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3.1 Bewusstseinsstrom und Impressionalität

Das für eine radikalphänomenologische Analyse offensichtliche Zerbrechen der Zeitlichkeit als Matrix phänomenologischen Wesens im Sinne der husserlschen „Transzendenz in der Immanenz“ rührt deshalb von keinem außerphänomenologischen Prinzip her, sondern ergibt sich aus der Zweideutigkeit der Urimpression selbst, die sowohl selbstgebend wie retentional modifiziert sein soll. Wenn eben spätestens seit Kant die Transzendenz von vornherein die Form schlechthin für alle sich zeigenden Gehalte sein soll, ohne sich selbst in diesem Horizont zu zeigen, dann führt dies zu Konsequenzen, die Husserl seinerseits nicht gesehen oder nicht gewollt hat, welche aber für eine hinsichtlich der narrativen Ur

1) Die Kontaminierung Urimpression/Retention führt nur zur „primärinhaltlichen Empfindung“ als Transzendenz des Empfundenen und nicht zur passiv sichempfindenden Affektivität als dem von Husserl mit aller Anstrengung zunächst gesuchten originären Leben als Wie allen individuierten Erscheinens.

2) In den „Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewusstseins“ von 1905 wird die an sich selbstgebende Urimpression als retentional gegebenes Jetzt zur irrealisierenden Vergangenheit, die sich als intentionales Bewusstsein der Urimpression substituiert. Die so „vom Blick“ gehaltene Impression ruht nicht mehr in ihrer eigenen individuellen Immanenz als reeller cogitatio, sondern ist eben „Zeit“ im Konstitutionsgeschehen.

3) Diese Zeitlichkeit erscheint bei Husserl als die Irrealität des retentionalen

„Schon-nicht-mehr“ und des protentionalen „Noch-nicht“ sowie als irrealisierender Grenzpunkt der hyletisch lebendigen Sinnlichkeitsselbstgebung. Als Querwie Längsintentionalität des Bewusstseinsflusses ist damit die Zeit der Verlust der tatsächlichen oder immanent affektiven Materie durch die rein formale (bzw. in-formierende) Transzendenz des Zeitflusses.

4) Die Bevorzugung der Retention bei Husserl ist als „retentionale Modifikation“ für die Überführung der Urimpression als „Empfindungsinhalt“ in die Form des Jetzt notwendig. Dadurch wird die individuierte Urimpression jedoch zu einem konstituierten Sein und definiert die ek-statische Temporalität von diesem idealen Jetztpunkt aus als das „Wesen“ der Urimpression. Diese wird nur mehr als Wahrnehmung gedacht, da sie auf ein raumzeitliches „Außen“ hin ausgerichtet ist, sofern sie als „Jetzt“ auf ein „neues Jetzt“ hin-blickt.

5) Als Ergebnis einer passiv synthetischen Hervorbringung bleibt ein ständiges Schwanken Husserls gegenüber der Urimpression bestehen. Einerseits beschwört er diese als beunruhigende, fremde Andersheit für die Intentionalität und zum

anderen muss er die unausweichliche Leere anerkennen, zu der ihre zeitliche Irrealisierung führt. Als „lebendige Gegenwart“ bliebe die Urimpression notwendigerweise selbstgebend; intentional methodologisch wird sie jedoch nur über das sie „nichtende“ Jetztmoment fassbar.5

Wir wollen diese Widersprüche innerhalb der „hyletischen Phänomenologie“ Husserls nicht systemimmanent verbessern oder ergänzen, sondern sie durch den weiteren Aufweis einer „affektiven Historialität“ im Sinne ursprünglicher „Narrativität“ diesseits aller ekstatischen Temporalität selbst in Frage stellen. Die Einseitigkeit einer an das Erscheinungspaar Empfindung/Intentionalität gebundenen Manifestation als Ek-stase ist in ihrem phänomenologischen Alleinanspruch radikal zu unterlaufen, damit Platz für das affektiv lebendige oder individuelle Wesen einer unbezweifelbar materialen, nicht-intentionalen Phänomenalität als Primärindividuierung geschaffen wird. Nimmt man die so gewonnene transzendentale Subjektivität apodiktisch ernst, dann werden im Rückgang auf deren originäre Selbstgebung keine „Ob-jekte“ mehr im Sinne der Gegenständlichkeit als „Leitfaden“ erschlossen, sondern es werden die modal immanenten Gesetze des je individuierten Lebens als narrative Affektivität einsichtig gemacht. Eine tatsächliche Hyletik als „Philosophie der Subjektivität“ nach Kant, das heißt des urimpressionalen Selbsterscheinens (das als absolut phänomenologisches Leben zu keinem Augenblick fehlen kann) impliziert daher die im Folgenden dargestellte Infragestellung der husserlschen in-formierenden Sinngebung der hyletischen Inhalte gemäß seiner Idealvorstellung einer e-vident voranschreitenden Rationalisierung, welche das Wahrnehmungsapriori als Konstitutionsprimat festschreibt. Durch die noetisch-noematische Gesetzesformung als „Immanenz“ der hyletischen Inhalte wird die Konstituierung eines sinnkohärenten Universums erst möglich, aber bei Husserl schlägt diese methodologische Vorentscheidung auf die Natur des Gegebenseins selbst zurück, welches als Urgebung ein erstes Da (oder Horizont bzw. Außen) ist – und nicht die wirkliche Auslotung der „dunklen Tiefen“ der ursprünglich passiven „Erlebniszeit.

Eine entsprechende Gegen-Zeitanalyse kann daher als die Konkretisierung einer radikalphänomenologischen Methodenkritik als solcher angesehen werden, um jene erwähnten „dunklen Tiefen“ in ihrer prinzipiellen „Dunkelheit“ als unsichtbar selbstaffektive Phänomenalisierung aufzuklären.7 Die Empfindung muss mit anderen Worten in der ihr spezifischen Leistung selbst aufgesucht und nicht von (bei Husserl späterhin auch „instinktiven“) Urintentionalitäten abhängig gemacht werden, die ihr Wesen phänomenologisch wie metaphysisch ver-äußern. Als unreduzierbar „materiales Wesen“ hat die Empfindung – oder genauer das Empfinden als individuiertes Leben – über das zum Sein gelangende Erfahrungsmoment aller Phänomene zu entscheiden. Die Zeitkritik als Kritik an der präformierenden Intentionalität, die alles Empfinden über „sinnliche Erscheinung“ oder „Auffassung“ bei Husserl und einem Großteil seiner Nachfolger zu verstehen versucht, muss also zu der Frage vorstoßen, wie sich das transzendentale Vermögen als jenes Können selbst gibt, welches alles lebendig Phänomenologische beherrscht, wie wir schon im Kap. zuvor sahen. Denn jede wirkliche Phänomenalität phänomenalisiert sich zunächst in sich selbst durch sich selbst, damit sich daraufhin „etwas“ in ihr phänomenalisieren kann, insofern das Bewusstsein keine Qualität ist, die sich teilen könnte, sondern es bleibt es selbst in all seinen Phasen. Besonders im Fall von Retention/Jetzt liegt es diesem Prozess voraus und charakterisiert so die Individuierung des subjektiven Lebens vor jeder intentionalen Objektivierung als Sinnsynthese. Die husserlsche Position von Morphé und Hylé ist daher nicht nur umzukehren, damit alles „Bewusstsein“ tatsächlich durch die „Impressionabilität“ bestimmt bleibt, sondern das „innere Zeitbewusstsein“ ist als materiale Selbstgegebenheit bis in seine so genannte (passive) individuelle „Weckung“ hinein zu bestimmen.8

Genau diese reine Möglichkeit einer radikal materialen Phänomenologie wird bei Husserl zum „Jetzt“-Bewusstsein,9 anstatt das Selbstempfinden des Empfundenen zu thematisieren. Die schon erwähnte Zweideutigkeit seines Vorgehens beruht darin, dass sich die Empfindung nicht in ihrer Selbstaffektion gibt, sondern dass ein Ursprungsbewusstsein diese Empfindung als „jetzt“ vorhandene gibt. Dieses perzeptive, jetzt-da-seiende Geben bedeutet eine Sinnverleihung durch das Bewusstsein als Zum-Sehen-Bringen, und zwar als ein genau auf diese Weise ZumSehen-Bringen. Das Gegenwärtigen des reellen Jetzt ist ein erstes Sein als Sein kraft der Intentionalität, womit die Empfindungsselbstgegebenheit als originäre, passiv affektive Selbstgebung in ihrer Individuierung in eine grundsätzliche Irrealität hinein verbannt ist und dem Empfundenen, Gefühlten als auch Instinktwie Triebhaften des Weiteren jegliches eigenwesentlich ontologische Gewicht im Sinne einer ursprünglichen Narrativität geraubt wird.10

Dieser ontologische Mangel der Empfindung drückt sich im Jetzt-Zeitbewusstsein dahingehend aus, dass sie in und mit diesem „Soeben-vergangen“ und „Nochweiter-vergangen“ in eine wachsende Dunkelheit hinein weggleitet, an deren Ende nur noch das „Unbewusste“ bei Husserl stehen kann. Ein solcher „Modifikations“Prozess,11 in dem das Jetzt sich ohne Unterbrechung in Vergangenes verwandelt, entspricht einem derart ununterbrochenen Weggleiten, dass es darin gar keinen festen Punkt geben kann, sondern nur ein Fließen, in dem kein wirkliches Jetzt möglich ist. Das Gegenwärtige des Jetzt ist ein „idealer“ Grenzpunkt,12 dem eigentlich keine „Dicke“ mehr zugesprochen werden kann, da jede Teil-ung im Fluss der Zeitausbreitung sich weiterhin „streifen“-artig aufspaltet. Was bei dieser so berühmt gewordenen Zeitanalyse jedoch zumeist vergessen wird, ist die Tatsache, dass es sich beim Jetzt eigentlich um die Empfindung handelt. Was sich in jeder Empfindung als individuierte Lebendigkeit der subjektiv absoluten Realität der Selbstimpression gibt, wird in der intentionalen Darstellung des Jetzt zu dessen reiner Idealität. Eine solche Idealität wie die der unendlichen Teilbarkeit auf einen jeweils neuen idealen Grenzpunkt hin erfüllt aber kaum den ontologischen Anspruch, es läge mit einer solchen Zeitwahrnehmung ein Ursprungsakt der Wirklichkeitsselbstgebung vor – und damit der phänomenologischen Individualität als solcher, die hier als innere Narrativität des Lebens verstanden werden soll.

Ist daher in diesem zeitlichen Bewusstseinsfluss ein theoretisch vorgegebenes Verhältnis der Teile zum Ganzen zu kritisieren, so verweist diese Theorie auf die „III. Logische Untersuchung“, die es Husserl ermöglichte, den idealen Grenzpunkt der Jetzt-Phänomenologie in einen „konkreten“ Bewusstseinsstrom zu verwandeln, wobei die a-transzendente Empfindung weiterhin in die noematische Irrealität überführt wird. Denn dadurch, dass die Empfindung im Bewusstsein des Jetzt auf ihr eigenes Entgleiten zum Nicht-mehr-sein des „Soeben-vergangen“ hin zurückgeführt wird, lässt sich die Bewusstseinseinheit dank der Reflexion herstellen, die genau das Bewusstsein dieses „Soeben-vergangen“ als solchem ist. JetztBewusstsein und „retentionale Erinnerung“ sind so miteinander verbunden, dass sich ersteres ständig in die zweite Bewusstseinsform verwandelt, und diese „Modifikation“ beherrscht beide: Das Bewusstsein des Jetzt hat nicht nur diesen gegenwärtigen Zeitpunkt zum Gegenstand, sondern es umfasst ebenfalls das ins Vergangene gleitende Jetzt, was heißt, dass es Bewusstsein eines „zeitlich Ausgedehnten“ von Phasen oder Teilen nach Husserl ist.13 So wird die Illusion eines konkreten, homogen phänomenologischen Fließens geboren, wobei die einzelnen Zeitphasen nur in diesem ihren Bestand besitzen, denn sie verweisen untereinander so auf sich, dass es kein Jetzt ohne ein soeben Vergangenes gibt.

Die Problematik dieser Homogenität mit ihrem Anspruch auf ein ontologisches Kontinuum verstärkt sich noch durch die Umkehr des passiven Urempfindungsbewusstseins und des retentionalen Bewusstseins. Die Empfindung des Jetzt wird nämlich vom Urempfindungsbewusstsein gegeben, und die Retention ergreift das ins Vergangene abgleitende Jetzt als das Jetzt der Empfindung, indem sie es als Nicht-mehr-sein gibt. Als Bewusstsein der Jetzt-Auflösung bewahrt sich allerdings das soeben Vergangene vor dem Nichts. Dennoch gibt jenes Bewusstsein, welches ursprünglich das reelle Sein des Gegenwärtigen gibt, nichts Wirkliches im Sinne der individuierten Empfindungsrealität, da diese in die transzendente Irrealität versetzt wird. Es ist die Retention, welche das Wirklichsein der gegebenen Einbildung im Jetzt ergreift oder wiederbringt, und zwar gibt sie es mit dem Sinn, dass es tatsächlich „gegeben worden ist“ – als das, was einmal im Jetzt war. Von hier aus erklärt sich die wachsende Bedeutung der Retention für die Gesamtheit des Bewusstheitsstromes überhaupt, der insofern zu einem Ganzen wird, als dessen Zusammenhalt retentional abgesichert ist. Die „Längsrichtung des Flusses“, die notwendig ist, um die kontinuierliche Modifikation zu einer „stetigen“ zu machen, bleibt in der Tat für Husserl selbst wiederum eine Retention.14

Dass nun das retentional Bewusste absolut gewiss sein soll,15 birgt einen Paralogismus, denn die Evidenz der Retention schließt nicht ein, dass auch der Zeitfluss selber sicher sei. Da vielmehr die „Ungebrochenheit“ dieses Flusses in dessen ganzer zeitlichen Ausdehnung zu validieren ist, erhält die Retention eine angeblichunbezweifelbarphänomenologische Bedeutung, diemitder Wahrnehmung des Empfindungsinhalts als Zeitmoment gegeben sein soll. Im Grunde wird damit aber die individuell absolute Subjektivität in ihrer narrativen Selbstoffenbarung nur postuliert, das heißt die immanente Gewissheit des Cogito für dessen innere Zeitwahrnehmung. Das Bewusstsein des Jetzt und der Retention ist sicherlich beidesmal „Ursprungsbewusstsein“ gebender Wahrnehmungen, aber ihr jeweiliger Realitätscharakter ist keineswegs derselbe. Das Jetzt-Bewusstsein gibt das Sein als jetzt-da-seiende Wirklichkeit; die Retention ist Vergangenheitsbewusstsein und gibt daher ein Nicht-mehr-sein. Was jedoch die lebendige Realität der Empfindung selbst betrifft, so tritt nichts von derselben als absolute Subjektivität in die Retention ein: „Der Fluss der Bewusstseinsmodi ist kein Vorgang, das Jetzt-Bewusstsein ist nicht selbst jetzt.“16 In jedem Augenblick stürzt also das Sein ins Nichts, wenn es vom Empfindungsbewusstsein zum retentionalen Bewusstsein übergleitet, so dass es neu – wie ex nihilo – unter der Form eines neuen Jetzt wiedergeboren werden muss.17

Damit bildet sich eine radikale Diskontinuität zwischen den Seinund Nichtsein-Anteilen heraus, die ohne wirklich garantierten „Übergang“ von einem zum anderen Moment hinüberzuschwanken scheinen. Um jedoch das ontologische Zusammenbrechen zwischen diesen Momenten zu verhindern, nimmt die husserlsche Analyse nicht zum „neuen Jetzt“ Zuflucht, sondern gerade zur Empfindung, in der sich auf diese Weise das individuierte Wesen der eigentlichen Uroffenbarung konzentriert. Aber die Konzeption einer dreifach zeitlichen Ek-stase, der Unterscheidung von Zeitbewusstsein und Bewusstsein in der Zeit sowie das Individuationsproblem der Zeitmomente und ihrer gemeinsamen Form als Fluss-Abfolge zeigen, dass die notwendige Anerkennung des passiv affektiven Selbsterscheinens gegenüber der weiter bestehenden Vorgabe des Konstitutionsprimats nicht zum Durchbruch gelangen konnte.

Die Ergänzung von Urempfindung und Retention durch die Protention des Noch-nicht definiert als strukturell phänomenologische Trias das Wie der Phänomenalisierung nach Husserl überhaupt, aber es müsste auch gezeigt werden, wie diese drei Bewusstseinsarten in sich selbst ein „Phänomen“ darstellen, das heißt, wie das innere Zeitbewusstsein vor aller phänomenologischen Leistung überhaupt ein Bewusstsein beinhaltet. Husserl wiederholt hierzu allein seine bekannte These, dass sich jede konstitutive Phase des Bewusstseinsflusses nur in dem Maße phänomenalisiere, wie sie selbst konstituiert wird. Aber als konstituierende Phase verbleibt sie zu offensichtlich jeweils in einer quasi-anonymen Situation der NichtPhänomenalisierung. An sich müsste daher der Bewusstseinsfluss einen weiteren, ihn zum Phänomen machenden, zweiten Fluss „unter“ sich bergen. Diesem Einwand begegnet bereits Husserl mit dem Argument der Selbsterscheinung: Der Fluss konstituiert sich selbst als erscheinend und zur Erscheinung bringend. Dadurch würde zum einen behauptet, dass die Retention die von ihr zurückgehaltene Phase selbst sowie alle anderen vorherigen durch sich hindurch zum Sehen bringe, was insgesamt beinhaltet, dass der Fluss seine eigene Manifestation vollzöge. Außer dieser spekulativen Sichtweise ergäbe sich zum anderen, dass das im Fluss Gegebene dessen eigene Wirklichkeit wäre. Wenn aber die individuierende Ursprungswirklichkeit des Flusses die Gesamtheit der konstituierenden Phasen bezeichnet, dann sind diese nie als solche gegeben, sondern sie sind selbst nur wieder konstituiert. Es besteht demzufolge eine nicht zu leugnende Heterogenität zwischen den Phasen, was sich ontologisch – und damit narrativ individuationskritisch – als Problematik dahingehend ausweitet, dass eine Kluft zwischen der ek-statischen Phänomenalität und der sich nie ver-äußernden originären Empfindungsrealität besteht. Wenn die konstitutiven Phänomene der Zeit nicht dieselben Objektivitäten wie in der Zeit sind, dann lässtsichauchdie„lebendige Gegenwart“ wedermitdem Diskursder Zeitkonstitution noch durch die Flusskonstitution einholen.

Die noematische Transzendentalisierung der Urimpression in eine Irrealiät hinein, die zu jedem Augenblick sozusagen eine Neugeburt des Jetzt erforderlichmacht, sprengt folglich die angenommene Homogenität dieses Irrealitäts-Flusses. Diesem Sachverhalt entspricht auf der anderen Seite die absolute Ursprungssubjektivität im Sinne der Urindividuierung, denn dort hat die Empfindung nie dem Jetzt, dem Soeben-Vergangenen oder dem Zukünftigen angehört, weil letzteres ein „Anderswo“ gegenüber dem vorprädikativen sum ist. Wenn also letztlich von einer„transzendentalen Geburt“ des Individuums vor jeder zeitlichen Dimension zu sprechen ist und entsprechend auch die existenzialhermeneutische „Sorge“ bei Heidegger der grundsätzlichen Kritik eines „imaginären Projekts“ zu unterziehen sein wird, dann liegen die Gründe für eine solche Radikalisierung in der Tat bereits mit dem Problem der zeitlichen Momentidentität oder Fluss-Individuation bei Husserl vor.18 Denn jedes Jetzt bleibt an sich an die Urimpression zurückverwiesen, während die Unterscheidung vom Jetzt-Hier und nächstem Jetzt als „Einschuss“ des Jetzt die differenzierte ek-statische Zeitform entstehen lässt. Der Sinneseindruck scheint so augenscheinlich vom Jetzt individuiert zu sein, aber dieser ek-statische Zeitblick ist nur eine leere Form; was das Jetzt gibt, ist sozusagen ein leerer Ort, der zudem gegenüber allem wirklich Individuierten indifferent ist. Mit anderen Worten bedeutet dies, dass die „Individualität“ an das Wesen einer Individuation verwiesen wird, die selbst nicht mehr das wirklich Gegenwärtige ist, das heißt jene Uroffenbarung, kraft derer jedes individuierende Empfinden eine selbst-narrative Empfindung bleibt. Die Intentionalitätsproblematik als Meinen oder als Sinnlichkeitsdata im konstituierten phänomenologischen Fluss verhindert dies gerade, so dass es nicht erstaunlich ist, dass bei Husserl nicht das Leben selbst spricht, sondern ein jeweilig transzendentes und noematisches Sinnereignis.19

Was nämlich in diesem Bewusstseinsfluss dem phänomenologischen Fließen selbst als konstitutiv konstituierende Bewegung zu entgehen scheint, ist die Form dieses Flusses als die „eine verbindende Form […] der Gleichheit“.20 Die beständige Struktur dieses Fließens ist das innere Zeitbewusstsein mit seiner aktual protentionalen und retentionalen Größe, so dass die dort hindurchgleitenden Phasen als gegenwärtig, zukünftig oder vergangen erscheinen. Jedoch bedeutet diese Formalstruktur ontologisch nichts in sich selbst; sie bestimmt keinerlei konkreten Fluss, wozu sie in der Tat eines „Inhalts“ bedarf – eben der lebendig individuierten Empfindung. Dieser Inhalt gilt der Form gegenüber weder als kontingent noch als heterogen, vielmehr definiert er sie, weil die Form das Jetzt beinhaltet und das Jetzt jeweils eine solche Empfindung einschließen soll. Die Form allein kann zu keiner Erfahrung ohne Urimpression gelangen, und so bedeutet es einen Paralogismus, diese Empfindung mit Hilfe der Formkonstituierung zu vereinnahmen.21 Und warum, muss weiterhin gefragt werden, ist diese Empfindung immer „neu“ da? Die Antwort muss nach dem bisher Gesagten hierzu lauten, dass nichts zum „Sein“ gelangt, was sich in seiner passiblen Historialität zunächst nicht selbst tatsächlich ergriffen und so selbst-narrativ individuiert hat. Was der transzendente Blick als ein immer vorhandenes Jetzt erfährt, welches die Form einer steten Neuheit besitzt, ergreift dieser Blick folglich nur in dessen – eventuell zum besonderen Erstaunen – anregenden Faktualität, keineswegs jedoch in dessen prinzipieller Apodiktizität sowie transzendentaler Ermöglichung, die sich notwendigerweise als affektiv impressionale Phänomenalität im Sinne der immanenten Narrativität über das Ganze des Seins ausbreiten muss, sofern es zum Erscheinen gelangt.

Unter Hinzunahme des intentionalen Blicks lässt sich außerdem sagen, dass das Zukünftige ebenfalls in das an sich passiv affektive Wesen der Empfindung eindringt, nämlich als „Einordnung in die Zeitreihe“ nach Husserl.22 Im „Nichtselbst-da“ ist es die erste Wahrnehmung, die das Jetzt der Empfindung temporalisierend im Sinne eines Primärinhalts ergreift. Die ekstatische Erscheinung durch den Blick verstärkt so unsere Feststellung, dass die klassische Phänomenologie nur diese Weise der Selbstpräsentation kennt, was sich auf die Sichtweise des Empfindens wie Fühlens als nie fehlende Ursprungsnarrativität überhaupt überträgt. Denn indem jedes originäre Empfindungselement aus dem individuierten Fühlen an sich ausgeblendet wird, tritt letzteres als das „originäre Zeitbewusstsein“ auf, welches sich in Farbe, Ton, Freude oder Verlangen beispielsweise vergegenwärtigt. Der eigentlich lebendig affektive Charakter bleibt dabei jedoch ein Rätsel, denn Form wie Inhalt sind als konstitutionsbildende Größen beide selbst ohne individuierende Empfindungssinnlichkeit. Husserls analytisches Genie war natürlich – in phänomenologischer Hinsicht – wachsam gegenüber einer Zeithypostase eingestellt, wie es die Abweisung eines „Unbewussten“ in der Retention einer beginnenden Erlebnisphase zeigt. Allerdings versuchte Husserl immer wieder, das gegenwärtig Gegebene aufzuwerten, ohne jedoch eine ontologisch positive Bestimmung des Jetzt geben zu können, die dessen Empfindungswirklichkeit vor dem Verschwinden im Fluss als „ein Gewesenes“ bewahren würde.23

Was jedoch verändert sich im Fluss nicht? Diese Frage ist materialphänomenologisch von größter Bedeutung, denn das Vorausliegende des Fließens und jeder Retention hat als feste Form und starres Eingebettetsein in das All-Fließen keine wirkliche Beständigkeit. Im Grunde gibt es in dieser Bewegung kein wahres Leben als gegenwärtiges Leben; kein sub-jectum als das, was in seiner Individualität nie fehlt: nämlich als der schweigend24 sich-erprobende Selbsterweis des Sichempfindens in all seinen Punkten, ohne sich jemals von sich selbst lösen zu können, wie der unumgehbare Kern aller Zeitals Horizontkritik zu unterstreichen ist. Was sich eben nie in der Empfindung – trotz aller Wandlungen und Übergänge – verändert, ist das sich selbst individuierende Wesen des Lebens, welches dasselbe Leben als derselbe ständige, sich-erprobende Selbsterweis eines Sich-selbst (Ipseität) in seiner Intensität bleibt. Wenn es hier für diese affektive Historialität oder Narrativität, wie übrigens auch in der allgemeinen Sprechweise, heißt, das Leben würde ständig „sich wandeln“, so will damit zum Ausdruck gebracht sein, dass sich das rein phänomenologische Leben in dieser Verwandlung als Selbsterweis im Sinne von Selbsterfahrung oder Selbsterprobung gerade als absolutes Voraus nicht ändert.

Jedes neue Empfinden, das sich immanent historial „ereignet“, ist gleichfalls wieder eine neue narrative Empfindung, weshalb das, was in ihrem individuierenden Empfinden stattfindet, weder eine leere Form noch ein zukünftig sorgend ausgerichteter Blick sein kann, sondern die radikale Selbstaffektion des Lebens darstellt. In deren phänomenologisch transzendentaler Verwirklichkungsaffektivität ist jede „neue Empfindung“ nur eine andere Modalität desselben Lebens. In unserem immanent subjektiven Leben gibt es daher nie irgendein „absolutes Jetzt“, das daraufhin dem Vergangenen anheim fallen würde. Es gibt nur dieses sich modal wandelnde Leben, welches in seiner transzendentalen Affektivität in je neuer narrativer Individuierung dennoch immer dasselbe ist. Und genau in dieser Hinsicht berührt der „Mensch“ immer das Sein und setzt nicht einmal seinen Fuß auf dieses Sein und dann wieder auf irgendein Nichts. Die ursprüngliche Sinnlichkeit oder absolute Subjektivität als konkrete Impressionabilität zieht sich mithin nie zurück. Aber sie bleibt auch keine unveränderlich beharrende Substanz im Medium eines bewusstseinsmäßigen All-Fließens, sondern sie ist die jeder Zeit immemorial vorausgehende Historialität der affektiven Lebensübereignung als Intensität in ihrer Steigerung.25

Husserl versuchte seinerseits, die Bewegung des Lebens als stete Modifikation zu denken, wenn er etwa schrieb, dass „das Interesse am Lebendigeren, Neueren haftet und durchaus nach vorwärts gerichtet ist“.26 Aber dieses Lebensinteresse ist ganz eindeutig nicht vom inneren Wesen des narrativ sich individuierenden Lebens her gedacht, sondern von der Pro-tention des zukünftig erwarteten und somit imaginären Lebens her. Damit ist das Leben nicht mehr das, was aus der Umschlingung seiner selbst als Ur-Individuierung geboren wird. Es ist nicht mehr jene „Kraft“, die sich selbst ergreift, um alles Greifen zu ermöglichen, und zwar in einem originären Können, das unsere Ur-Leiblichkeit selbst begründet, wie wir schon zeigten. Für Husserl zeigt sich das Leben dem wahrnehmenden Blick, womit es aber außerhalb unserer subjektiven Innerlichkeit als reiner Immanenz zu stehen kommt und wir dergestalt für immer von dem getrennt wären, was wir zunächst tatsächlich sind: keine punktuellen „Gegenwärtigkeiten“ mit dem Blick auf das Zukünftige und das Soeben-noch gerichtet, sondern ein je immanent sich-selbst-modalisierendes oder individuelles „Sich“ mit der bleibenden phänomenologischen Wahrheit seines affektiven „Fleisches“, welches die narrative Empfindung in ihrer passiblen oder pathischen Historialität ist. Das zu Bewusstsein und Intention „von etwas“ gewordene Leben der ekstatischen Phänomenologie kennt nur die vorbeiziehende Bilderflut von der Zukunft in die Vergangenheit zurück sowie den daraus entspringenden Versuch, der entsprechenden Vorstellungen dabei Herr zu werden, und zwar auf einem scheinbar unauslöschbaren Welt-Hintergrund von sich gegenseitig leerintentional oder apperzeptiv überlagernden Horizonten. Was solches Welt-Leben dann wirklich verloren hat, ist die originäre Kraft des effektiv individuellen Gefühls, welches mit jeder neuen sinnlichen „Begegnung“ gegeben ist, um sein eigenes affektives Vermögen zu steigern und zu verfeinern, welches stärker als die Freiheit ist. Es sei denn, diese Freiheit wird selbst als das bestimmt, was jedes einzelne Sich an sich in dem Maße befreit, wie es sich selbst in der ewigen Lebensparusie erfährt. Denn die grundlegenden, passiv phänomenologischen „Kategorien“ des Selbsterscheinens des Lebens von Freude und Leid gehen als narrativ-ontologische Färbungen oder Befindlichkeiten unaufhörlich ineinander über, ohne in dieser tonal-logoshaft individuierenden Historialität (welche das Wesen der originär affektiven „Zeitlichkeit“ ist) erst zu einem Bild oder zu einer Vor-stellung werden zu müssen, wie wir hier prinzipiell schon für die radikalphänomenologische Bestimmung der Narrativität festhalten können.

Innerhalb des seit dem griechischen Denken überkommenen Rahmens einer solchen Vorstellungsmetaphysik hat also Husserl durchaus gesehen, dass die Empfindungsabfolge eine kontinuierliche Hervorbringung von Modifikationen ist.

Zu unterscheiden bleibt aber, dass die apperzipierte Modifikationshervorbringung eine transzendente Bewusstseinsleistung darstellt, während das stetige Hervorbrechen von narrativen Empfindungen aus den passiv hyletischen Schichten kein Hervorbringungsakt dieses intentionalen Bewusstseins selbst ist. Ein solcher Unterschied ist ein phänomenologischer Wesensunterschied, denn das „Sein“ der Empfindung wird nicht ekstatisch hervorgebracht, wenn auch die ständige Ek-stase des „Empfindungsbewusstseins“ zugleich eine Pro-duktion darstellt, nämlich jene des Außen oder des mundan phänomenologischen Mediums als Horizont, wie wir schon bei Maine de Biran zeigen konnten. Natürlich ist diese kontinuerliche Hervorbringung kein expliziter Akt des Ich wie etwa ein spezifisch intentionaler Blick. Deshalb sagt Husserl, dass die konstitutiven Intentionalitäten des inneren Zeitbewusstseins wesentlich „passiv“ seien, weil sie sich schon immer vor jeder expliziten Erwartung ereignet hätten. Dennoch entsteht in dieser Passivität der Zeitgenese die Hervor-bringung oder Er-öffnung eines Raumes für die Bewusstseinsakte des „wachen Ich“. In der radikal materialen Passivität der Empfindung hingegen wird nichts „hervor-gebracht“.28 Diese Nicht-Produktivität entspricht der narrativen Distanzlosigkeit des Lebens zu sich selbst oder dem Pathos des Sichertragens in allen Punkten seines individuierten Lebendigseins als Empfinden. Dieses „Kontinuum“ hat nichts mit dem Kontinuum der Modifikationen der Jetzt-Folgen gemeinsam, denn an die Stelle des ekstatischen Bruches oder der „Abgelaufenheit“, wie Husserl sagt,29 tritt die Empfindungskonsistenz als mein affektives oder individuelles „Fleisch“, das durch keinen Eingriff – auch nicht durch den der äußersten Epoché – je entfernt werden könnte.

 
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