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Start arrow Philosophie arrow Wie das Leben spricht: Narrativität als radikale Lebensphänomenologie
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Vorbemerkung

Wie das Leben spricht, ist letztlich die Kernfrage einer radikalen Lebensphänomenologie, wobei unweigerlich der Zusammenhang von Methode und Gegenstand der Phänomenologie als solcher zu artikulieren ist. Denn wenn es ein „originäres Wie“ des lebendigen Erscheinens gibt, wie Michel Henry immer wieder gegenüber der klassischen Philosophie einschließlich Husserl und Heidegger betonte, dann kann ein solches Wie nicht mehr von einem regressiven Zugang abhängig gemacht werden, sondern es muss sich unmittelbar selbst aussagen. Sofern allerdings jede Sprache im überkommenen Verständnis an den Welthorizont und dessen Eröffnung als Bewusstsein oder Da-sein verwiesen bleibt, vermag die „Sprache des Lebens“ prinzipiell nicht mit der „Sprache der Welt“ gleichgesetzt zu werden. Dies schließt nicht nur eine Kritik aller Hermeneutik und Sprachtheorien ein, sondern erfordert die prinzipielle phänomenologische Analyse eines radikalen„Ur-Sagens“ des Lebens, welches sich diesseits aller Zeitlichkeit und dokumentierten Historie vollzieht, sofern es nicht mit den Geschichtsekstasen als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenfallen kann. Daher folgen wir in den nachstehenden Kapiteln im Wesentlichen einem systematischen Aufbau, den Michel Henry in einer Notiz um 1998 in gewisser Weise vorgegeben hat: „Die Aporie → phänomenologische Methode → die Sprache des Lebens: 1) das Leben selbst; 2) der Schrei 3) die Ideologie, die Sprache (2) des wirklichen Lebens. ≠ Die Sprache des Unbewussten – die Hermeneutik – die Vermittlung, das Symbol[1].“

Wenn wir daher das „originäre Wie“ des Lebens als sein Sich-Selbst-Sagen durch sein Sich-Selbst-Erscheinen verstehen und dieser radikal phänomenologischen Problematik den umfassenden Begriff der Narrativität zuordnen, dann soll damit zum Ausdruck gebracht sein, dass solches „Sagen“ überall dort stattfindet, wo sich Leben als Selbstaffektion oder Passibilität ohne irgendeine Differenz vollzieht: im reinen Cogito als „Ich kann“, im Fleisch als Affekt und Trieb, in der kulturellen Lebenswelt als Ökonomie und Ideologie. Diese in den beiden Hauptteilen I und II im Einzelnen entfaltete Narrativität in ihrer lebensphänomenologischen Ursprünglichkeit oder Radikalität bleibt dann zur Verdeutlichung abzugrenzen von der klassischen Bewusstseinslehre und der ihr entsprechenden Ontologie als einer „Metaphysik der Repräsentation“ in all ihren wirkungsgeschichtlichen Formen. Der dabei grundlegend zu klärende theoretische wie praktische Status einer transzendentalen Einbildungskraft schließt zwei weitere Facetten ein, nämlich die gebotene Auseinandersetzung mit dem entsprechenden philosophischen Erbe bei Kant, Nietzsche, Freud und Heidegger vor allem sowie auch mit dem fiktiven Element des Imaginären in Ästhetik und Literatur. In letzterer Hinsicht erfolgt für den deutschen Sprachraum auch zum ersten Mal eine ausführliche Darstellung des Romanwerkes von Michel Henry (II,7) als einer narrativen „Meta-Genealogie“ der absoluten Individuierung des Menschen im Sinne lebendiger Ipseität, welche ihrerseits nicht ohne die religionsphänomenologisch begründete Unmittelbarkeit von Offenbarung als „Heil“ verstanden werden kann (Einleitung). Hieraus ergibt sich zugleich, warum Henry die „Sprache des Lebens“ in dessen „originärem Wie“ über eine Erneuerung der Sprachproblematik mit Hilfe einer phänomenologisch bisher ungenutzten „Christologie“ zu fassen versuchte, wie sie seinen letzten Schriften – das heißt in der so genannten Trilogie von „Ich bin die Wahrheit“, „Inkarnation“ und „Christi Worte“ – zugrunde liegt.

Der Zusammenhang mit der grundlegenden „Wahrheit des Lebens“ als Schrei wird dadurch sofort einsichtbar, denn wenn „der Schrei ohne Welt ist“, eine „reine Handlung aus dem Übermaß des Schmerzes heraus, aber auf derselben Ebene wie dieser angesiedelt“ [2], so wie auch Christus „einen lauten Schrei ausstieß und verschied“ (Mk 15,37), dann ergibt sich eine Identität unseres Ursprungsleibes mit dem „Wort im Anfang“, welches „Fleisch geworden ist“, ohne von der „Welt“ in seiner unmittelbaren Wahrheit erkannt zu werden (Joh 1,1–14). Um die unbezweifelbare Einheit dieses lebensphänomenologischen Ansatzes für ein ununterbrochenes Sprechen des Lebens in jedem Menschen und in Gott – bzw. der Gottheit nach Meister Eckhart – verständlich zu machen, wurde im Anhang der folgenden Untersuchung zusätzlich der Text „Potenzialität“ von Henry in deutscher Übersetzung zugänglich gemacht, sofern sich darin die Mächtigkeit oder das Können des Lebens als ständig konkrete „Möglichkeit“ seines immanenten Erscheinens als „Wort“ der Praxis und des Vollzuges zeigt. „Alltägliches Leben“ als Gesellschaft, Kultur wie Religion und Ethos treten dann als Selbstpräsenz solchen Lebens auf, welche ein immerwährendes „Hören des Lebens“ ermöglicht und auf diese Weiseder neuzeitlichen Fragmentierung des objektivierten Lebens entgegenwirkt, ohne eine neue ideologische Totalisierung in irgendeiner politischen oder dogmatischen Form beanspruchen zu müssen. Denn die Narrativität des Lebens ist eine Einheit, die sich in ständiger „affektiver Differenz“ oder „historialer Modalisierung“ vollzieht, ohne irgendetwas Gegebenes in Existenz, Welt und Geschichte davon ausnehmen zu müssen. Denn was ich letztlich in allem als innere Narrativität höre, „ist das ständige Geräusch meiner Geburt“ im transzendentalen Sinne, nämlich als „das Geräusch des Lebens – das unzerbrechliche Schweigen, in dem das ‚Wort des Lebens' nicht aufhört, mir mein eigenes Leben zu sagen“. Oder auch mit einem unüberhörbaren Anklang an Nietzsche ausgedrückt: „Ich höre für immer das ewige Kommen des Lebens in mich, welches seine ewige Rückkehr zu sich selbst ist. [3]

Für die Duplizität von Leben/Welt bedeutet dies zugleich, dass Henry in seinen phänomenologischen Analysen zu Christi Sprechen, um von den Menschen verstanden zu werden, eine „Inflexion“ des Lebens auf die Welt hin vornimmt, insofern sein Wort ein Durchscheinen des göttlichen Lebens in ihm für die hörenden Menschen ermöglicht. Damit wird unterstrichen, dass die „Christologie“ Henrys die zentrale radikalphänomenologische Frage seit „L'essence de manifestation“ präzisieren kann, inwieweit die Differenz von Leben/Welt als heterogene Phänomenalisierungsweisen dennoch in der inner-affektiven Narrativität als „Hören des Lebens (Wortes Gottes)“ eine Einheit kennt. Letztere ist nicht theologisch argumentiert, sondern das phänomenologische Verhältnis von Sprache, Sein und Erscheinen als Univozität, Äquivozität und Analogie, wie bei Fink, Heidegger und Husserl, wird unterlaufen zugunsten einer leiblichen Affektabilität. In diesem Sinne lässt sich dann schon vorausschauend sagen, dass in Bezug auf die Worte Christi und des absoluten Lebens nicht mehr die hermeneutische Frage des SinnVerständnisses oderder Vermittlung im Mittelpunktsteht, sonderndie Phänomenalität selbst als Rezeption oder Empfängnis, mit anderen Worten die Ursprunghaftigkeit des „Wortes“ als Kraft, die in uns wirkt, das heißt als inner-affektives Erscheinen uns ständig berührt [4].

Es dürfte daher radikal phänomenologisch möglich sein, ein inneres Vernehmen der Narrativität des Lebens aufzuweisen, dessen schweigende Erprobung nicht von den intentionalen Aktivitäten wie etwa dem Sprechen getrennt ist, sondern ähnlich wie die Grundgegebenheit des Atmens stets den gleichzeitigen immanenten Punkt von Ruhe und Bewegung durchläuft. Das innere und äußere Wort widersprechen sich dann ebenfalls nicht, sondern lassen sich jeweils im Sinne eines Fundierungsverhältnisses erproben, in der die Wirklichkeit des einen Lebens stets ankünftig wird. Ob dies zugleich eine „Therapie“ für den zunehmend beklagten „Lebensverlust“ in allen Lebensbereichen heute anzeigen kann, sofern Atmen oder Hören und Sprechen nur Beispiele für all unsere lebendigen Tätigkeiten insgesamt sind, wird die Zukunft selbst erweisen. Zumindest kann die vorliegende Analyse jedoch auch unter diesem Aspekt gelesen werden, womit sich unsere früheren Untersuchungen „Wort und Schweigen“ (2005), „Subjektive Praxis und Geschichte“ (2008), „Praxis der Phänomenologie“ (2009) und „Lebensreligion“ (2013) in diesen seit Längerem schon meditierten Versuch einer umfassenden Lebensphänomenologie als „Narration des Lebens“ berechtigterweise einschreiben lassen. Für Philosophie, Ethik und Kunst ergibt sich daraus, dass ihnen die Haltung gemeinsam ist, „die Wahrheit zu sagen“, das heißt mit Worten eines Romans von Michel Henry [5], „durch die Ereignisse oder Formen der Existenz hindurch etwas Wesentliches aufzudecken“, welches im inner-narrativen Grund der Menschen zugleich Trieb und Affekt ist.

  • [1] Ms B 3-77-1753, in: M. Henry, „Notes inédites sur la langue et la méthode phénoménologique“, in: Cahiers philosophiques 126 (2011) 98–102, hier 99
  • [2] Ms B 3-77-1739: Ebd., 100; vgl. auch den bisher unveröffentlichten Text von M. Henry, La vérité est un cri. Théâtre, der 1982 von Radio-France, Paris, gesendet wurde (Ms Fonds Michel Henry Université Catholique Louvain-la-Neuve), sowie ebenfalls M. Henry, „Notes préparatoires à Paroles du Christ“ [ab 1992], in: Revue Internationale Michel Henry 5 (2014) 25–156, wo vor allem die Möglichkeit des „Hörenkönnens“ des Wortes des Lebens im Mittelpunkt steht, so etwa Ms A 27102: „Die Möglichkeit, die Evangelien zu hören, ist eines ihrer zentralen Themen. Daher ist das christliche Denken in einem besonderen Sinne transzendental, nämlich als ständiges Nachdenken über seine eigene Möglichkeit“ (S. 26). Oder ebd. Ms A 27108: „Aber wir selbst als Lebendige sprechen dieses Wort [des Lebens]“ (S. 27), sowie Ms A 27502: „Die transzendentale Möglichkeit des Hörens [nach Joh 3,31]: Die Anerkennung der göttlichen Herkunft des Textes kommt aus dem Wesen des absoluten Lebens im Akt desjenigen, der hört; vgl. Joh 7,17“ (S. 67)
  • [3] Diese Zitate aus M. Henry finden sich in „Ich bin die Wahrheit“. Für eine Philosophie des Christentums, Freiburg/München, Alber 1997, 315; vgl. Inkarnation. Für eine Philosophie des Fleisches, Freiburg/München, Alber 2002, 416. Sowie für das letztere Zitat Généalogie de la psychanalyse. Le commencement perdu, Paris, PUF 1985, 262
  • [4] Vgl. auch G. Jean, „Sens et puissance: L'archiperformativité de la parole“, in: Revue Internationale Michel Henry 5 (2014) 165–217, hier bes. 169 ff. u. 176 ff., sowie bes. unser Kap. I,3.3 zum Zusammenhang von Performativität/Schweigen des Lebens
  • [5] L'amour les yeux fermés, Paris, Gallimard 1976, 175; vgl. 131. Eine facettenreiche Übersicht zu all diesen eng miteinander verknüpften Themen und Problematiken bietet sicher zuletzt der Sammelband von G. Jean, J. Leclercq u. N. Monseu (Hg.), La vie et les vivants. (Re-)lire Michel Henry, Louvain, Presses Universitaires 2013
 
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