Draußen vor der Tür im Politikunterricht

Zugangsproblematik

Der Film Let there be light von John Huston war als Dokumentation gedacht und zeigte, wie nach dem Zweiten Weltkrieg versucht wurde, die traumatisierten Soldaten zu behandeln. Obwohl die Regierung selbst den Dreh in Auftrag gegeben hatte, wurde dann befürchtet, mit dem Film zukünftige Soldaten vom militärischen Dienst abzuschrecken. Vincent Canby schrieb 1981 einen Artikel für die New York Times über diesen Film und kam zu dem Schluss, dass diese abschreckende Wirkung wohl nicht mehr gelten würde:

Its studied look may have the effect of softening the movie's impact on today's audiences, who've grown up seeing riots, wars and assassinations live-and-in-color on their home television screens (Canby 1981 [Online]).

Schon in den 80ern also wurde bezweifelt, dass das inzwischen abgestumpfte Fernsehpublikum durch Filmbilder immer noch so schockiert werden könnte. Heutzutage zählt das Ausfechten virtueller Kämpfe und Kriege zu den Lieblingsbeschäftigungen von Jugendlichen, die Qualität eines Computerspiels wird nach der Anzahl der verfügbaren Waffen beurteilt und danach, wie realistisch das Blut und wie detailliert die Verwundungen der Gegner gezeigt werden. Der Unterschied zu tatsächlichen Kriegen wird noch minimiert durch die Technik des amerikanischen Militärs, Rekruten auf ihren Einsatz vorzubereiten, indem sie Computersimulationen von kriegerischen Handlungen durchführen. Harun Farocki dokumentierte diese Trainingsmethoden des US-Militärs in seinen Videos Ernste Spiele. Man sieht darin, wie Soldaten Einsätze am Computer simulieren, wobei bei diesen Simulationen die grafische Auflösung sogar weniger realistisch zu sein scheint als bei PC-Spielen für den privaten Gebrauch. Spiel und Realität sind zwar nicht dasselbe, dennoch braucht es mittlerweile mehr als noch in den 1940ern, um Menschen tatsächlich emotional zu berühren. Für die Schülerinnen und Schüler ist ein Vortrag über die Grausamkeit des Krieges daher wohl kaum ausreichend, um bei ihnen Abneigung gegen das Töten von Menschen zu militärischen Zwecken zu wecken. Der Zugang muss persönlicher werden, tiefer gehen, um noch einen Eindruck zu hinterlassen. Für den Ersten Weltkrieg stellte Walter Benjamin in seinem Aufsatz Erfahrung und Mut fest, weshalb der Krieg so viele traumatisierte Soldaten zur Folge hatte:

Eine Generation, die noch mit der Pferdebahn zur Schule gefahren war, stand unter freiem Himmel in einer Landschaft, in der nichts unverändert geblieben war als die Wolken, und in der Mitte, in einem Kraftfeld zerstörender Ströme und Explosionen, der winzige gebrechliche Menschenkörper (Benjamin 2001, S. 23).

Dieses Extrem, das gerade im Ersten Weltkrieg empfunden wurde, hat sich mittlerweile aufgelöst, die Schrecken der Kriege sind dadurch allerdings nicht weniger geworden. Gefährlich ist nur die Abstumpfung gegen diese Schrecken. Dagegen könnte man vor allem durch die Nutzung der Medien angehen, die diesen „Gewöhnungseffekt“ verursachen. Beim Angriff auf die Zwillingstürme am 11. September 2001 wurde die ganze Welt gleichzeitig zum Zeitzeugen (Lethen 2003, S. 5). Aufgrund der Fernsehübertragung konnte jeder dabei sein, als die Türme einstürzten, die ganze Welt stöhnte gleichzeitig auf. Umso schwieriger wird es, abseits dieser starken Bilder, ein tatsächliches Gefühl bei Schülerinnen und Schülern hervorzurufen. Auch ein so eindringliches Stück wie Draußen vor der Tür kommt nicht ohne Verbindungen zur Gegenwart aus, die im Unterricht unbedingt berücksichtigt werden müssen. Ferner ist die visuelle Unterstützung des Unterrichts ein wesentlicher Bestandteil unseres Projekts. Borcherts Stück sollte daher als Ausgangspunkt und immer wiederkehrender Impuls verwendet werden, es muss aber wesentlich mehr Material aufgeboten werden, um den Schülerinnen und Schülern die Problematik auch tatsächlich näherzubringen.

 
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