Methodisches Vorgehen

Die Studie strebt danach Aussagen sowohl zur Linkage-Leistung von NGOs, als auch zu der in vielen Publikationen (implizit) formulierten Annahme, dass ein höherer Professionalisierungsgrad zulasten ebendieser geht, zu treffen. Zweck der Analyse ist die Überprüfung der in Kapitel 9 aufgestellten Hypothesen unter Verwendung empirischer Daten. Folglich wird eine deduktive Vorgehensweise gewählt. Ausgangspunkt sind vorhandene Theorien und Hypothesen, die anhand von Beobachtung bzw. Befragung überprüft werden (Lamnek 2005: 250). Datenerhebung und -auswertung erfolgen primär mittels qualitativer Methodik. Der hier gewählte Ansatz trägt also dem Zweig der qualitativen empirischen Sozialforschung Rechnung, welcher eine stärker theoriegeleitete Vorgehensweise und den Einsatz von ex ante Hypothesen als zweckmäßig erachtet (Hopf 1983; Meinefeld 1997), nicht nur, um das Vorwissen des Forschers systematisch miteinzubeziehen, sondern zur besseren Interpretierbarkeit der Daten.

Die Überprüfung der Hypothesen erfolgt durch eine Querschnittstudie, also einer „Zustandsund Prozessanalyse zum Zeitpunkt der Forschung“ (Flick 2000: 255). Der Vergleich des Ist-Zustandes der Linkage-Leistung von auf EUEbene agierenden NGOs bzw. der von ihnen geschaffenen Voraussetzungen zur Realisierung von Linkage und die Überprüfung der theoretischen Annahmen zum Einfluss des Professionalisierungsgrades stehen im Mittelpunkt der Untersuchung. Da es sich bei dem Phänomen der Professionalisierung um einen Prozess handelt, ist eine Momentaufnahme in Form eines Querschnittsdesign als potenziell problematisch anzusehen. Grundlegende Prämisse dieser Studie ist jedoch, dass der Prozess nicht bei allen NGOs gleich weit vorangeschritten ist. Es geht daher nicht darum, den Prozess als Ganzes, inklusive zeitlicher Entwicklung zu erfassen – zu diesem Zweck wäre eine auf Jahrzehnte angelegte Längsschnittstudie erforderlich. Vielmehr wird in Ermangelung adäquater Daten in einem ersten Schritt der Stand der Professionalisierung von auf EU-Ebene agierenden NGOs erfasst. Dieser wird als Linkage beeinflussende Variable operationalisiert und anschließend ein systematischer Vergleich der Linkage-Leistung von NGOs mit divergierendem Professionalisierungsgrad durchgeführt. Demgemäß handelt es sich um ein zweistufiges Vorgehen der Datenerhebung.

Ziel der Untersuchung ist ein strukturiert fokussierter Vergleich, d.h. in allen Fällen werden gleiche Dimensionen und Variablen erhoben und analysiert. Zweck der Analyse ist es, die Strategien und kommunikativen Maßnahmen der NGOs hinsichtlich ihrer Linkage-Leistung, in Abhängigkeit des jeweiligen Professionalisierungsgrades der Organisation zu untersuchen, um deren Demokratisierungspotenzial einschätzen zu können. Die Linkage-Leistung respektive die Leistung in den einzelnen Linkage-Dimensionen wird demnach als abhängige Variable (AV) verstanden, die vom Professionalisierungsgrad, als unabhängiger Variable (UV), beeinflusst wird.

Vor der Erhebung des Datenmaterials stellt sich die Frage, mithilfe welchen methodischen Zugangs sich Informationen, zum einen über den Stand der Professionalisierung und die konkrete Ausprägung der einzelnen Professionalisierungsmerkmale, zum anderen über die zur Realisierung von Linkage essenziellen kommunikativen Maßnahmen gewinnen lassen. Professionalisierung umfasst Veränderungen der Organisationsund Personalstruktur, aber auch der strategischen Ausrichtung. Die organisationseigenen Websites und die dort befindlichen Governance-Dokumente (sofern vorhanden) liefern keine hinreichenden Informationen, etwa über die Zahl der Hauptamtlichen oder die Bedeutung einer qualifizierten Ausbildung der Mitarbeiter. Da „lediglich“ die Manifestation der Merkmale und nicht die dahinterstehenden Intentionen und Prozesse von Interesse sind und zudem eine hohe Vergleichbarkeit der Daten angestrebt wird (Bortz & Döring 2009), scheint die Datenerhebung unter Verwendung eines, anhand der Operationalisierung der in Kapitel 6.4 spezifizierten Professionalisierungsmerkmale entwickelten, standardisierten schriftlichen Fragebogens als besonders geeignet, um eine adäquate Datenbasis zu generieren bzw. eine möglichst präzise Bestimmung des Professionalisierungsgrades und der Ausprägung der Professionalisierungsmerkmale zu gewährleisten.

Dagegen erscheint, in Hinblick auf die Bewertung der Linkage-Leistung bzw. die Kausalität von Professionalisierungsgrad und ebendieser, die quaslitative Methode des Experteninterviews als vielversprechender Zugang. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass vorhandenes Wissen in Form mündlicher Aussagen erfasst und der Interpretation zugänglich gemacht wird. Mit dieser Vorgehensweise, die es erlaubt, Prozesse durch die Aussagen involvierter Personen zu rekonstruieren (Gläser & Laudel 2009: 13) und so relevantes Wissen zu erschließen, ist es möglich, die kommunikativen Strategien und deren Umsetzung bzw. die zur Erfüllung der einzelnen Linkage-Dimensionen entscheidenden Aktivitäten sowie die dahinterstehenden Intentionen und Prozesse abzubilden.

Eising (2008: 20) weist in einem Überblick über die Arbeiten zum Einfluss von Interessengruppen auf das Problem von rein auf Selbstaussagen der Akteure basierenden Rückschlüssen hin. Das von den Befragten geschilderte Selbstbild, etwa in Bezug auf realisierte Maßnahmen, muss nicht mit ihrem faktischen Verhalten übereinstimmen, was leicht zu Fehlinterpretationen derartiger Datensätze führen kann. Diese Problematik ist beiden hier gewählten methodischen Vorgehensweisen immanent. In Anerkennung dieses Problems und mit dem Anspruch, eine solide Datengrundlage zu gewährleisten, werden beide Erhebungen auf Basis unterschiedlicher methodischer Zugänge realisiert – es wird eine methodologische Triangulation vorgenommen (Flick 2008: 310; Lamnek 2005). Sowohl der Fragebogen zur Erhebung des Professionalisierungsgrades, als auch die Experteninterviews werden in Teilen durch die Analyse der organisationseigenen Website bzw. von Dokumenten ergänzt, welche Aufschluss über Ziele, Institutionalisierung und Selbstverständnis der jeweiligen NGO (die Informationen sind vorrangig für den ersten Teil der Erhebung relevant) sowie deren GovernanceStrukturen und Transparenz geben. Darunter fallen spezifische Website-Passagen, Statuten, strategische Pläne, Jahresberichte, Positionspapiere und die organisationseigenen, der Öffentlichkeit zugänglichen, Newsletter.

Letztere dienen jedoch nur zur Ergänzung der durch Experteninterviews gewonnenen Daten. Sie sind – wie die Website – eine von den NGOs selbst gesteuerte kommunikative Maßnahme und damit ein Instrument der direkten, ungefilterten Kommunikation mit Mitgliedern, Basis und Öffentlichkeit. Die Inhalte sind nicht nur ein weiterer Indikator für die Bedeutung, die der Kommunikation mit diesen Zielgruppen beigemessen wird, sondern ermöglichen auch einen Vergleich des in den Interviews geäußerten Selbstbilds und der Fremdwahrnehmung der kommunikativen Performanz. Eine Inhaltsanalyse der Newsletter, basierend auf der Operationalisierung der einzelnen Linkage-Dimensionen (siehe Kapitel 12), erlaubt nicht nur eine Einschätzung, inwieweit die NGOs ihren selbst auferlegten Kommunikationszielen gerecht werden und die postulierten Strategien der Sozialisierung, Mobilisierung und Accountability tatsächlich umsetzen. Darüber hinaus lassen sich Aussagen über die Interaktion bzw. Kooperation mit anderen zivilgesellschaftlichen und politischen Akteuren treffen.

Während Positionspapiere, politische Erklärungen und strategische Dokumente zur Bewertung der Dimensionen Interessenvermittlung und Responsivität relevant sind; kommen Statuten und Governance-Diagramme mit Blick auf die Existenz eines wirksamen Bindungsmechanismus durch Delegation und Kontrolle sowie die Transparenz der Organisationen zum Tragen. Hingegen spielen Jahresberichte vor allem für die Accountability, speziell die Höhe und Zusammensetzung des Budgets, eine Rolle.

Die Kombination unterschiedlicher methodischer Zugänge innerhalb eines Untersuchungsdesigns generiert eine umfangreichere Datenbasis und erlaubt durch das „gegeneinander-Ausspielen“ von Methoden, die Validität der Feldforschung zu maximieren (Denzin 1978: 304) [1]. Dank der Verknüpfung von Interview, als reaktivem Verfahren der Datenerhebung (Schnell et al. 2005: 353), das eine hohe Involviertheit des Forschers mit sich bringt und Websitebzw. Dokumentenanalyse, als nicht-reaktivem Verfahren, werden die Grenzen der einzelnen methodischen Ansätze überschritten (Flick 2007; Marotzki 1995) und die Schwächen der einen Methode durch die Stärken der anderen relativiert.

  • [1] Denzins Konzept ist umstritten (Fielding & Fielding 1986; Flick 1991), da es das Problem der Reaktivität der Methoden weitgehend unberücksichtigt lässt. Unterschiedliche Methoden erfassen nicht nur unterschiedliche Aspekte desselben sozialen Phänomens, sondern jede Methode konstituiert ihren Erkenntnisgegenstand
 
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