Sozialität und Isolation – Exkurs: Bourdieu bei Büchner

Geht man wieder von der genannten Disparität Woyzecks aus, lässt sich als Konsequenz für seinen gegenwärtigen Zustand das Moment der sozialen Isolation formulieren. Es ist der äußerst starke und entscheidende Aspekt, der Woyzecks Ohnmacht und Ausweglosigkeit beschreibt – und damit den weiteren Gang geradezu antizipiert. Die Darstellung der starren sozialen Strukturen im Stück fordern für den Unterricht fast eine Exkursion in die Denkweise Pierre Bourdieus (2001). Dieser soziologische – deswegen nicht minder politische – Zugang zu der Problematik ermöglicht den Schülerinnen und Schülern eine produktive Einsicht in die soziale Tragik, der Woyzeck erliegt, wie auch in die generell vorherrschenden Mechanismen sozialer Ungleichheit innerhalb einer Gesellschaft. Bourdieus Ausführungen zum Habitus, dem sozialen Determinismus bzw. der Rekrutierung innerhalb der Milieus oder den resignativen Tendenzen unterprivilegierter sozialer Gruppen bieten eine hohen Erkenntnisund Kompetenzzuwachs für das Verstehen und Bewegen in politischen Diskursen. In Woyzeck findet sich Bourdieu wieder:

„Unsereins ist doch einmal unselig in der und der anderen Welt, ich glaub' wenn wir in Himmel kämen, so müssten wir donnern helfen“ (Woyzeck 1999, S. 16) Der soziologische Zugang kann ein Korrektiv sein für viele typische Fehlvorstellungen (Determiniertheit von Begabung und Leistung bestimmter Milieus, Mobilität und Chancengleichheit im Bildungssektor) und stellt besonders für die Selbstwahrnehmung der Schülerinnen und Schüler, als am gesellschaftlichen Prozess partizipierende Individuen, eine große Chance bereit.

Im Unterricht kann die Diskrepanz zwischen (beanspruchter) politischer und (vorherrschender) gesellschaftlicher Realität thematisiert werden und diesbezüglich die möglichen Korrekturmöglichkeiten der Politik (zum Beispiel in der Sozial, Bildungsund Integrationspolitik). Mögliche Fachkonzepte wären Interessengruppen, Massenmedien oder Gerechtigkeit/Gleichheit [1]. Exemplarisch – gerade im Hinblick auf Bourdieu (2001) – fungiert die seit Jahren geführte Bildungsdebatte als ein guter Ausgangspunkt wie auch alle Themen, die zur sozialen und politischen Ausgrenzung bzw. Isolation führen (Migrationspolitik, Sozialleistungen).

  • [1] Zu den Fachkonzepten siehe auch Kap. 3
 
< Zurück   INHALT   Weiter >