Didaktische Anstöße

Die vorangegangene inhaltliche Aufbereitung der Szene und des Gedichtes von Kate Tempest liefert eine Reihe von Vorlagen, die als Grundlage für gemeinsame Diskussionen und Situationsanalysen vor historischem oder gegenwärtigem Kontext dienen können. Da Calibans Situation und Perspektive exemplarisch für die Identifikation mit einer Minderheit steht, können hier gut Aufgaben aus dem Bereich des kreativen Schreibens angewendet werden, welche die Perspektivübernahme und Reflexion der Schülerinnen und Schüler schulen.

Denkbar ist zum einen ein Essay, welches der Frage nachgeht, ob und wo in unserer heutigen Gesellschaft Menschen wie Caliban zu finden sind und was ihre spezifische Situation bestimmt. Im Sinne des Gedichtes von Kate Tempest kann ein Monolog des emanzipierten Calibans an Prospero geschrieben werden, der Calibans Überwindung der Furcht und Aktivierung der Selbstbehauptung darstellt. In Anlehnung an eine Bühnenadaption des Briten Philipp Osment, This Island's Mine, welche den Konflikt im Kontext von Homosexualität und Homophobie in einem verstärkt homophoben Großbritannien der 90er ansiedelt, können die Schülerinnen und Schüler Szenen verfassen, die in der Gegenwart spielen und aktuelle gesellschaftliche Probleme in einer postkolonialen Welt aufgreifen (vgl. Osment 2005). Teil der damaligen Entwicklung Großbritanniens war unter anderem Margaret Thatchers Absage an finanzielle Unterstützung homosexueller Organisationen gewesen (vgl. Fischlin und Fortier 2005, S. 255).

Diese Aufgaben dienen vor allem der Herstellung eines Gegenwartsbezuges, so dass die Schülerinnen und Schüler im Werk Shakespeares Themen und Fragestellungen entdecken, die ihre eigene Lebenswelt betreffen und sie zu multimedialen Ausdrucksformen anregen. Das Gedicht von Kate Tempest leistet hier einen großen Beitrag bei der Überbrückung von Vergangenheitsund Gegenwartshorizont. Das Format ihres Gedichtes und ihre Vortragsform erinnern stark an Formate des Poetry Slam. Dieser entstand in den späten 1980ern in den USA, wo er als „neuer, offener Literaturwettbewerb“ jungen Dichterinnen und Dichtern eine Plattform bot, Texte von maximal 3 min Länge einem Publikum vorzutragen und von einer Jury bewertet zu werden (Preckwitz 2005, S. 15). Angesichts der Rahmenbedingungen ist der dichterische Vortrag eher als Performance zu verstehen, bei der die Künstlerin oder der Künstler durch sprachlichen Ausdruck aber auch physische Präsenz und akzentuierte Intonation ein Maximum an Wirkungskraft entfalten muss. Kate Tempests rhythmische und expressive Ausdrucksweise verrät ihre Tätigkeit als Rapperin und liefert in einer jungen und dynamischen Form gesellschaftskritische Inhalte, die Bezug auf die Realität junger Menschen nehmen. In der Videoaufzeichnung von What We Came After, abrufbar auf der Homepage der Künstlerin, wird die Wortgewalt, die das Gedicht inhaltlich anspricht, auch auditiv wahrnehmbar und entfaltet so eine enorme Wirkung (vgl. Tempest 2014). Diese Aspekte kann man sich im Unterricht sehr gut zu Nutze machen.

Auch wenn die inhaltliche Erfassung des Gedichtes vielleicht in den Englischunterricht ausgelagert werden muss oder nur in Auszügen behandelt werden kann, kann Kate Tempests Herangehensweise an die Verarbeitung von Botschaften auch im Politikoder Deutschunterricht genutzt werden, um die Schülerinnen und Schüler zu sprachlichen Experimenten anzuregen und ihnen eine Plattform für die Thematisierung eigener sozialkritischer Beobachtungen zu liefern, um sie darüber zu aufmerksamen und ausdrucksfähigen Beobachterinnen und Beobachtern und Mitgestalterinnen und Mitgestaltern ihrer Umgebung zu machen.

 
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