Warum Woyzeck? – Wert und Didaktik

Immer dann, wenn man nach der Berechtigung fragt, klassische Texte, die mitunter 150 Jahre und älter sind, als Lehrstücke heranzuziehen, stützt man sich gerne – gerade in der Schule – auf den Fakt, dass sie eben Kanon seien: wichtige Punkte der deutschen Literatur, die schon immer von Relevanz für die Schule gewesen sind.

Dieses Argument gilt jedoch auch umgekehrt: Gerade weil wir in der Schule sind, müssen wir solche Annahmen unbedingt reflektieren und gegebenenfalls aktualisieren. Die Gefahr den Zugang zu den Schülerinnen und Schülern wie auch zur eigenen Literatur zu verlieren, ist zu groß.

Im Falle von Büchners Woyzeck finden wir aus medialer und kulturbetrieblicher Sicht nach wie vor andauerndes Interesse am Stück: Woyzeck ist fester Bestandteil der Theaterrepertoires, der Kinski-Verfilmung folgte 2013 eine aktuelle WoyzeckBearbeitung (mit Tom Schilling) und die Büchner-Forschung ist sich über den Wert und die Aktualität von Büchners Fragment seit langem einig (vgl. Borgards und Neumeyer 2009, S. 376 ff.). Doch was heißt das für den Unterricht? Ist Woyzeck didaktisch wirklich noch vertretbar?

Es lässt sich feststellen: Wenige dramatische Werke der deutschen Literatur erzeugen aus sich selbst heraus einen so vielgestaltigen Zugang wie es Büchners Woyzeck vermag. Hier lässt sich ein Realismus finden, der für den Unterricht von hohem Wert ist. Damit ist gemeint: Der historische Ursprung des Stoffes (vom Fall des Johann Christian Woyzeck) allein ermöglicht aus didaktischer Sicht zweierlei. Über dieses prototypische Exempel lässt sich einerseits ein äußerst produktiver Einstieg in die Ambivalenz und Kontroversität des im Stück dargestellten Zeitgeschehens gestalten – hierzu dienen u. a. die dokumentierten Gutachten zur Diagnose des Mörders Woyzeck oder Zeitzeugenberichte über die öffentliche Hinrichtung (Bekes & Reichling 2007, S. 60 ff.). Dadurch, dass sich Büchners Figur auf historische Tatsachen stützt, kann die Brücke zwischen Narration und Realität geschlagen werden (was für die Rezeption der Schülerinnen und Schüler im Unterricht nur von Vorteil sein kann). Dies kann zusätzlich mit den korrelierenden Aspekten aus Büchners Biographie – Prägung durch das Elternhaus, Revolte gegen die damaligen Verhältnisse, Verfolgung und Denunziation – untermauert werden (vgl. Frank 2011).

Dieser realistische Umriss des Stücks spiegelt sich auch in seiner Form wider: Die Zeichnung der Charaktere, die authentische sprachliche Anpassung an ihre jeweilige Sozialität – überhaupt: die Wahl der Perspektive. Woyzeck ist ein Held von unten. Man schaut vom Grund aus und verpasst damit niemanden. Denn in der pluralistischen Welt des Woyzeck nutzt jeder, dessen gesellschaftliche Stellung privilegierter ist, das Fundament zum Laufen. Und genau in dieser bewussten Darstellung der Randbereiche einer Gesellschaft liegt ein großer Identifikationsund Solidarisierungswert für die Beschäftigung im Unterricht.

Wie gezeigt werden wird, ist natürlich das Aufzeigen eines (modernen) Pluralismus der Gesellschaft die große thematische Chance des Stücks. Dass wir in Büchners Fragment von all den unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus hören, hat den Grund, sie verstehen zu können. Er zeigt uns ihre Mechanismen und damit genau die Momente, welche die Spannungen und Konflikte moderner Gesellschaftsstrukturen erschaffen.

Und wenn wir konstatieren, dass all die Disparitäten und moralischen Morde auch gegenwärtig noch bestehen, dann spricht das nicht nur für die Berechtigung, den Woyzeck noch heute zu behandeln, sondern vor allem für die Brillanz der Darstellung des Stoffes: In seiner blanken Spiegelung der Umstände, seinem fragmentarischen brechenden Charakter und der daraus entstehenden Offenheit ermöglicht er nicht nur einen ambivalenten (und damit authentischen) Blick in die Problematiken einer Gesellschaft, sondern schafft gleichermaßen Offenheit für alles danach. Für den wieder neuen und individuellen Zugang einer Gegenwart in ihr Verstehen und ihre eigene Verfertigung – Büchners Woyzeck steht damit jedem Versuch der Interpretation der eigenen Zeit zur Verfügung.

Aus diesen Gründen folgt der Beitrag auch einem interdisziplinären Anspruch. Die Idee, den Woyzeck in seinem Spektrum so zu nutzen, dass fächerübergreifend – im vorliegenden Fall für die Fächer Politik, Deutsch und Musik – gedacht und im Unterricht gearbeitet werden kann. Dieses Modell bietet den Vorteil, so etwas wie ein Drama nicht in einem Fach oder einer Denkweise zu isolieren, – sondern es lediglich als Ausgangspunkt zu verstehen, der in seiner Thematisierung menschlicher Realitäten an sich keine Abgrenzungen impliziert und deswegen genauso wenig auf ein Fach reduziert werden sollte.

 
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