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Kapitel 5 Einbildung als Imago mundi

Was Merleau-Ponty mit wünschenswerter Klarheit für sich selbst bekannte, dass nämlich das „Bild der Welt“ am Schluss jeder Reflexion das eigentliche Thema der Philosophie sei, und nicht „der Selbstabgrund oder das absolute Wissen“,1 bedeutet für uns nach dem bisher Gesagten zunächst eine notwendige Analyse des Bildcharakters der Welt in ihrer ersten Phänomenalisierung selbst, um dieses „Imaginäre“ transzendentaler Art auch entsprechend im Erscheinensgrund der Narrativität aufweisen zu können. Hierzu bietet sich nach den Analysen von Zeit, Impressionalität und affektiver Historialität die kantische Einbildungskraft (facultas imaginandi) als existenziale Selbstzeitigung nach Heidegger einerseits und als dionysisch-apollinischer „Schein“ im Sinne einer Imago nach Nietzsche andererseits an, die jeweils das phänomenologische Ursprungswesen als ein subjektives „Bilden“ oder „Hervorbringen“ verstehen, welche es für die Genese jeglichen Bildes, Wortes oder Themas zu klären gilt. Welthorizont als „Außer-sich“ und transzendentale Ein-Bildung als temporalisierte Ek-stasen schließen die je mögliche Gegenwart aller Dinge in solch ent-äußertem Bild als Schein ein, wie wir schon sahen, weshalb sich dieser Prozess urphänomenalisierender Weltgenese als Produkt der Einbildungskraft nicht nur schon kürzer als Modalisierung des Imaginären überhaupt fassen lässt, sondern radikal phänomenologisch auch nach der letzten Einheit solchen Scheins mit der Ursprünglichkeit des unsichtbaren Affekts als immanenter Subjektivität zu fragen bleibt, worin sich die Narrativität allen Erscheinens hält. Insofern beschäftigt uns hierbei nicht hauptsächlich die Frage nach der Einbildungskraft in intentional-erkenntnistheoretischer Hinsicht, nämlich als Bezug auf (noch) abwesenden Sinn in der transzendenten Erfahrung, die mich dann – eventuell destabilisierend – meinen bisherigen Realitätszugang verändern lässt,2 wie wir diese Frage ebenfalls zuletzt im Zusammenhang mit dem Unbewussten schon diskutierten.

In dieser Analyse soll vielmehr detailliert jener Zugang zum „Wort der Welt“ und „Wort des Lebens“ gewonnen werden, worin als Irrealisierung, Differenzierung oder Projektion einerseits das vorstellige Bildgeschehen die Grundcharaktere der „Weltbildung“ als Imago mundi nur wiederholen kann, aber gleichzeitig auch an eine Grundrelation von Affekt und Schein gebunden bleibt, die etwa das Wesen von Kunst und Dichtung ausmacht.3 Die unendlichen – ebenso überraschenden wie eingeübten – Aspekte und Strukturen an den Erscheinungen sind nämlich je Bilder aus einer Imago heraus, die sich selbst nie zeigt, sondern als ermöglichendes Erscheinenlassen nur Singuläres zu sehen „gibt“, um sich selbst darin zu verbergen. Das ekstatische Bild der Welt als Horizont oder Bewusstseinsfeld ist gegenüber den einzelnen Bildern mit ihren Bedeutungen indifferent, denn diese sind in ihrer Aktualität kontingent, das heißt, sie könnten auch anders oder gar nicht sein. Und nur deshalb besteht die Möglichkeit zu ihrer Idealisierung, Surrealisierung, Hypostasierung, Präzisierung, Verwissenschaftlichung, metaphorischen Erweiterung oder begrifflichen Negation, die einige wesentliche Urteilsund Sprechweisen in ihrer intentionalen Bedeutungsinstrumentalisierung des „Bildmaterials“ als Symbolik oder Signifikanz ausmachen, um noch einmal an Ricœur und Lacan im vorherigen Kapitel zu erinnern. Imago mundi ist daher zunächst ein heuristisches Konzept, um die Urpotenzialität der Einbildungskraft phänomenologisch zu radikalisieren, die dann als das lebendig „Ur-Eine“ bei Nietzsche selbstaffektiv auf ein prinzipielles „Ur-Sagen“ hin weiteranalysiert werden soll. Tiefenpsychologische Konstrukte sind hierbei nicht mitimpliziert, weil außer der topologischen Metapsychologie Freuds auch Jungs Archetypik in einer unkritischen Vorgabe der „Bewusstwerdung des Affektiven“ verbleibt: „Jedermann schafft sich […] eine Reihe von mehr oder weniger imaginären Beziehungen, die wesentlich auf Projektionen beruhen. […] Ein Mensch, den ich hauptsächlich durch meine Projektion wahrnehme, ist eine Imago, oder ein Imagooder Symbolträger. […] Diese Rückerstattung [der subjektiven Imagoanteile am Objekt] geschieht durch die bewusste Erkenntnis des projizierten Inhaltes, d. h. durch die Anerkennung des ‚Symbolwertes' des früheren Objekts.“4 Genau letzteres ist der phänomenologisch zu überwindende Paralogismus hinsichtlich ursprünglicher Affektion, womit natürlich eine fruchtbare Diskussion mit der Analytischen Psychologie Jungs nicht ausgeschlossen sein muss.

 
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