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Start arrow Philosophie arrow Wie das Leben spricht: Narrativität als radikale Lebensphänomenologie
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Teil II : Ästhetische Einbildungskraft und Kultur

Kapitel 6 Ideologie als Sprache der Wirklichkeit und Kulturkrise

Eine technisch und wissenschaftlich entwickelte Gesellschaft wie die unsrige hält weitgehend ihre eigenen Ideen und Werte für Vorurteile oder Ideologien in dem Sinne, dass sie im Rückblick auf eben diese Entwicklung als relativ erscheinen und sich daher auch in der Zukunft – wahrscheinlich immer schneller im Rahmen der Globalisierung – verändern werden.1 Diese inzwischen zur trivialen Alltagsmeinung gewordene Ansicht lässt nicht nur einen manchmal verständnislosen bis spöttischen Blick auf andere Nationen und Länder werfen, die noch an „seltsamen“ Glaubensformen und ihren Ritualen festhalten, wie etwa im „Fundamentalismus“ bestimmter Formen des Islam, sondern diese Zeit des Relativismus ist gleichzeitig auch die Zeit der Wissenschaft. Deren unterschiedliche Ausformungen mit ihren jeweilig eigenen sprachlichen oder symbolischen Systemen haben gemeinsam, dass sie für sich selbst alle als autonom oder selbstregulativ auftreten. Wenn diese Wissenschaften nebeneinander in Erscheinung treten, so geschieht dies zugleich mit dem epistemologischen Anspruch ihrer Gleichheit, was ihnen im Sinne ihrer jeweiligen Lösungskompetenz für gesellschaftliche Belange auch zumeist von der öffentlichen Meinung zugestanden wird. Versucht man darüber hinaus, das heißt „jenseits“ der Pluralität dieser jeweiligen „Totalitäten“ für sich, noch eine zusätzliche gemeinsame Struktur zu finden, wie es etwa die transzendental-pragmatische Diskursund Systemtheorie anstrebt, dann bleibt nur die allgemeine Erkenntnis, dass jedes Einzelsystem (Politik, Recht, Wirtschaft, Kultur usw.) eine plausible und normgeregelte „Struktur“ bilde. Auf diese Weise erschöpft sich das Selbe der gesuchten Identität in der formalen Idee einer abstrakten Organisation, mit anderen Worten in einer metonymischen Kausalität. So wird heute die schon genannte „Globalisierung“ als die Ausbreitung eines westlich-universalen Produktionsund Gesellschaftssystems dargestellt, in deren umfassenden Systemcharakter alle Teilsysteme terminieren, mithin keine andere Finalität mehr besitzen, als die Globalisierungseffekte zu verstärken und als unveränderlich erscheinen zu lassen.2 Wenn die Kausalitätsproblematik allerdings nicht zunächst als eine logische, strukturelle oder allgemeine Ursachenverknüpfung der Dinge angesehen wird, die den Verstand betrifft, sondern in Zusammenhang mit der apriorischen Bedingung unserer Erfahrung selbst zu sehen ist, dann gewinnt sie als rein praktische Ursprungskategorie den radikal phänomenologischen Status einer Identitätswirklichkeit mit dem Ego als subjektivem Leib oder „Ich-bin“, das heißt als Einheit und Freiheit der ursprünglichen Gewissheit, in der sich das Leben als solches bejaht und bestätigt, mit anderen Worten noch als eine Analyse unmittelbarer Erfahrung. Die damit vorgezeichnete Frage einer Meta-Genealogie der Geschichte und Ideologie, die wir im Folgenden genauer aufgreifen werden, betrifft dann ebenfalls die Kategorie der Substanz auf neue Art. Denn wenn die Analyse des Geschichtlichen im Sinne von effektiver Existenz oder Wirklichkeit vom lebendigen Selbsterscheinen der leiblich-subjektiven Ursprungserfahrung auszugehen hat, dann gibt es auch im Bereich des transzendenten Seins eine „unmittelbare Gewissheit“, die in Beziehung mit der Ipseität unserer selbst zu untersuchen ist, nämlich als jenes widerständige Element, welches die Grenze der subjektiven Bewegung darstellt, aber gleichzeitig an der inneren Manifestation der unmittelbaren Ego-Erfahrung teilhat. Anders gesagt machen wir zu jedem Augenblick die nicht weiter hinterschreitbare Erfahrung einer Ur-Einheit von Leben und Welt, welche das radikal phänomenologische Wesen der absoluten Subjektivität selbst bildet, nämlich sich in ihrer Existenz oder inneren Kausalität auf die Welt hin zu transzendieren. Durch den originären Zusammenhang von Kausalität und Substanz wird also von vornherein verständlich, dass das Ego (gegründet in der lebendigen Ipseität) zunächst ein Leib ist, der in seiner subjektiven Bewegung das praktische Wissen um die „Welt“ in sich schließt. Nur so wird einsichtig, warum in der Folgeuntersuchung sowohl der Idealismus wie Materialismus als Erklärungsfiguren von Bewusstsein und Welt verabschiedet werden können, um einem Ideologiebegriff Raum zu geben, der sowohl der Illusion reiner Vorstellungshypostase gerecht wird wie aber auch der Notwendigkeit des subjektiven Lebens, sich mittels transzendentaler Einbildungskraft in seiner inneren narrativen oder ästhetisch-sinnlichen Bewegung zur Darstellung zu bringen.

Dadurch gewinnt der Begriff des Transzendentalen weiterhin einen anderen Status, denn insofern Henry nicht – wie Husserl und Heidegger – letztlich den Weg der Reduktion im Sinne des genetischen „Abbaus“ oder der seinsgeschichtlichen„Dekonstruktion“ geht, sondern die radikale Ursprungsfrage der Ökonomie stellt, dann bleibt prinzipiell der Zusammenhang von Passivität, Meta-Genealogie und Historialität in den Mittelpunkt zu stellen.3 Deren Bezug untereinander ist nicht mehr allein an das zeitliche Verhältnis von Historie/Geschichte gebunden, oder an die Konstitutionsfrage von Urstiftung/Krise, sondern an die Aufhebung jeglicher Vermischung von ontischen und ontologischen Aspekten, wie sie sich auch bei Hegel finden, nämlich im dialektischen Übergang von Wahrnehmung, Kampf der Bewusstseine und Geist, oder bei Heidegger als Bindung der Geschichte an die Eröffnung der Welt, wodurch die Entfaltung der Zeit auf sich selbst zurückgebogen wird, um die homogene Form einer geschichtlichen Seins-Objektivierung anzunehmen. Wenn es aber letztlich weder eine Geschichte des Geistes noch des Seins oder der Gesellschaft und ihrer ideologischen Hervorbringungen gibt, sondern nur eine praktische Transzendentalität der konstitutiven Potenzialitäten des subjektivgemeinschaftlichen Lebens, dann handelt es sich diesseits jeder Chronologie, Dialektik oder Seinsgeschichte um das radikal phänomenologische oder apriorische bzw. meta-genealogische Verständnis des Lebens als „individuierter Pluralität“.

 
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