Formen der Thematisierung von sexueller Gewalt

Nicht jede Forschung an und mit Kindern bzw. Jugendlichen zu sexueller Gewalt beinhaltet eine Thematisierung erfahrener Übergriffe. Vor allem in der Interventionsforschung sowie in Studien, die sich einem besseren Verständnis von Bewältigungsdynamiken und Entwicklungsverläufen nach sexueller Gewalt widmeten, wurde es häufig als verzichtbar angesehen mit teilnehmenden Kindern bzw. Jugendlichen über erfahrene sexuelle Übergriffe zu sprechen, sofern es möglich war, grundlegende Angaben zu bekannt gewordenen Missbrauchsereignissen von Bezugspersonen zu erhalten oder aus Jugendhilfebzw. Strafgerichtsakten zu extrahieren. So wurden beispielsweise in der für das Feld sehr wichtigen Längsschnittstudie von Candice Feiring und Kolleg/in/en, in der Mechanismen der inneren Auseinandersetzung und Bewältigung bei sexuell missbrauchten Mädchen und Jungen von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter untersucht wurden, Informationen über erfahrene sexuelle Gewalt den vorliegenden Akten entnommen (für eine Zusammenfassung der Studie: Simon et al. 2010). Ähnlich wurden in der bislang weltweit größten abgeschlossenen randomisierten Interventionsstudie zu einem psychotherapeutischen Ansatz nach sexuellem Missbrauch bei den Bezugspersonen des Kindes erfragte Angaben über die vorausgegangene sexuelle Gewalt als ausreichend angesehen (Cohen et al. 2004).

Für Befragungen von Bezugspersonen und Aktenauswertungen liegen verschiedene Instrumente vor, eine vergleichende Zusammenstellung im Rahmen einer Übersichtsarbeit steht jedoch aus. Mindestens vier Verfahren sollten aufgrund der Gründlichkeit, mit der sie entwickelt wurden, bzw. ihrer Bedeutung im Feld erwähnt werden. Unter den Instrumenten, die eingesetzt werden können um in knapper Weise bei Bezugspersonen Informationen über bekannt gewordene Viktimisierungserfahrungen von Kindern bzw. Jugendlichen einzuholen, sticht das „Child Abuse Screening Tool (Elternversion)“ aufgrund einer breiten internationalen Kooperation bei der Entwicklung heraus (Runyan et al. 2009). Zwei der sehr basal angelegten Fragen im Bogen beziehen sich auf sexuelle Gewalt. In Kurzund Langversion verfügbar ist das Bezugspersonen-Modul zu sexuellen Viktimisierungen in dem als Interview angelegten „Juvenile Victimization Questionnaire“, das von der Forschungsgruppe um David Finkelhor entwickelt und in mehreren der weltweit größten Surveys zu Viktimisierungserfahrungen von Kindern eingesetzt wurde (Finkelhor et al. 2011). Beide Instrumente sind kostenlos und frei zugänglich.

Für Auswertungen der Akten von Kinderschutzbehörden ist das „Modified Maltreatment Classification System (MMCS)“ als bekanntestes Verfahren zu nennen, das für die Erhebung von sexuellen Gewalterfahrungen von Sonya Negriff et al. (2014) erweitert wurde. Das Instrument ist nicht frei zugänglich, kann aber bei der Autorin bezogen werden. Eher für die klinische Forschung geeignet ist schließlich das „Trauma History Profile“, bei dem Informationen aus Akten und von Bezugspersonen zusammengeführt werden können. Dokumentiert werden kann ein breiter Bereich potenziell traumatisierender Erfahrungen (Pynoos et al. 2014).

Die Erhebung von erfahrener sexueller Gewalt über Akten bzw. mit Bezugspersonen wird in Untersuchungen an und mit Kindern oder Jugendlichen unter anderem deshalb teilweise bevorzugt, weil sich hierdurch die studienbedingte Belastung für teilnahmebereite Minderjährige verringern lässt. Allerdings deuten mehrere Befunde darauf hin, dass Selbstauskünfte von Kindern bzw. Jugendlichen im Ergebnis teils deutlich von Aktenanalysen sowie den Angaben von Bezugspersonen abweichen (für Aktenanalysen z. B.: Hambrick et al. 2014; Milne und Collin-Vézina 2014, für Angaben von Bezugspersonen z. B. Tingskull et al. 2013). Überwiegend scheinen im Selbstbericht mehr erfahrene Übergriffe auf. Da Selbstauskünfte zu erfahrener sexueller Gewalt zumindest bei Jugendlichen in einer wenig belastenden und daher ethisch verantwortbaren Weise eingeholt werden können (für eine Forschungsübersicht siehe der Beitrag von Heinz Kindler in diesem Band), kommen in dieser Altersgruppe Erhebungen mittels Akten bzw. Bezugspersonen vor allem dann in Betracht, wenn in einer Studie Zeitaufwand, Motivation und Ausdauer der Jugendlichen durch die Summe der anderen Fragen bzw. Verfahren bereits sehr beansprucht werden. Bei Kindern wird eine Erhebung von Viktimisierungserfahrungen bei Bezugspersonen oder aus Akten dagegen häufiger als ethisch geboten angesehen werden.

In einer Reihe von Studien wurde es vermieden, sexuelle Gewalt zu Forschungszwecken zu thematisieren, gleichwohl wurden aber Äußerungen von Kindern bzw. Jugendlichen über erfahrene sexuelle Gewalt ausgewertet. Möglich wurde dies durch die sekundäre Nutzung von Angaben, die in einem anderen Kontext (z. B. Strafverfolgung, Therapie) gemacht wurden. Von prinzipiellem Interesse ist dieser Zugang vor allem für den zweiten Strang von Forschung an und mit Kindern bzw. Jugendlichen, also Studien, die Abläufe bei sexuellen Übergriffen, Reaktionen und Verarbeitungsschritte genau verstehen wollen. Die Frage nach der Erhebungsmethodik stellt sich aufgrund der Angewiesenheit auf vorhandenes Material vordergründig nicht. Jedoch ist zu klären, ob relevantes Material überhaupt existiert, welche Vorund Nachteile es aufweist und wie ein ethisch unbedenklicher Zugang gestaltet werden kann. In Deutschland finden sich beispielsweise in Strafprozessakten nach sexuellem Missbrauch oft Angaben von Kindern bzw. Jugendlichen zu erlebten Übergriffen (Angaben bei der Polizei und in der Hauptverhandlung, ggfs. auch bei einer ermittlungsrichterlichen Vernehmung). Wenn zudem ein aussagepsychologisches Sachverständigengutachten eingeholt wurde, enthält dieses regelhaft freie Schilderungen in den eigenen Worten betroffener Kinder bzw. Jugendlicher. Obwohl aus solchem Material gewonnene Daten aufgrund von Hürden und Selektionsprozessen im Rahmen von Strafverfolgung (Jehle 2012) keinerlei Anspruch auf Repräsentativität erheben können, erlauben sie doch die Beschreibung verschiedener Muster, beispielsweise bei Maya Krischer (2002) zu Formen der Situationsgenese sexueller Übergriffe von Erwachsenen gegen Kinder. Gerichtsprozesse sind als Modus von Sanktionierung und Konfliktregulierung allerdings auch ein Thema von eigenständigem Wert für die Forschung. Bei Kindern als Beteiligten kann es zunächst um ein Verständnis gehen, wie sie ein Verfahren erleben (z. B. Kavemann 2015). Weiterführend steht aber unter der Perspektive von Interventionsforschung eine kindgemäßere Ausgestaltung von Verfahren im Mittelpunkt. Hier wurden wiederholt Ergebniskriterien aus Akten gewonnen, beispielsweise der Informationsgehalt der Befragungen von Kindern oder die Häufigkeit von Verurteilungen, wenn innovative Befragungsformate eingesetzt wurden. Forschung nimmt hier quasi-experimentell Einfluss darauf, was Akteninhalt wird und wertet dies aus. Aus Deutschland liegen solche Studien bislang nicht vor, wohl aber aus Israel, den USA und England. Beispielsweise konnte anhand von Wortprotokollen kindlicher Angaben und einer Auswertung gerichtlicher Entscheidungen gezeigt werden, dass ein bestimmtes, als NICHD-Protokoll bezeichnetes Vorgehen bei der Befragung kindlicher Zeugen mehr belastbare Informationen lieferte (Lamb et al. 2007) und in der Folge zu mehr Verurteilungen führte (Pipe et al. 2013), was angesichts der in Deutschland beunruhigend niedrigen Verurteilungsquote bei Strafverfahren für alle Formen sexueller Gewalt von großer Bedeutung zu sein scheint. Zudem haben aktuell Studien, die Befragungen von Kindern im Rahmen von Ermittlungsverfahren herangezogen haben, belegt, dass mehr Augenmerk auf den Beziehungsaufbau und die nicht-suggestive Unterstützung des befragten Kindes nicht nur entlastend wirkt, sondern zu einer weiteren Verbesserung des Informationsgehalts von Befragungen führt (Hershkowitz et al. 2014). Schließlich sind Prozessakten eine der wenigen Möglichkeiten sich dem Thema sexueller Gewalt gegen Kinder unter einem historischen Blickwinkel zu nähern (z. B. Hommen 1999). Der Zugang zu Strafprozessakten zu Forschungszwecken wird in Deutschland durch § 476 StPO geregelt, für familiengerichtliche Verfahren gilt § 13 des Gesetzes über das Verfahren in Familiensachen (FamFG).

Andere Beispiele einer sekundären Auswertung der Stimmen von Kindern und Jugendlichen zu sexueller Gewalt beinhalten die statistische Auswertung von Anrufen bei Hilfetelefonen (Budavari und Schirrmacher 2014) oder die genauere Analyse von Angaben oder Formulierungen in Anrufen, bei denen es um erfahrene sexuelle Übergriffe geht (z. B. Jackson et al., 2013). Letzteres ist in Deutschland bislang nicht möglich, weil bei den hierzulande existierenden Hilfetelefonen Anrufe weder aufgezeichnet werden noch eine Einwilligung zur weitergehenden Auswertung eingeholt wird. Schließlich können auch schriftliche bzw. mündliche Angaben von Kindern bzw. Jugendlichen im Rahmen von Psychotherapien ausgewertet werden, sofern entsprechende Einwilligungen vorliegen. Dieser Materialzugang eröffnet unter anderem die Möglichkeit, selbst formulierte Hilfethemen zu untersuchen (z. B. Forster und Hagedorn 2014).

Wenig verbreitet sind bislang Ansätze, die überwiegend nicht-sprachliche Formen der Thematisierung von sexueller Gewalt als Material nutzen, auch wenn grundsätzlich Ausdrucksformen wie Zeichnungen oder Spiel bei Kindern anerkannt und als Möglichkeit des Zugangs zu ihrem Innenleben im Rahmen von Therapien weithin genutzt werden (z. B. Crenshaw und Stewart 2015). Zwar existieren Erhebungsmethoden, die über die Kreativität des einzelnen Kindes hinaus systematische Zusammenhänge zu beobachtbaren Merkmalen der Beziehungsumwelt von Kindern nachgewiesen haben. Dies gilt etwa für Geschichtenergänzungsverfahren mit Puppen (z. B. Oppenheim 1997) oder Zeichnungen der eigenen Familie (z. B. Pianta und Longmaid 1999). In der Forschung zu sexueller Gewalt wurden kreative Methoden mit Kindern aber bislang überwiegend auf Fragen der Diagnostizität verengt, d. h. es wurde meist nur geprüft, ob sich die Spielszenarien oder Zeichnungen von Kindern nach sexuellem Missbrauch für eine Identifikation betroffener Kinder hinreichend deutlich von denen anderer Kinder unterscheiden. Dies wird jedoch der Vielfalt der Lebenssituationen und Verarbeitungsweisen von Kindern nach sexuellem Missbrauch nicht gerecht, so dass hinreichend trennscharfe diagnostische Rückschlüsse aus Spielszenarien oder Zeichnungen nicht möglich scheinen (für eine Forschungsübersicht zu Zeichnungen siehe Allen und Tussey 2011). Vor allem für ein besseres Verständnis von Wechselwirkungen zwischen erfahrener sexueller Gewalt und kindlichem Beziehungserleben bei der Bewältigung der Belastungen wären Zeichnungen oder puppenspielbasierte Methoden sehr geeignet, jedoch wurden solche Studien bislang nur sehr selten durchgeführt (für eine Forschungsübersicht siehe Shiakou 2012). Gleiches gilt für Studien, die Zeichnungen zur Unterstützung der verbalen Ausdrucksmöglichkeiten von Kindern eingesetzt haben, obwohl vorliegende Befunde darauf hindeuten, dass solcherart angereicherte Erhebungsbedingungen den sprachlichen Bericht von Kindern über ihre Erfahrungen fördern (z. B. Katz und Hershkowitz 2010, Merriman 2012).

Selbst wenn für bestimmte Fragestellungen und Erhebungssituationen mithin alternative Methoden existieren, wird sexuelle Gewalt in der Forschung mit Kindern und Jugendlichen doch überwiegend sprachlich thematisiert. Gesprochene oder geschriebene Sprache kann dabei auf mindestens zweierlei Weisen genutzt werden. Bei den meisten Erhebungsmethoden geht es um die Darstellungsfunktion von Sprache, d. h. die Übermittlung von Information über die Bedeutung (Semantik) von Wörtern und Sätzen. Ausgewertet wird, was Kinder bzw. Jugendliche explizit über ihre Erfahrungen und Erlebensweisen berichten. Im nachfolgenden dritten Abschnitt werden hierfür entwickelte Erhebungsmethoden vorgestellt und diskutiert. In einer zweiten, weniger verbreiteten Linie von Forschung wird die stimmige (kohärente) Organisation des Sprechens über Belastungserlebnisse, gemessen beispielsweise an den Konversationsmaximen von Paul Grice (1993), als unwillkürlicher Ausdruck des Standes der inneren Verarbeitung des Erlebten genutzt, so dass über das „Wie“ des Sprechens dem inhaltlich gesagten noch eine Tiefenschicht hinzugefügt wird. In dieser zweiten Tradition von Forschung stehen etwa die Arbeiten der italienischen Forschungsgruppe um Paola Di Blasio (z. B. Miragoli et al. 2014). Methodisch setzen Studien zum „Wie“ des Sprechens über sexuelle Gewalt wenig strukturierte Erhebungssituationen voraus, in denen betroffene Kinder bzw. Jugendliche einen Raum erhalten, ihr eigenes Trauma-Narrativ zu entfalten (siehe der Beitrag von Cornelia Helfferich in diesem Band). Kenardy et al. (2007) zitierten beispielsweise wortwörtlich den hierfür in ihrer Studie gegebenen Erzählimpuls. Ähnlich wie im Bereich der Kohärenz des Sprechens über Bindungserfahrungen (Hesse 2008) haben sich auch in der Forschung zu TraumaNarrativen Zusammenhänge zu Außenkriterien aufzeigen lassen, etwa Ausmaß und Verlauf von psychischen Belastungssymptomen (z. B. Salmond et al. 2011). Diese Zusammenhänge sind aufregend, weil sie darauf hindeuten, dass Sprache im Umgang mit Erfahrungen sexueller Gewalt weit mehr ist als ein bloßes Mitteilungswerkzeug, sondern gleichermaßen ein Fenster zu inneren Verarbeitungsprozessen öffnet, wie auch ein Hilfsmittel zur Unterstützung von Bewältigung darstellt (z. B. Ruf et al. 2008). Unter diesem Gesichtspunkt erscheinen soziale Praxen des kollektiven Beschweigens oder eben des Aussprechens von sexueller Gewalt umso bedeutsamer. Zugleich führt die Forschung zur Organisation von Narrativen über erfahrene sexuelle Gewalt in mehrfacher Hinsicht an die Grenze von Sprache. Wie Barbara Kavemann (in diesem Band) ausführt, werden diese Grenzen etwa immer dann erreicht, wenn psychische Belastung oder soziale Gefühle, wie etwa Scham, zu einem Zusammenbruch der Narration und zum Verstummen führen. In der forschungsethischen Diskussion besteht vor diesem Hintergrund Einigkeit, dass solche Überforderungssituation in der Forschung vermieden werden müssen und, soweit sie nicht völlig auszuschließen sind, Kinder und Sorgeberechtigte sowie Jugendliche durch qualifizierte Aufklärung die Möglichkeit haben müssen, sich gegen eine Forschungsteilnahme zu entscheiden, unabhängig davon aber Möglichkeiten der Unterstützung, falls es doch zu einer Belastungsreaktion kommt, bereitgehalten werden müssen (siehe Carol Hagemann-White, in diesem Band; Cornelia Helfferich, in diesem Band).

 
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