Politische Bildung im Theater

Theater und das Politische

Das Theater ist von alters her mit dem Politischen verwoben. Zur Zeit der ersten, der athenischen Demokratie im 5. Jahrhundert v. Chr., kam den Theateraufführungen am Südhang der Akropolis die Aufgabe zu, existentielle Herausforderungen der politischen Öffentlichkeit zu thematisieren und bei den Zuschauern einen Reflexionsprozess auszulösen, der ihre politischen Handlungen im weiteren Sinne anleiten konnte. Die Aufführungen fanden räumlich in unmittelbarer Nähe der Pnyx statt, dem Ort der Volksversammlungen und –entscheidungen der attischen Demokratie.

Ursprünglich war das Theater als attische Tragödie aus dem Kult zu Ehren des Gottes Dionysos entstanden. Peisistratos hatte im Jahre 534 v. Chr. die Tragödie in den Kult der „Großen Dionysien integriert, die er schon vorher zum Zweck der Selbstdarstellung künstlich aus bestehenden rituellen Bestandteilen zusammenfügte. […] Schon bei Peisistratos kann man eine politische Aneignung des kultischen Dionysos-Spiel zu propagandistischen Zwecken annehmen.“ (Bierl 2007, S. 52 f.) Die klassischen Tragödien von Aischylos, Sophokles und Euripides verhandeln jedoch keine aktuellen politischen Konflikte, nehmen keinen Bezug zur Tagespolitik und verweisen nicht auf real agierende politische Persönlichkeiten. Das Politische erscheint vielmehr transformiert im Mythos und ist eingebettet in übergreifende, existentielle Fragen des menschlichen Daseins. Gerade diese Verwobenheit politischer Konflikte mit zeitlosen Herausforderungen der menschlichen Existenz lässt die 2500 Jahre alten Tragödien auch für heutige Zeitgenossen zu narrativen Quellen werden, die uns zur Reflektion über politische wie existentielle Fragen inspirieren und uns in einen Dialog mit Anderen zu diesen übergreifenden Fragen treten lassen.

Die mit der Aufführung von Tragödien verbundene didaktische Intention kam in diesen Narrationen bisweilen sogar explizit zum Ausdruck. So erklärt etwa der Chor in der Orestie des Aischylos, mit der dieser 458 v. Chr. die Dionysien gewonnen hatte:

Die Fülle der Einsicht aber gewinnt, Der feiert mit Ernst den Triumpf Zeus´. Weise zu sein wies er den Weg Den Sterblichen, und er setzte dies: Dass aus Leid wir lernen. (Aischylos 1999, Vs. 173–178)

Aufgrund seiner kognitiven Fähigkeiten ist der Mensch dazu in der Lage, bewusst zu handeln, sein Leben und das gemeinsame Zusammenleben in der Polis zu gestalten, was auch misslingen kann. Doch aus diesen Niederlagen kann der Mensch wie der Polis-Bürger gestärkt hervorgehen, wenn er zum Lernen aus den leidvollen Erfahrungen bereit ist. Die Tragödien mit ihren ausweglosen Konflikten auf der Ebene des Mythos ermöglichen den Zuschauern Erfahrungen und Einsichten, die sie für die Gestaltung ihrer eigenen Lebenspraxis und für ihr Bürger-Sein nutzen können.

 
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