Das Politische in Don Karlos

Schillers Drama

Für die politische Bildung ist besonders der Handlungsstrang des Dramas interessant, der sich um die politischen Ideen von Marquis Posa und Don Karlos dreht. Marquis Posa wird in dem Drama zum Sprachrohr Schillers, der zur Zeit des Sturm und Drang selbst aufklärerisches und revolutionäres Gedankengut vertrat. Die Erstfassung des Don Karlos entstand im Sturm und Drang, die Endfassung in der Phase der Klassik. Dementsprechend steht das Stück zwischen den Epochen. Dies schlägt sich im Drama auch deutlich nieder. Der Vater-Sohn-Konflikt, das Auflehnen und Streben nach Freiheit sind typische Elemente des frühen Schiller, während der Blankvers, in dem das Stück geschrieben ist, typisch für die Klassik ist.

Schon der erste Auftritt Posas akzentuiert ihn stark als Revolutionär. Er spricht mit Karl und betont, dass er nicht als Freund hier ist, sondern als „ Abgeordneter der ganzen Menschheit“, der den Infanten bittet, sich der „Flandrischen/Provinzen, die an Ihrem Halse weinen“ anzunehmen, denn „wenn sein erhabnes Herz vergessen hat für Menschlichkeit zu schlagen“ (Schiller 2001, S. 10), dann seien diese Provinzen verloren. Es ist kein Zufall, dass Posa hier sofort die Menschen und die Menschlichkeit anspricht, da er im Stück ganz klar die Demokratie als die menschliche Regierungsform dem unmenschlichen Absolutismus gegenüberstellt. Auch die Königin wird als progressive Figur dargestellt, die zumindest die Möglichkeiten einer politischen Veränderung erkennt. „Der neu erwählte König/ Kann mehr als das – kann die Verordnungen/Des Abgeschiednen durch das Feu'r vertilgen,/Kann seine Bilder stürzen […]“ (Schiller 2001, S. 30). Sie spricht darauf an, dass Veränderung in einem Staate möglich ist, wenn der Willen bei den Nachfolgern vorhanden ist und diese den Mut und die Stärke zum Fortschritt haben. Während Posa den für damalige Zeiten radikaleren Ansatz einer freien Demokratie vertritt, kann man die Königin eher als Vertreterin eines aufgeklärten Absolutismus verstehen. Sie beschwört Karlos, dass er seine Liebe seinen „künft'gen Reichen“ schenken solle: Wenn sie seine erste Liebe gewesen sei, so solle seine zweite Liebe Spanien gelten (Schiller 2001, S. 32). Mit dem Gedanken des guten Herrschers, der seine Liebe seinem Volk widmet und wie eine Art sorgender Vater immer weiß, was denn das Beste für sein Volk sei, zeigt sich Elisabeth deutlich als Verfechterin eines aufgeklärten Absolutismus.

Der radikalere Posa hingegen will die Demokratie und wird im Drama eindeutig als typische Figur der Zeit Schillers, sprich der Aufklärung, dargestellt. Er vertritt dieselbe Einstellung wie die führenden Protagonisten der Französischen Revolution. Das zeigt sich deutlich in einer Szene, in der Posa und Karlos die Standesschranken aufheben. Karlos erscheint als moderner Erneuerer, indem er selbst den Vorschlag macht und Posa das Du-Wort anbietet: „Sind wir/Nicht Brüder? – Dieses Possenspiel des Ranges/Sei künftighin aus unserm Bund verwiesen!“ (Schiller 2001, S. 38). Diese Geste wäre für den alten Herrscher Philipp noch unvorstellbar und verweist mit dem Begriff des Bruders wieder eindeutig auf die Französische Revolution, in der Brüderlichkeit ein zentraler Begriff war und die Schranken zwischen den Ständen abgeschafft wurden. Don Karlos erkennt in diesem „brüderliche Du“ auch sofort die tiefere Bedeutung, da es sein „Herz mit süßen Ahnungen von Gleichheit“ (Schiller 2001, S. 40) erfüllt. Mit dem Begriff der Gleichheit wurde damit ein weiterer zentraler Revolutionsbegriff des 18. Jahrhunderts in das Drama eingeführt.

Posa scheut sich in dieser Szene nicht, ein extrem negatives Bild der spanischen Monarchie zu zeichnen und urteilt über den König:

Sein Mitgefühl löscht mit dem Leiden aus,/In Wollüsten ermattet seine Tugend,/Für seine Torheit schickt ihm Peru Gold,/Für seine Laster zieht sein Hof ihm Teufel./Er schläft berauscht in diesem Himmel ein,/Den seine Sklaven listig um ihn schufen. […] Den Trotz des Bürgers würden Sie nicht dulden,/Ich nicht den Stolz des Fürsten. (Schiller 2001, S. 39)

Posa spricht in dieser Scheltrede gegen den König und die Monarchie einen weiteren Begriff an, der für die Aufklärung im späten 18. Jahrhundert von großer Bedeutung ist, nämlich den des Bürgers. Er sieht sich ganz selbstverständlich als Bürger und nicht als Adliger und tritt damit in Opposition zur Monarchie. Der Thronfolger zeigt sich einmal mehr als progressiver Revolutionär, indem er auf Posas Rede erwidert: „Wahr und schrecklich/Ist dein Gemälde von Monarchen. Ja,/Ich glaube dir. […] Ich bin/Noch rein, ein dreiundzwanzigjähr'ger Jüngling.“ (Schiller 2001, S. 39). Don Karlos vertritt hier ebenfalls die Ansicht der Königin, dass der Nachfolger für politische Erneuerung stehen kann und man nicht gleich die Monarchie einer Demokratie opfern muss, wenn der Wille zu Reformen beim Herrscher gegeben ist.

Als wirklichen Bewahrer des Status quo und der politischen Unterdrückung präsentiert uns das Drama in erster Linie jedoch nicht den alten König, sondern vielmehr die katholische Kirche. Deutlich zeigt sich dies in der Szene zwischen Pater Domingo und dem Herzog von Alba, nachdem sie von den Plänen Don Karlos', nach Flandern zu gehen, erfahren hatten. Domingo ahnt, was gekommen wäre:

Dahin also wär es/Gekommen? Dahin? Und ein Augenblick/Zertrümmerte, was wir in Jahren bauten?/[…] Kennen/Sie diesen Jüngling? Ahnen Sie, was uns/Erwartet, wenn er mächtig wird? […] Andere Sorgen nagen/An meiner Ruhe, Sorgen für den Thron,/Für Gott und seine Kirche. – Der Infant […]/Hegt einen schrecklichen Entwurf – Toledo – /Den rasenden Entwurf, Regent zu sein,/Und unsern heil'gen Glauben zu entbehren. – /Sein Herz entglüht für eine neue Tugend […] – Er denkt!/Sein Kopf entbrennt von einer seltsamen/Chimäre – er verehrt den Menschen […]. (Schiller 2001, S. 79–80)

In dieser Aussage von Pater Domingo lässt sich deutlich erkennen, wie die Kirche an dem Erhalt der politischen Macht interessiert ist. Schiller verarbeitet auch hier wieder unzählige Diskurse seiner Zeit. Einerseits natürlich die Kirchenkritik, die von den Aufklärern massiv geführt wurde, da die Kirche als zentrales Hindernis für den Fortschritt gesehen wurde. Noch wichtiger ist der Hinweis darauf, dass der Herzog selbstständig denkt. Die Aufklärung kann als Zäsur in der Geschichte gesehen werden, die dem Menschen bekanntlich das selbstständige Denken empfahl. Dies erinnert sehr stark an Kant und seinen viel zitierten Satz: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Kant 1784). Auch die Aussage, dass der große Fehler des Infanten sei, den Menschen zu verehren, passt in das Denken der Aufklärung, die ja den Menschen in das Zentrum rückte. Anhand dieser Aussage zeigt sich auch deutlich der Unterschied zwischen den Herrschaftssystemen. Während der Absolutismus laut Posa bloß sich selbst verehrt, verehrt die Demokratie die Menschen. Diese Sichtweise kommt in einer Aussage Marquis Posas sehr gut zum Ausdruck. Er argumentiert, er könne kein Fürstendiener sein, denn: „Ich liebe/Die Menschheit, und in Monarchieen [sic!] darf/Ich niemanden lieben als mich selbst.“ (Schiller 2001, S. 120). Domingo zweifelt daran, ob Karlos ein guter Herrscher wäre, denn „er ist stolz auf seine Freiheit“ (Schiller 2001, S. 80). Hiermit haben wir, nach der Brüderlichkeit und der Gleichheit, auch den dritten zentralen Begriff der Französischen Revolution in das Drama eingeführt, der später im Stück noch von zentraler Bedeutung sein wird. Letztendlich ist, für die kirchliche Seite, Karlos als zukünftiger König undenkbar, da in ihm „das Gift der Neuerer“ (Schiller 2001, S. 80) schlummert, das die Macht der Kirche gefährdet und daher müssen sie ihm zuvor kommen und ihn in „eine Schlinge stürzen“ (Schiller 2001, S. 80).

Der eigentliche Höhepunkt des Stückes ereignet sich im 10. Auftritt des 3. Aktes. Posa hat hier eine Audienz beim König und offenbart ihm sein progressiv revolutionäres Gedankengut, das durchaus Eindruck auf den König macht. Marquis Posa erscheint in dieser Szene in seinen Aussagen und Ansichten ganz eindeutig als typisch aufklärerische Figur des späten 18. Jahrhunderts und damit als Sprachrohr Schillers. Er bezeichnet sich stets als „Bürger dieser Welt“, der „nicht Fürstendiener sein“ kann (Schiller 2001, S. 119). Posa eröffnet dem König, dass er nicht als Diener eines Fürsten arbeiten wolle:

Was Eure Majestät durch meine Hand/Verbreiten – ist das Menschenglück? Ist das/ Dasselbe Glück, das meine reine Liebe/Den Menschen gönnt? – Vor diesem Glücke würde/Die Majestät erzittern […]. Doch was der Krone frommen kann – ist das/Auch mir genug? Darf meine Bruderliebe/Sich zur Verkürzung meines Bruders borgen?/ Weiß ich ihn glücklich – eh er denken darf?/Mich wählen Sie nicht, Sire, Glückseligkeit,/Die Sie uns prägen, auszustreun. Ich muss/Mich weigern, diese Stempel auszugeben. – /Ich kann nicht Fürstendiener sein. (Schiller 2001, S. 119–120)

Marquis Posa bezieht sich einmal mehr in seiner Aussage auf zentrale Begriffe der Aufklärung wie Menschenglück und Liebe zum Menschen. Gerade der Begriff Glück spielt eine große Rolle und dies darf nicht verwundern, da unmittelbar vor der Uraufführung des Stückes die amerikanische Verfassung entstand, in der das Streben jedes Einzelnen nach Glück Erwähnung findet. Für Posa stehen diese Ideale im diametralen Gegensatz zu den Idealen einer Monarchie und er befindet sich mit seiner Einstellung ganz klar in Opposition zu dieser Herrschaftsform. Er stellt damit quasi die Behauptung auf, dass erst eine Republik wirklich Freiheit, Gleichheit und Glück für den einzelnen Menschen bringen kann und diese Herrschaftsform daher anzustreben ist.

Schiller erzeugt hier einen Anachronismus, da er eine Figur des 16. Jahrhunderts Ideale des späten 18. Jahrhunderts predigen lässt. Dessen ist sich die Figur des Marquis sogar bewusst und spricht daher fast prophetisch: „Das Jahrhundert/ Ist meinem Ideal nicht reif. Ich lebe/Ein Bürger derer, welche kommen werden.“ (Schiller 2001, S. 121). Er führt das Gespräch mit Philipp weiter und akzentuiert immer deutlicher, wie sehr seine Ideale im Widerspruch zu einer absoluten Monarchie stehen. „Ich höre, Sire, wie klein,/Wie niedrig Sie von Menschenwürde denken,/Selbst in des freien Mannes Sprache nur/Den Kunstgriff eines Schmeichlers sehen, und/Mir deucht, ich weiß, wer Sie dazu berechtigt.“ (Schiller 2001,

S. 122). Der Begriff der Menschenwürde ist hier äußerst zentral. Posa bringt für diese Zeit damit revolutionäres Gedankengut ein, das uns heute selbstverständlich erscheint. Er behauptet, dass die Menschen ein Recht auf Freiheit, Gleichheit und Glück hätten. Der Marquis zeigt sich einmal mehr als Prophet, wenn er prophezeit, dass „sanftere/Jahrhunderte […] Philipps Zeiten“ verdrängen und „Bürgerglück“ (Schiller 2001, S. 124) bringen werden.

Posa zeigt sich jedoch nicht als bedingungsloser Rebell, der unter allen Umständen den Adel komplett vernichten will. Für ihn besteht grundsätzlich die Möglichkeit, dass seine ideale Gesellschaft grundsätzlich auch mit einem König an der Spitze verwirklicht werden könnte, wenn dieser jedoch die komplette Macht abgibt. Er beschwört Philipp: „Geben Sie,/Was Sie uns nahmen, wieder. Lassen Sie,/ Großmütig wie der Starke, Menschenglück/Aus Ihrem Füllhorn strömen – Geister reifen/In Ihrem Weltgebäude. Geben Sie,/Was Sie uns nahmen, wieder. Werden Sie/Von Millionen Königen ein König. […] Geben Sie Gedankenfreiheit.“ (Schiller 2001, S. 125–126). Posa argumentiert also, dass die Monarchie nur mit vollständiger Gleichheit funktionieren kann. Jeder Mensch sollte gleich viel wert sein und die Abstammung nicht über seinen Platz in der Gesellschaft bestimmen. Seine Argumentationsweise zeigt, wie unnatürlich die Unterjochung aller Menschen unter die Herrschaft eines Einzelnen ist. Posa beschwört bewusst die Rückgabe der Gedankenfreiheit, die in früheren Zeiten schon vorhanden gewesen sei, und will damit Philipp bewusst machen, dass ein Gottesgnadentum nicht die „natürliche“ Herrschaftsform ist. Diesen Appell bzw. diese Argumentation verdeutlicht er noch weiter:

Sehen Sie sich um/In seiner herrlichen Natur! Auf Freiheit/Ist sie gegründet – und wie reich ist sie/Durch Freiheit! Er, der große Schöpfer, wirft/In einen Tropfen Tau den Wurm, und lässt/Noch in den toten Räumen der Verwesung/Die Willkür sich ergetzen – Ihre Schöpfung,/Wie eng und arm! Das Rauschen eines Blattes/Erschreckt den Herrn der Christenheit – Sie müssen/Vor jeder Tugend zittern. Er – der Freiheit/ Entzückende Erscheinung nicht zu stören – /Er lässt des Übels grauenvolles Heer/In seinem Weltall lieber toben […]. (Schiller 2001, S. 126)

Posa vergleicht also Gott mit Philipp und bricht damit mit einer Jahrhunderte alten Sichtweise, indem er behauptet, dass es nicht von Gott gewollt ist, wenn einer die anderen in seinem Lande beherrscht. Vielmehr wird die Freiheit und Gleichheit der Menschen als die natürliche Weltordnung präsentiert. Posa verlangt nun von Philipp, diesen Naturzustand wieder herzustellen:

Der Bürger/Sei wiederum, was er zuvor gewesen,/Der Krone Zweck – ihn binde keine Pflicht,/Als seiner Brüder gleich ehrwürd'ge Rechte./Wenn nun der Mensch, sich selbst zurückgegeben,/Zu seines Werts Gefühl erwacht – der Freiheit/Erhabne, stolze Tugenden gedeihen – /Dann, Sire, wenn Sie zum glücklichsten der Welt/Ihr eignes Königreich gemacht […]. (Schiller 2001, S. 127)

Trotz aller Begeisterung, die bei Philipp teilweise für Posas Gedankengut entsteht, kann er dies nicht gut heißen, da er genau weiß, wer die wahren Machthaber im Lande sind. Daher empfiehlt er dem Marquis zu fliehen, bevor er in die Hände der Inquisition gerät. Er lässt ihn gehen, ohne etwas zu unternehmen, mit der Begründung, dass er nicht „alle/Glückseligkeit“ zerstören will und, dass Posa unter ihm weiterhin fortfahren darf „Mensch zu sein“ (Schiller 2001, S. 128). Der König ist sich seiner Fehler und seiner Terrorherrschaft scheinbar also durchaus bewusst, fühlt sich jedoch machtlos, gegen diese Unterdrückung etwas zu unternehmen. Philipp II. erscheint kaum mehr als der große Alleinherrscher, sondern eher als Marionette einer höheren Macht.

Wer diese Macht ist, zeigt sich gegen Ende des Dramas, als nämlich der neunzigjährige Großinquisitor den verwirrten und zweifelnden Philipp zurechtweist. Philipp zeigt sich nachhaltig von der aufklärerischen und humanen Sichtweise Posas beeindruckt und begeistert sich für dessen Menschlichkeit. Dies unterbindet der Großinquisitor auf der Stelle: „Wozu Menschen? Menschen sind/Für Sie nur Zahlen, weiter nichts. Muss ich/Die Elemente der Monarchenkunst/Mit meinem grauen Schüler überhören?“ (Schiller 2001, S. 215). Der Großinquisitor spielt auf Philipps fortgeschrittenes Alter an und dass er scheinbar vergessen hat, wie ein Monarch zu handeln habe. Diese Aussage zeigt wiederum die Unvereinbarkeit einer absoluten Monarchie mit dem Gedankengut der Aufklärung. In dieser Herrschaftsform steht nicht der Mensch im Zentrum und der Großinquisitor ermahnt den König, sich des für den Absolutismus charakteristischen Mittels der Unterdrückung wieder zu bedienen. Letztendlich muss auch Don Karlos wegen seines revolutionär-progressiven Gedankengutes geopfert werden. Auf des Königs Frage „Es ist mein einz'ger Sohn – Wem hab ich Gesammelt?“ antwortet der Großinquisitor schlicht: „Der Verwesung lieber, als/Der Freiheit.“ (Schiller 2001, S. 217). Dies zeigt wiederum, dass die Kirche die wahre Macht im Staat und Bewahrerin der politischen Verhältnisse ist. Dabei ist ihr jedes Mittel recht, um die Freiheit der Menschen zu unterdrücken.

 
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