Akt 22. Szene – Abschiedsduett Don Carlos/Elisabeth

Don Carlos ist nun durch den Tod Rodrigos befreit von der Liebe zu Elisabeth. Er ist bereit für die Revolution in Flandern und will ein Held sein. Elisabeth bestärkt ihn.

„(…)

DON CARLOS:

Ich hatte einen schönen Traum… er entschwand;/Und in dem Leid erschien mir ein Scheiterhaufen,/dessen Flammen zum Himmel schlugen./Ein von Blut gefärbter Fluss, Felder, die zu Gräbern wurden,/Ein Volk, das stirbt und nach mir die Hand ausstreckt/Wie nach einem Retter in den Tagen des Unheils./Zu ihm will ich glücklich gehen, ob tot oder siegreich./Mit Beifall oder Tränen wird euer Herz meiner Gedenken.

ELISABETH:

Ja, das ist Heldentum und seine heilige Flamme!/Liebe, die unserer würdig ist, Liebe, die die Starken entflammt!/Sie macht den Menschen zum Gott! Geh! Verliere keine Zeit!/Besteig den Kalvarienberg und rette ein sterbendes Volk!

DON CARLOS:

Ja, durch deine Stimme ruft dieses Volk nach mir…/Und wenn ich für es sterbe, wird mein Tod schön sein!/Vor diesem Tag hätte keine Menschenmacht/Deine Hand von der meinen getrennt!/Aber an einem so großen Tag hat die ehre in mir die Liebe besiegt;/Ein solches Unternehmen erneuert Geist und Herz!/Siehst du nicht, Elisabeth! Ich drücke dich an meine Brust,/Mein Mut wankt nicht, und ich werde ihn auch nicht verlieren!/Jetzt, da alles aus ist und ich meine Hand aus der Euren zurückziehe,/ Da weint ihr

ELISABETH:

Ja, ich weine, aber ich bewundere dich./Das Weinen kommt aus meiner Seele, und du kannst sehen,/Welche heiligen Tränen Frauen für Helden vergießen!/Aber dort oben werden wir uns in einer besseren Welt wiedersehen,/Die Stunde der Ewigkeit sind für uns schon eingeläutet;/Und dort im Schoß des Herrn werden wir das ersehnte Gut finden, das uns auf Erden immer flieht!(…)“

(Mehnert 2005, S. 109–11)

In der Oper gibt es drei Duette zwischen Don Carlos und Elisabeth, das erste bei der Entdeckung ihrer Liebe, eines beim Aufflammen des Konflikts zwischen Sehnsucht und Pflicht und das Abschiedsduett, in dem die Liebe zwar verloren scheint, jedoch Don Carlos an Reife gewinnt.

In Don Carlos' Monolog spricht er von der Befreiung Flanderns, er sieht sich nun als Retter des Landes und bringt dies mit großer Selbstbeherrschung dar, erstmals versucht er seine Gefühle zu Elisabeth zu überwinden. Auch wenn hier seine Worte und sein Tonfall zögerlich und zurückhalten klingen, unterstreicht das Orchester seine wahre Gefühlslage. Fast bis zum Schluss hört man ein quälendes Motiv von fünf aufoder absteigenden Nachbartönen (Vauthrot 1910, S. 332, Zeile 1, Takt 1 und Zeile 2, Takt 1–3, Begleitung), die nur durch Achtelpausen getrennt werden. Dieses Motiv soll die Unbeweglichkeit Don Carlos' darstellen, dies wird auch noch durch das Klagemotiv des Horn und der Piccoloflöte verstärkt (Vauthrot 1910, S. 332, Zeile 2, Takt 1–2, Begleitung).

Don Carlos erzählt von einem Traum. Verdi verwendet hier gezupfte Streichinstrumente und eine zarte Holzbläserbegleitung. Erst als die Erzählung immer dramatischer wird, schaukelt sich auch das Orchester auf, laute und dichte Bläserklänge kommen hier hinzu (vgl. Vauthrot 1910, S. 334–335). Als Don Carlos sich dann als Retter sieht, kommt der Marschrhythmus in der Gesangsstimme hinzu. Das Orchester antwortet mit einer Bläserfanfare, die ermutigend und drängend wirkt, jedoch verheißt der gleichzeitige chromatische Lauf nach oben nichts Gutes (Vauthrot 1910, S. 335, Zeile 3, Takt 2). „Siccome a Redentor, nei dì della sventura. A lui n'andrò beato, se spento o vicitor.“ (dt.: „Wie nach einem Retter in den Tagen des Unheils. Zu ihm will ich glücklich gehen, ob tot oder siegreich“).

Elisabeth reagiert positiv und ermutigt Don Carlos in seinem Vorhaben. Dies wird in der Musik durch die arpeggierte Harfenbegleitung verdeutlicht und bekommt so einen epischen Charakter (Vauthrot 1910, S. 336, Zeile 3, Takt 1–2, Begleitung). „Sì. L'eroismo è questo e la sua sacra fiamma!“ (dt.: „Ja, das ist Heldentum und seine heilige Flamme!“).

In den Gesangspausen hört man immer wieder das chromatische Bläsermotiv, das deutlich für die überschwängliche Begeisterung der beiden steht. Diese nach oben führende Chromatik entwickelt sich im Duett weiter und steht dann für den Trennungsschmerz und die Pflicht der Liebe zu widerstehen. Als Don Carlos dann auf Elisabeths Gefühlslage zu sprechen kommt, moduliert Verdi nach Cis-Moll (Vauthrot 1910, S. 340, Zeile 2, Takt 2–3). Die Streicher begleiten dies mit einem bedrückenden Seufzermotiv und tränenähnlichen kurzen Tönen (vgl. Lischke 1989, S. 133–135).

Aus der Oper kann man trotz der Komprimierung des ursprünglichen Schillerschen Textes in vielen weiteren Szenen politische Anknüpfungspunkte herausfiltern. Sehr ergiebig ist beispielsweise auch das Duett zwischen König Philipp und dem Großinquisitor, in dem scharfe Kritik an der Kirche und deren Einfluss auf die Politik geübt wird (4. Akt,16. Szene).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sowohl Schillers Drama als auch Verdis Oper die gesamte Bandbreite der aufklärerischen Ideen des späten 18. Jahrhunderts behandeln. Die hier aufgegriffenen Themen wie Freiheit, Unterdrückung, Gleichheit, Revolution, Menschenrechte und Menschenwürde, haben bis heute nichts an Aktualität verloren und sind in unserer Zeit relevanter denn je. Insofern lässt sich Don Karlos als zeitloses Drama bzw. zeitlose Oper rezipieren, das auch für die politische Bildung der heutigen Jugendlichen von großer Relevanz sein kann.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >