Didaktische Momente

In der Folgezeit hat das Theater bis heute eine Wirkungsästhetik entfaltet, welche unter didaktischen Vorzeichen mannigfach Bezüge zum Politischen und zur sozialen Lebenswelt entwickelt, wenn auch diese Bezüge oftmals nicht explizit gestaltet wurden und werden. Die erste ausgearbeitete theoretische Grundlage für das Theater mit didaktischem, politisch-moralischem Anspruch bildet Aristoteles' Poetik, wonach die Tragödie als „Nachahmung von Handelnden […] Jammer und Schaudern hervorruft und hierdurch eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen bewirkt“ (Aristoteles 1994, S. 19) Damit wandte sich Aristoteles gegen die Auffassung seines Lehrers Platon, der im Theater eine Wirkung erkannte, welche die Sitten der Zuschauer verdirbt, und der damit einen theaterfeindlichen Traditionsstrang begründet hatte, der insbesondere von der katholischen Kirche, aber auch von der puritanischen Bewegung in England oder von Pietisten in Deutschland fortgesetzt worden war. Gleichwohl galt das Theater etwa im Zeitalter der Aufklärung als Ort der moralischen Bildung mit vielfältigen Bezügen zur politisch-sozialen Lebenswelt des Publikums. Diese Verbindungen zum Politischen sind im Theater von seiner Entstehung vor 2500 Jahren bis heute erhalten geblieben, obgleich diese Verbindung oftmals nicht implizit erscheint, vielfach auch nicht bewusst beabsichtigt ist: „‚Irgendwie' wissen wir, dass Theater trotz allem in einer besonderen Weise zwar nicht direkt politisch ist, aber doch in der Praxis seiner Entstehung und Produktion, seiner Darbietung und seiner Rezeption durch die Zuschauer eine eminent ‚soziale', eine gemeinschaftliche Sache ist. Das Politische ist ihm einbeschrieben, durch und durch, strukturell und ganz unabhängig von seinen Intentionen.“ (Lehmann 2012, S. 20)

 
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