Baustein I: Macht vs. Rechtsstaatlichkeit

Das Schauspiel „Der Gott des Gemetzels“ zeigt exemplarisch anhand einer zunächst harmlosen Ausgangssituation zwischen den Ehepaaren Reille und Houillé die Grenzen unserer heutigen bürgerlichen Gesellschaft auf. Ursprünglich treffen sich die vier handelnden Personen, um die gewalttätige Auseinandersetzung zwischen ihren beiden Söhnen friedlich und möglichst kultiviert zu lösen, doch der Konflikt eskaliert im weiteren Verlauf der Handlung sowohl zwischen den Ehepartnern als auch zwischen den beiden Frauen und den beiden Männern.

Alain: Sie sind jung, das sind Jungs, schon immer haben sich Jungs in der großen Pause gegenseitig vertrimmt. Das ist ein Gesetz des Lebens.

Véronique: Nein, nein!…

Alain: Aber sicher. Es braucht eine gewisse Lehrzeit, um Gewalt durch Recht ersetzen zu können. Ursprünglich, vergessen Sie das nicht, ursprünglich herrschte das Recht des Stärkeren.

Véronique: Bei den Neandertalern vielleicht. Nicht bei uns. Alain: „Bei uns“! Das müssen Sie mir erklären, „bei uns“. Véronique: Sie öden mich an, diese Art Gespräch ödet mich an.

Alain: Véronique, ich glaube an den Gott des Gemetzels. Das ist der einzige Gott, der seit Anbeginn der Zeiten uneingeschränkt herrscht.

(Reza 2006, S. 73)

Anhand dieser kurzen Gesprächssequenz zwischen Alain und Véronique wird das Spannungsverhältnis zwischen Macht und Rechtsstaatlichkeit als zentraler Konflikt des Schauspiels deutlich. Der Leser und die Leserinnen bzw. der Zuschauer und die Zuschauerinnern werden von Yasmina Reza dazu aufgefordert, die Werte und Normen unserer heutigen westlichen Gesellschaft sowie deren tatsächliche Anwendung kritisch zu betrachten und zu reflektieren (vgl. Krenn 2008, S. 127).

Zu Beginn der Handlung ist das Verhalten der handelnden Figuren zunächst noch vorrangig durch den kultivierten und zivilisierten „Wertekodex“ der bürgerlichen Gesellschaft geprägt. Die Ehepaare Reille und Houillé sind möglichst auf eine schnelle und gesittete Lösung des Konflikts der Kinder bedacht. Dabei verhalten sie sich beinahe schon penibel höflich und aufmerksam einander gegenüber und vermeiden jegliche Reibungsfläche für weitere Konflikte. Dieses Verhalten schwindet jedoch im Verlauf der weiteren Handlung. Letztendlich scheitern die vier Figuren genau an diesem von der Gesellschaft vorgegebenen „Wertekodex“. Das Schauspiel schließt dementsprechend mit den Worten von Michel: „Was weiß man schon“ (Reza 2006, S. 93) ab.

Besonders durch die konträre Konstellation der Personen Alain und Véronique wird die Diskrepanz zwischen den zivilisierten Werten der Gesellschaft, welche dem Menschen auferlegt sind und in dessen Rahmen sich sein Verhalten bewegen sollte, und den naturgebunden Urinstinkte hervorgehoben. Beide Figuren, Alain und Véronique, stehen sich unversöhnlich gegenüber, polarisieren stark und treiben die Konfrontation schnell voran.

Alain: Véronique, wer interessiert sich schon für etwas anderes als für sich selbst? Wir alle möchten gern daran glauben, dass es besser werden könnte. Das man selber dafür sorgen könnte, und zwar möglichst uneigennützig. Gibt es das? Manche Menschen sind träge, von Natur aus, andere nutzen den Augenblick und schmieden das Eisen, solange es heiß ist, wo ist der Unterschied? Die Menschen strampeln sich ab, bis sie sterben. Die Erziehung, das Elend der Welt … Sie schreiben ein Buch über Darfur, ich verstehe schon, das jemand denkt, au ja, jetzt schreibe ich mal was über ein Massaker, die ganze Weltgeschichte besteht aus nichts Anderem, darüber schreibe ich ein Buch. Man rettet sich, wie man kann.

(Reza 2006, S. 67)

Alain personifiziert im Konflikt mit Véronique das Recht des Stärkeren als den sogenannten „Gott des Gemetzels“. Seiner Ansicht nach wirken die von ihr gepredigten und gelebten kultivierten Werte und Sitten nur oberflächlich in der Gesellschaft. Letztendlich sei das Verhalten des Menschen immer noch maßgeblich von naturgebundenen Trieben bestimmt und unterliege dem „Gott des Gemetzels“. Mit der Figur der Véronique, die sich als Humanistin für die Bürgerkriegsregion Dafur im Sudan einsetzt, schlägt Yasmina Reza die Brücke zwischen einem sehr privaten, zunächst trivialen Konflikt, und einem aktuell brisanten politischen Thema. Daher lädt das Schauspiel dazu ein, ebenfalls im Hinblick auf die Unterrichtspraxis, dieses Streitgespräch zwischen den beiden Ehepaaren in globaleren gesellschaftlichen Zusammenhängen, beispielsweise dem Krisengebiet Darfur, zu sehen und zu reflektieren (vgl. Krenn 2008, S. 127).

Véronique: Wir leben in Frankreich. Wir leben nicht in Kinshasa! Wir leben in Frankreich, mit dem Codex der westlichen Welt. Was auf dem Square de l'Aspirant Dunand passiert, steht im Bezug zu den Werten der westlichen Welt! Der anzugehören ich mich glücklich schätze, ob es Ihnen gefällt oder nicht!

(Reza 2006, S. 75)

Véronique verkörpert im Schauspiel die kultivierte westliche Welt, die letztlich ebenfalls dem „Gott des Gemetzels“ unterlegen ist und zur Gewaltbereitschaft neigt, wenn in einem Konflikt die Kinder angegriffen werden und dadurch ein Urinstinkt des Menschen, das Beschützen der eigenen Nachkommen, wachgerufen wird. Diese „Naturalisierung“ der Problematik von Reza zeigt ebenfalls ihre Sicht auf den Menschen, der dazu neigt, bei Konfrontationen, beispielsweise wenn es innerfamiliäre Belange betrifft, andere Maßstäbe zu setzen, entgegen den zivilisierten Werten und Sitten der Gemeinschaft, selbst in einer hochentwickelten Kultur.

Es ist demnach zu diskutieren, ob es tatsächlich eine Diskrepanz zwischen gesellschaftlich-kollektivem Handeln, das sich im Rahmen des „Wertekodex“ der Gesellschaft bewegt und dadurch gleichermaßen beeinflusst wird, und dem individuellen Verhalten des Menschen, das weitestgehend noch durch die durch Urinstinkte geprägt ist, welche in bestimmten Situationen angesprochen werden und dadurch den „Gott des Gemetzels“ auslösen, gibt (vgl. Krenn 2008, S. 127). Letztendlich fungiert für Yasmina Reza die dargestellte Unterhaltung zwischen den beiden Ehepaaren als ein Sinnbild für die westliche Welt und ihre Widersprüche.

Diese Problematik wird ebenfalls durch den Fall des Pharmakonzerns verdeutlicht, den Alain als Anwalt vertritt und der durch seine vielfachen Telefongespräche als Nebenhandlung auftritt. Der zivilisierte „Wertekodex“ der westlichen Welt gerät dadurch ein weiteres Mal in eine missliche Lage. Alain stellt seine individuellen Interessen als Jurist, der in seiner Karriere erfolgreich sein möchte, über die gesellschaftliche Sicherheit, indem er dem Pharmakonzern nicht rät, das Medikament, das für die menschliche Gesundheit durchaus gefährlich zu sein scheint, vom Markt zu nehmen.

Der Konflikt wird zum Ende des Schauspiels von den beiden konträren Positionen lediglich umkreist und schließt ohne Lösung oder Schlichtung des Streitgespräches ab. Der von Alain gepredigte „Gott des Gemetzels“ gewinnt letztendlich die Oberhand über die vier Erwachsenen, die zum Schluss nur gebrochen und entwaffnet am Boden liegen. Untermauert wird dieses Geschehen durch die Rahmenhandlung, der Konflikt der beiden Söhne.

Yasmina Reza lässt schlussendlich eine Frage im Raum stehen und regt das Publikum damit zum kritischen und reflektierten Nachdenken an. Die vier handelnden Figuren stellen ein Sinnbild der zivilisierten Werte der westlichen Welt und den kultivierten Umgang miteinander dar, aber weshalb scheitern sie genau an diesem oberflächlich wirkenden „Wertekodex“?

Diese Problematik bietet dementsprechend eine geeignete Anschlussstelle für den Unterricht. Interessant wäre mit den Schülerinnen und Schülern zu besprechen, inwieweit Alains Monolog über den „Gott des Gemetzels“ tatsächlich in unserer heutigen modernen Gesellschaft noch zutrifft, ebenfalls in Relation zu globaleren Konflikten wie beispielweise der Region Darfur oder anderen Krisengebieten der Welt.

Ausgangspunkt dafür könnte die Beschäftigung mit verschiedenen Menschenbildern und philosophischen Staatstheorien sein, z. B. der von Thomas Hobbes oder Jean-Jacques Rousseau. Außerdem könnte man gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern über weitere mögliche Ausgangssituationen nachdenken, welche neben dem Beschützen der Nachkommen ebenfalls die naturverbundene Verhaltensweisen des Menschen ansprechen und dadurch den „Gott des Gemetzels“ herausfordern.

Innerhalb dieses Bausteins lassen sich aus politikdidaktischer Sicht anhand der bereits vorgestellten Textpassagen die Zusammenhänge zwischen dem Fachkonzept „Rechtsstaatlichkeit“ und dem Basiskonzept „Macht“ herstellen (vgl. Weißeno et al. 2010). Gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern könnte die Notwendigkeit und Funktion eines Rechtsstaats mit seinen Grundgesetzen und Gewaltenteilung erarbeitet werden im Kontrast mit der im Schauspiel dargestellten Machtstruktur des „Gott des Gemetzels“. Inwieweit sind die zentralen Pfeiler unserer heutigen Demokratie noch bedeutsam und zutreffend, wenn sie nur oberflächlich wirken und nur als Regierungsund Gesellschaftsform, nicht aber auch als Lebensform für die Menschen gelten?

Weiterhin wäre es interessant, mit der Einführung des Politikbegriffs noch der Frage nachzugehen, warum bereits das Zusammentreffen zwischen lediglich vier Erwachsenen in einem Raum politische Inhalte und Bezüge aufweist.

 
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