Baustein III: Die Macht der Worte

Eine Unterrichtseinheit zum Thema „Die Macht der Worte“ beleuchtet die verbale Gewalt, die in dem Stück von allen Protagonisten auf eine spezifische Weise ausgeübt wird, um sich im Machtgefüge zu positionieren. Ausgehend von der Frage, wie Macht durch verbale Äußerungen in dem Stück „Der Gott des Gemetzels“ demonstriert wird, kann im späteren Verlauf der Unterrichtseinheit auf andere Lebensbereiche wie Politik, Berufsund Privatleben geschlossen werden, in denen Worte instrumentalisiert werden.

Mit verbaler Gewalt ist eine Subkategorie der psychischen Gewalt gemeint, die sich in verbalen Äußerungen ausdrückt und Macht demonstriert. Sie wird gezielt eingesetzt, um den Gesprächspartner einzuschüchtern.

Alle Personen in dem Stück verfügen über ein Repertoire von Ausdrücken, das die Person selbst und ihre Beziehung zu den anderen Handelnden kennzeichnet. Die Schülerinnen und Schüler erstellen ein Sprachprofil der Protagonisten, welches sie zur Beantwortung der Fragen „Warum scheitert die Diskussion?“ und „Auf welche anderen Situationen außerhalb des Stücks lässt sich die gewonnene Erkenntnis anwenden?“ heranziehen können.

Der Konflikt zwischen den Parteien konfiguriert sich bereits auf der ersten Seite des Stückes: Alain kritisiert die inkorrekte Wortwahl Véroniques. Er moniert ihre Aussage, Ferdinand sei mit einem Stock „bewaffnet“ (Reza 2006, S. 13) gewesen. Sie einigen sich schließlich darauf, dass Ferdinand mit dem Stock „ausgestattet“ (Reza 2006, S. 13) war. Véronique zeigt durch die Verwendung des Wortes „bewaffnet“ klar ihre Position, nämlich dass Ferdinand mit der Intention, jemanden zu schädigen, den Stock bei sich trug. Wenn Ferdinand mit dem Stock „ausgestattet“ war, hatte er ihn dabei, ohne eine genaue Vorstellung davon zu haben, wie er ihn verwenden könnte. „Ausgestattet sein“ weist also auf nicht-intentionales, affektives Handeln hin. Übertragen auf die Konfliktsituation hat sich der Schlag mit dem Stock in Brunos Gesicht also durch eine bestimmte Konstellation an Gegebenheiten ergeben. Véronique sieht den Konflikt durch das Gewaltpotential Ferdinands hervorgerufen und Alain durch eine Verkettung ungünstiger Umstände, die nicht verhindert werden konnten. Alain erklärt das Aufkommen der Situation außerdem damit, dass sein Sohn ein „Wilder“ ist und dass daher von ihm auch keine Erkenntnis zu erwarten sei. Auch hier steht seine Ansicht in Opposition zu Véroniques Ansicht, dass auch Kinder zur Einsicht fähig sind:

Alain: Madame, unser Sohn ist ein Wilder. Es ist illusorisch, von ihm spontane Reue zu erwarten. (Reza 2006, S. 30)

Alain spielt seine Fähigkeiten als spitzfindiger Jurist aus und demonstriert durch juristisches Fachwissen seine Überlegenheit, aber auch durch seine Indifferenz gegenüber den Konflikten zwischen den Kindern. Er vertritt die Ansicht, dass die Konflikte ohnehin nicht zu ändern sind, da das „Barbarische“ in der Natur des Menschen läge. Er betrachtet die Vorkommnisse zwischen den Kindern mit der Nüchternheit eines Juristen vor dem Gericht.

Den Wortgefechten der Eltern stehen aber auch immer wieder Episoden gegenüber, in denen man übereinkommen möchte und sich versöhnlich gestimmt gibt:

Véronique: Zum Glück gibt es immer noch die Kunst des zivilisiert-en Umgangs miteinander, oder? (Reza 2006, S. 14)

Häufig steht der Sprache der „Gewalt“ eine Sprache der „Vernunft“ gegenüber, wobei die „Sprache der Vernunft“ an vielen Stellen durch Ironie und Sarkasmus ins Gegenteil verkehrt wird:

Alain: Madame, vieles wäre wichtig. Es wäre wichtig, dass er herkommt, es wäre wichtig, dass er darüber redet, es wäre wichtig, dass es ihm leid tut, Sie verfügen ganz offensichtlich über Kompetenzen, die uns abgehen, wir werden uns bessern, aber bis dahin seien Sie doch bitte nachsichtig. (Reza 2006, S. 30)

Anhand der Unterteilung „Sprache der Vernunft“ und „Sprache der Gewalt“ lassen sich Aussagen, Wörter und Sätze in zwei Kategorien aufteilen und verdeutlichen so die Ambivalenz der Worte der Erwachsenen deutlich. In diesem Zusammenhang trägt die Analyse der Stilmittel Ironie und Sarkasmus zum Erkenntnisprozess bei. Die Protagonisten, besonders Alain, aber auch Michel, verhindern durch den Gebrauch dieser Stilmittel das Gelingen des Gesprächs. Für den Rezipienten hingegen ergeben sich dadurch amüsante Effekte. Ironie und Sarkasmus sind Elemente, die zur Distanznahme dienen. Sie sind Ausdruck der Grundposition Alains, nämlich, dass er die Diskussion als nichtig empfindet und sich nur widerwillig darauf einlassen kann.

Auswirkung der „Sprache der Gewalt“ ist die Dekonstruktion der eigenen Personen: Véronique rückt die Tapferkeit ihres Sohnes in den Vordergrund und stellt sich so als die ethisch und moralisch Überlegene dar:

Véronique: Das war beeindruckend, dieses Kind mit dem zerschmetterten Gesicht, den zerschmetterte Zähnen zu sehen, das ihn partout nicht verraten wollte. (Reza 2006, S. 15)

Die Vernunft und der Wille zur sachlichen Diskussion findet sich in Passagen, in denen es plötzliche Themenwechsel gibt. Hier verfallen die Protagonisten häufig in einen Plauderton, der zur Schlichtung der Diskussion dient. Annette beginnt zum Beispiel nach einer Passage der Uneinigkeit, das Gespräch auf die auf dem Tisch liegenden Kunstbände zu lenken: „Annette: Sie sind große Kunstliebhaber, wie ich sehe.“ (Reza 2006, S. 30)

Analog zur Analyse der „Sprache der Gewalt“ und „Sprache der Vernunft“ kann man eine Unterscheidung zwischen Männerund Frauensprache treffen und diese in Verbindung mit Stereotypen bringen. Die beiden Paare Houillés und Reilles sind in unterschiedlichen Konstellationen organisiert. Bei den Reilles ist eine „klassische“ Rollenverteilung zu beobachten, was sich in der Ansicht Alains zeigt, die Erziehung sei Frauensache. Ganz im Gegensatz zu den Houillés; hier bemerkt Véronique, das Michel sich stets gern um die Kinder kümmerte und „mit Vergnügen den Kinderwagen geschoben“ hat (Reza 2006, S. 28).

Weiblich zugeordnete Kommunikationsmuster finden sich in vielen Aussagen Annettes, die zum Ziel haben, die Momente der Stille zu überbrücken und das Gespräch wieder auf eine friedfertige Ebene zu führen. Als Versöhnungsversuch ist zu werten, als sie das Gesprächsthema auf die Kunstbände auf dem Wohnzimmertisch der Houillés lenkt. Während ihr Mann Alain eher die Konfrontation sucht, versucht sie die Situation anfangs zu schlichten und empathisch auf die Houillés einzugehen. Die Betrachtung der Sprache hinsichtlich Genderaspekte kann Ansatzpunkt für die Frage sein, ob es einen Unterschied zwischen Männersprache und Frauensprache gibt und wie dieser sich im gesellschaftlichen Leben auswirkt. Nach der sprachlichen Analyse liegt es nahe, zu erörtern, wo die Grenzen der verbalen Gewalt liegen. Denn während für die Sanktion der physischen Gewalt, die Ferdinand an Bruno begangen hat, klare Grenzen in Form von Gesetzen existieren, gibt es dies für die verbale Gewalt nicht in der gleichen Form. Verbale Gewalt unterliegt nicht gesetzlichen Regeln, sondern moralischen, ethischen und kulturellen, die außer Kraft gesetzt werden können, ohne dass dies Folgen mit sich bringt.

Die Behandlung dieses Themas kann abgeschlossen werden, in dem man andere Texte hinsichtlich der gewonnen Erkenntnisse analysiert. Es eignen sich hier zum Beispiel besonders gut politische Reden oder Debatten. So kann man beobachten, dass die Mechanismen, die in der innerfamiliären Kommunikation wirken, auch im öffentlich-politischen Bereich zu Problemen führen. Denkbar wäre es, aktuelle politische Debatten hier aufzugreifen und zu bewerten.

 
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