Exkurs: Das Vier-Seiten-Modell von Schulz von Thun

Ergänzend zur Arbeit an der Sprache der Personen kann man aus dem Kommunikations-modell des deutschen Kommunikationswissenschaftlers und Psychologen Schulz von Thun für die Analyse wichtige Erkenntnisse gewinnen. Das als Quadrat dargestellte Kommunikationsmodell veranschaulicht Schulz von Thuns Annahme, dass jede Aussage hinsichtlich vier Aspekte vom Empfänger und Sender interpretiert werden kann:

Sachebene: Auf der Sachseite informiert der Sender über Daten und Fakten.

Selbstoffenbarung: Die Seite der Selbstoffenbarung zeigt das, was der Sender durch seine Aussage von sich selbst preisgibt.

Beziehungsebene: Auf der Beziehungsebene einer Aussage wird ausgedrückt, wie die Gesprächspartner zueinander stehen.

Appell: Hiermit ist gemeint, was eine Aussage bei dem Empfänger bewirken und wozu er veranlasst werden soll.

(Schulz von Thun 1981, S. 25–30)

Mit Hilfe dieses Modells können Schülerinnen und Schüler ein besseres Verständnis für die konfliktgeladene Situation erhalten. Véroniques Aussage

„Ich glaube, wir brauchen uns nicht gegenseitig zu danken. Zum Glück gibt es immer noch die Kunst des zivilisierten Umgangs miteinander, oder?“ (Reza 2006, S. 14) kann man anhand der vier Ebenen und aus der Perspektive des Senders und Empfängers interpretieren. Im folgenden Beispiel wird veranschaulicht, wie Alain Véroniques Aussage verstehen könnte. Véronique richtet sich an alle Interaktionspartner, aber Alain ist hier als Beispiel angeführt, da der Konflikt zu Beginn des Stückes vor allem zwischen ihm und Véronique ausgetragen wird.

Véroniques Aussage

Alains mögliche Interpretation der Aussage

1. Sachebene

Wir können zivilisiert diskutieren!

Wir können zivilisiert diskutieren!

2. Selbstoffenbarung

Ich bin in der Lage zivilisiert zu diskutieren!

Ich verfüge über eine höhere Gesprächskompetenz als ihr.

3. Beziehung

Ich erinnere euch daran, dass wir alle wie Erwachsene ein Problem lösen können.

Ich nehme mir das Recht heraus, euch zur sachlichen Diskussion anzuhalten und meinen Argumenten zu folgen.

4. Appel

Lasst uns wie Erwachsene sprechen!

Diskutiert mit mir wie kultivierte Menschen!

Die Schülerinnen und Schüler müssen hier Empathie zeigen und sich mit den Interpretationsmöglichkeiten von Aussagen auseinandersetzen. Sie werden sensibilisiert für die Mehrdeutigkeit der Aussagen und können deren Wirkung somit besser einschätzen.

Das Modell ist ein hilfreiches Instrument, um die oft subtilen Unterstellungen, die Ironie und den Sarkasmus zu erkennen und herauszuarbeiten. Es zeigt anschaulich, dass eine Aussage immer mehrere Bedeutungsebenen hat, die vom Sender sowie auch vom Empfänger ganz unterschiedlich interpretiert werden können. Diese Bedeutungsebenen, die unterschiedlich ausgelegt werden, sind häufig der Grund für Konflikte und die Verhärtung von Positionen.

Das Stück „Der Gott des Gemetzels“ führt vor, wie eine Diskussion unter Erwachsenen scheitert, weil sie ihre Ressentiments nicht verbergen können. Dies bildet den Übergang zur abschließenden Fragestellung: Regiert, wie Alain sagt „der Gott des Gemetzels“, oder ist es möglich, auf der Grundlage gemeinsamer kultureller Werte und Verhaltensnormen eine Diskussion zu führen, die einen Konflikt lösen kann?

 
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