Betrachtung im Fach Ethik

Dürrenmatt bezeichnete sich selbst als Schriftsteller, der seinem Publikum eher unbequem und spiegelnd begegnen wollte. Alles, was in seinen Stücken zu sehen geglaubt wird, so äußerte er selbst, seien Widerspiegelungen der Gedanken seiner Rezipienten. Er glaubte also an die Reflexionsfähigkeit seines Publikums. Denn auch die Nachkriegszeit war von unmoralischem Verhalten geprägt und es wurde derzeit undemokratische Politik betrieben, sodass sich eine kränkelnde Gesellschaft hinsichtlich ihrer Moralerziehung herausbilden musste. Die drei Figuren in Gestalt der Physiker Newton, Einstein und Möbius vertreten jeweils unterschiedliche Meinungen, die grob mit den Ansichten der Fronten im Kalten Krieg übereinstimmen sollen, aber durchaus auch mit den unterschiedlichen Meinungsbildern der Gesellschaft verglichen werden könnten. Während Newton für die Freiheit der Wissenschaft und gegen die Verantwortung der Wissenschaftler für deren Wissensverwendung steht, ist Einstein ein Verfechter der Verantwortlichkeit für die Forschung und stellt sich dem Missbrauch des Forschungswissens entgegen. Er ist nur für den Zugang von Forschungswissen unter bestimmten Bedingungen. Möbius stellt die hinterfragende Instanz dar, der als einziger wahrhaftiger Wissenschaftler die Gefahr der Unvernunft der Menschheit sieht und dem damit verbundenen Missbrauch des Forschungswissens zur Zerstörung der Menschheit entgegenzuwirken versucht. Er möchte als Wissenschaftler mit seinem Forschungswissen nicht zur Unterstützung der Machtpolitik fungieren und flüchtet schließlich hinter den Schutzwall der Irrenanstalt.

Dürrenmatts Die Physiker stellt die Kritik daran dar, dass Wissenschaftler von Politikern ausgenutzt und für deren Zwecke missbraucht werden. Er kritisiert den blinden Eifer der Wissenschaftler und zeigt auf, wie sie sich mitschuldig machen durch leichtfertiges Weitergeben ihres mit Vorsicht zu behandelnden Forschungswissens. Möbius ist in Die Physiker jedoch die Figur, die einen Lösungsweg aufzeigt, wie Wissenschaftler Verantwortung übernehmen könnten, um Schaden an der Menschheit abzuwenden. Dürrenmatt zeigt schließlich mit Hilfe der Figur des Möbius, dass die Vernunft, das Gespräch und die Besonnenheit die entscheidenden Mittel wären, um weltentscheidenden Themen zu begegnen. Dies ist letztlich auch die Botschaft, die Dürrenmatt mit diesem Stück übermitteln wollte (vgl. Barz 2010, S. 4 ff.).

Die moralische Aussage, die in Dürrenmatts Stück Die Physiker gelesen werden kann, ist die Warnung vor dem globalen Untergang der Menschheit durch deren Unvernunft und Risikobereitschaft. Schon wer Mithilfe zum Erbau eines Mordwerkzeuges leistet, macht sich mitschuldig und ist ebenso ein Mörder, wie derjenige, der mit der Waffe tötet.

Dass das Denken nicht verhindert werden kann, darüber war sich Dürrenmatt bewusst, jedoch vertrat er die Auffassung, dass die Forschung und die Wissenschaft nur für vernünftige und moralisch denkende und handelnde Menschen zugänglich gemacht werden dürfe. Ein Wissenschaftler dürfe sich nicht aus der Verantwortung stehlen, nur weil er den Knopf zum Abwurf der Bombe nicht gedrückt habe. Dürrenmatt wollte diejenigen in die Verantwortung nehmen, die mit wissenschaftlichem Material unvernünftig, unmoralisch oder gar verbrecherisch umgehen. Ein Wissenschaftler müsse sich entscheiden, zu wessen Gunsten er seine Wissenschaft anwendet und dürfe sich nicht zu sehr von persönlichem Ehrgeiz leiten lassen.

Nach Ansicht Heinrich Goertz stellt Dürrenmatts Stück Die Physiker die Kritik der fehlenden Moral der Menschen dar. Er prangt an, dass im Chaos der Gesellschaft keine Schuldigen oder Verantwortlichen auszumachen sind. Dürrenmatt mahnt laut Heinrich Goertz das Gewissen der Gesellschaft an, welches er so geprägt sieht: „[…] die anderen sind ja auch schuld […]“. Seine Verzweiflung über diesen Zustand transportiert er mit Hilfe des komödiantischen Ausdrucks an das Publikum weiter (vgl. Goertz 1987, S. 80 ff.).

Nach Erkenntnis des schweizerischen Literaturwissenschaftlers Walter Muschg spiegeln die Physiker im gleichnamigen Stück die gegenwärtige Weltlage und die moralische Zertrümmerung des heutigen Menschen wider. Die Menschen sind unvernünftig, überschätzen sich und missbrauchen Wissen für unmoralische Ziele.

Der Zufall ist, laut Jan Kersting, ein zentrales Thema in Dürrenmatts Die Physiker und hat einen hohen Stellenwert in diesem Stück. Der Super-Gau, den Möbius zu verhindern versucht, wird durch die Hand einer geisteskranken Einzelperson in Gestalt der Ärztin Fräulein Doktor von Zahnd und somit durch einen Zufall ausgelöst. Die Irrwege des Zufalls scheinen in Dürrenmatts Komödien der einzige Weg zu sein, um das Tragische kenntlich zu machen. Die Ohnmacht und die Hilflosigkeit, die dieses Thema birgt, zeigt Dürrenmatt durch Paradoxien und durch das Groteske. Er spiegelt dem Publikum die Wirklichkeit, indem er den grotesken und paradoxen atomaren Irrglauben aufzeigt. Nach Ansicht Kerstings prangert Dürrenmatt politische Vorgehensweisen an und deckt gesellschaftliche Missstände auf. Er weist auf das selbstzerstörerische Potential der Menschheit hin, zeigt jedoch auch vernünftige politische Lösungen in Gestalt des Möbius. Dürrenmatt will bei den Menschen intrinsische Veränderungen bewirken und versucht zum einen den Nerv der Gesellschaft zu treffen, zum anderen dessen Angst und Furcht anzupacken, denn er ist letztlich doch der Überzeugung, dass der Mensch im Allgemeinen vernunftbegabt und einsichtig ist. Kersting schreibt außerdem, dass Dürrenmatt mit seinem Stück Die Physiker weniger psychologisch, soziologisch noch politisch verstanden werden will, er will vielmehr erreichen, dass sich der Einzelne über Verrat, Schuld, Freiheit und Gerechtigkeit bewusst wird, sein Handeln positiver lenkt und die Welt hinterfragt. Jeder soll die Situation der Welt mit seinem Gewissen und seiner Ethik prüfen (vgl. Kersting 2000, S. 1 f.).

 
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