Rechtfertigung und Rechtsstaat – Ethik im Woyzeck

Aus den genannten Umständen, denen sich Woyzeck ausgesetzt sieht, entstehen dann auch jene Entwicklungen, die zum tragischen Ende des Stücks führen. Woyzecks ökonomische Not zwingt ihn zum Beschaffen mehr oder weniger legaler Einkommensquellen – und öffnet damit für den Unterricht die Dimension des Sozialstaats und der Frage, inwieweit Schwarzarbeit und illegale Ausgleichshandlungen aufgrund von sozialen Missverhältnissen nicht vom Staat aufgefangen werden müsste. Hier bietet sich auch die moralisch-ethische Diskussion des Sozialstaatprinzips an – gerade im Hinblick auf die historische Entstehung in der Bundesrepublik.

Die sozialen und ökonomischen Zwänge sind es schließlich auch, die Woyzeck (scheinbar) zum Mord nötigen. Aus diesem kriminalistischen Endpunkt – und der kontroversen Gerichtsbarkeit des realen Falls Johann Christian Woyzecks – heraus, lässt sich das Fachkonzept Rechtsstaat für den Unterricht entwickeln. Die Möglichkeiten sind hier mannigfaltig: Über die konstituierenden Elemente eines Rechtsstaates auf nationaler wie auch internationaler (bsp. Europäischer Gerichtshof) Ebene hin zum ideellen Diskurs über den Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit, sind auch die konkreten tagespolitischen Schnittstellen (Steuervergehen, die Frage nach Todesstrafen oder der Zurechnungsfähigkeit bei Sexualdelikten) in diesem Bereich zahlreich – und für den Unterricht sehr gut nutzbar zu machen.

Weiter lässt sich eine politische Dimension eröffnen, die direkt aus dem Konzept der Rechtstaatlichkeit hervorgeht und vielleicht das stärkste Diskurspotenzial des Stücks darstellt: die Fundamentalnormen von Freiheit, Gleichheit/Gerechtigkeit und Menschenwürde. Die dem Woyzeck immanente Kontroverse und Uneindeutigkeit des Urteils gegenüber der Schuld Woyzecks führen dazu, dass man nach den grundlegenden moralisch-ethischen Prämissen einer politischen Ordnung fragen kann. Über das Einzelschicksal des Woyzeck lässt sich die Frage entwickeln, wie von Freiheit oder Gleichheit gesprochen werden kann, wenn gesamtgesellschaftliche Prozesse für den Verlust und die Isolation des Einzelnen mit verantwortlich sind? Die Lektüre des Stücks bringt den Leser in den meisten Fällen zu der Einsicht, dass fundamentale rechtstaatliche Prinzipien gelten müssen. Gleichzeitig aber ermöglicht es, die Frage nach ihren Umsetzungen in die Gegenwart zu richten. Die Schülerinnen und Schüler können fragen: Sind wir gleich und auch frei? Haben wir die gleichen Zugangschancen zu den gesellschaftlichen Ressourcen? Ab wann beginnt die Menschenwürde in Frage gestellt zu werden? Ist die vorherrschende Ungleichheit legitim oder sogar gerecht?

Für den Unterricht empfiehlt sich ein Zugang direkt über das Grundgesetz. Jene polemische Infragestellung dieser Prinzipien, die Büchner in den Anfängen einer modernen pluralistischen Ordnung zeichnet, schafft für den Unterricht und die politische Gegenwart der Schülerinnen und Schüler den Raum zur Reflexion: zwischen rechtlicher und realer Umsetzung der grundlegenden Werte und Vorstellungen des deutschen Rechtsstaates unterscheiden zu lernen.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >