatisiert und die Sexualität unterlagt der Tabuisierung. Dies änderte sich auf breiter Basis in den sechziger Jahren durch die sexuelle Revolution, die als Protest der jungen Generation die bisher herrschende Sexualmoral ins Wanken brachte und als Folge die Sexualität aus ihrer Tabuisierung befreite, aber auch zur Kommerzialisierung der Sexualität führte. Im Rahmen des Sexualitätsdiskurses wurde auch der Missbrauchsdiskurs geführt. Ausgehend von der Frauenbewegung wurde der sexuellen Missbrauch von Mädchen durch Männer innerhalb und außerhalb der Familie zum Thema. Erst in den letzten Jahrzehnten öffnete sich der gesellschaftliche Diskurs auch für die Themen wie Missbrauch in Institutionen, Männer als Missbrauchsopfer und Frauen als Täterinnen. Die katholische Kirche hat am allerlängsten Sexualität in den traditionellen Moralfesseln belassen. Und bis heute wirkt es aufsehenerregend, wenn von einem Theologen gefordert wird, „den Eros zu entgiften“ (Lintner 2011).

(3) Therapeutische Diskurse

Obwohl S. Freud in seiner Verführungstheorie erklärt, dass alle „Abwehr-Neuropsychosen“ „durch reale sexuelle Traumatisierungen in der Kindheit verursacht seien“ (vgl. Ehlert-Balzer 2000, S. 781), rückte später bei seinen theoretischen Überlegungen die Innenwelt des Patienten in den Vordergrund. Dadurch fiel der Blick stärker auf die innerpsychischen Verarbeitungsfunktionen des Patienten und vor allem auf seine Phantasien. Die Folge davon war nicht selten die Ignoranz gegenüber realen Erfahrungen der Grenzüberschreitungen in Familien und auch in Kinderheimen und Internaten. Auch in psychiatrischen Gerichtsgutachten wurde dadurch die Glaubwürdigkeit der Missbrauchserzählung von Kinder und Jugendliche oftmals als Phantasien oder Lüge abgetan. Dadurch wurden die Täter geschützt und das gesellschaftliche Ausmaß an (sexualisierter) Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen lange nicht sichtbar. Erst durch den veränderten Missbrauchsdiskurs gewannen die realen Traumatisierungen durch Vernachlässigung, psychische und physische Misshandlung und sexuellen Missbrauch wieder an Bedeutung in der Ätiologie psychischer Erkrankungen.

 
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