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8.4 Lebensspuren im Toten

Selbst der äußere sichtbare Körper, welcher als Leichnam rein welthafte Materie geworden ist, bleibt in „Le cadavre indiscret“ nicht ohne Bezug zur dargestellten Lebensrealität, die ihn zuvor ursprünglich bewegte, so dass Michel Henry 1996 in diesem scheinbar leichteren „Kriminalroman“ als die vorherigen Romane seine fundamentale Problematik der Selbsterscheinung des Lebens weiterhin verfolgt: „Selbst der Kriminalroman, der einer naiven, aber wirksamen Struktur gehorcht, beruht auf einem Enthüllen (dévoilement) von Details [wie in „L'amour les yeux fermés“]. Stets wird das Selbe enthüllt, wenn auch durch sukzessive Schritte, so dass man erst am Ende versteht… Was? Das Leben.“ Was für einen Roman haben wir also zuletzt vor uns, wenn Henry66 schon vom „Le Fils du roi“ selber bekannte, dieser stelle seine „metaphysische Arbeit“ dar, die einen „Fortschritt in seinem Werk“ gebracht habe, nämlich ein „inneres, mystisches Heil“ für eine originäre Situation des totalen „Eingesperrtseins“, welche das Leben prinzipiell bedeute, da es uns unabhängig von jeglicher Freiheit zunächst in sich gebiert? Wird mit einem Leichnam nicht genau dieselbe Situation am Ende des Lebens bezeichnet? Abgesehen davon, dass der Tod in Henrys Romanwerk existentiell mithin immer präsent ist, sei er individuell oder als kulturelle Zerstörung, wie wir zeigten, verquickt sich in dieser Kriminalgeschichte die phänomenologische Problematik des Lebens besonders mit politischen Intrigen, die als verdeckte Waffengeschäfte „im Geheimen“ des Staates und der Parteien verlaufen. Ihre Bloßstellung in diesem „Krimi“ (policier) hatte ihren äußeren Anlass in entsprechenden Praktiken der damaligen französischen Regierung unter dem Staatspräsidenten Mitterrand, kritisiert aber in philosophischer Hinsicht das seit Hegel hypostasierte Verhältnis von Staat und Individuum als „Allgemeinheit“, in die der Einzelne „aufzugehen“ habe.67 Die tote Hauptperson dieses Romans, Jean Dutheuil, wurde vor der Ermordung durch den Staatsschutz aufgrund ihrer vielfältigen Verdienste und Beziehungen zum geheimen Schatzmeister der sozialistischen Partei ernannt, welche die Wahlen des Staatspräsidenten unter anderem zusammen mit dubiosen Waffengeschäften im Vorderen Orient finanzierte und dabei mit Hilfe von falschen Belegen die Praktiken der Geldwäsche anwandte (S. 79 ff.). Der ansonsten sehr integre Dutheuil wird bald nicht nur nackt in einem Hotelzimmer als Leiche aufgefunden (94 f.), weil er die dunkle Zweitverwendung der von ihm gesammelten Gelder für illegale Waffenverkäufe ablehnte (S. 168 ff.), sondern sein Ableben wird von offizieller Seite als Selbstmord ausgegeben und im Zusammenhang mit einer Callgirl-Affäre (S. 196 f.) in den Zeitungen publik gemacht, ohne dass je irgendeine offizielle polizeiliche Untersuchung stattfindet. Als Privatdetektiv wird Johannes Michel beauftragt, die „Wahrheit“ über diesen Mord, der mit Hilfe von verdecktem Gift vorgenommen wurde (S. 89, 102 f.), ans Tageslicht zu bringen, wobei die Auftraggeber dieser Untersuchung die Mörder und ihre Hintermänner an höchsten politischen und wirtschaftlichen Schaltstellen des Staates selbst sind (S. 22 f., 26 ff., 55 f., 85, 170 f., 181 f.). Dieser wiederum in Ichform geschriebene Roman erzählt daher in einer diesmal meist sehr knappen, aber immer enthüllenden Sprache die langsame Aufdeckung der maffiösen Parteiund Geheimdienstpraktiken, die deutlich Henrys Kritik an der Benutzung der „Demokratie“ (S. 30 f., 124 ff.) für rein persönliche Macht zum Ausdruck bringen.69

Werden die kriminalistischen Enthüllungen folglich zugleich als eine Untersuchung zu „Wahrheit“ und „Gerechtigkeit“ im ethisch-lebensphänomenologischen Sinne gelesen, dann spricht dafür auch die Tatsache, dass der Privatdetektiv Johannes Michel den Auftrag der Hintermänner, die „Wahrheit herauszufinden“ (um so zu erfahren, was man von ihnen selbst weiß), im Sinne der Familie des Ermordeten umkehrt: Es ist nämlich seine anfängliche Absicht, keinen ausführlichen offiziellen Bericht am Schluss zu schreiben, sondern alle detaillierten Ergebnisse nur der Frau und den Kindern für ein geheimes und notariell hinterlegtes Gedenkbuch zu übermitteln, damit sie in Zukunft nicht mit der unehrenhaften Todesursache eines Selbstmordes und einer verleumderischen Prostitutionsaffäre leben müssen (S. 62 ff., 97, 105 f., 205 f.). Wie in „L'amour les yeux fermés“ geht es also auch in diesem Roman um ein „Gedächtnis“ (mémoire), welches sich der Wahrheit des individuellen Lebens in seiner Lauterkeit verpflichtet weiß, um es der nächsten Generation weiterzureichen, auch wenn diesmal die Betroffenen (Christine Dutheuil und ihre Familie) – anders als Deborah und Sahli im vorherigen Roman – letztlich genau dies nicht wollen (S. 222). Die im Roman von 1996 zerstreuten Hinweise auf Platon, Spinoza, Kant und Nietzsche (S. 39, 77, 125, 152, 160, 218 f.) ließen dann von einem Conte philosophique in Form eines „Krimi“ sprechen, dessen radikal immanenten Wahrheitsanspruch sehr bildhaft folgende – innerhalb des ersten Informationsgesprächs mit der Witwe des Verstorbenen – eingeschobene Passage zeigt: „Außergewöhnlich ist die Macht der Wahrheit. Tritt sie hervor – so ist die Welt verwandelt. Aber in uns findet dieses Erdbeben statt. Wie aufeinander folgende Wellen, die sich in ihrer Überlagerung ausweiten und in sich selbst zurückkehren, überflutet uns ihre Erschütterung. Lange Zeit darauf noch schwingen in uns ihre erneuerten Klänge nach“ (S. 90).

Hier wird das Wahrheitsgeschehen weiterhin deutlich als inneres affektives Lebensgeschehen im Sinne von dessen „Enthüllung“ oder „Entbergung“ (dévoilement) gefasst, und der Leichnam des Ermordeten ist insofern indiskret, als er nicht nur die Mörder und Hintermänner in bestimmten Grenzen auffinden lässt, sondern ebenfalls die subjektive (Angehörige) wie öffentliche (Staat) „Lebensoffenbarung“ als ständig notwendige Wahrheitsaufgabe motiviert: „[Der Tote] scheint [die Auftraggeber] mehr zu beschäftigen, als wenn er lebendig wäre…“ (S. 23 f.). Oder auch: „Das Gewissen Dutheuils wurde aus seiner Asche wiedergeboren“ (S. 178), um in der Angst der Täter weiterzuleben. Neben der individuellen ethischen Wahrheitsdimension ist damit die Diskussion um „Politische Philosophie“ ein zentraler Bestandteildieses Romans, dennhinterdemschongenannten Demokratiedefizit in Partei und Regierung legt der Detektiv Johannes Michel im Gespräch mit dem Alt-Sozialisten Nalié als dem Schwiegervater des Ermordeten die tendenzielle Gefahr eines Faschismus und Totalitarismus auch in unseren westlichen Staatsformen offen. Zunächst wird wiederum sichtbar, dass Henry – wie im Roman „L'amour les yeux fermés“ zuvor – den Sozialismus nicht als solchen angreift, da dieser in seiner ursprünglichen Form nahezu ein „metaphysisches“ Prinzip trotz seines atheistischen Laizismus in sich kenne, nämlich „jedem Menschen […] die Gesamtheit der Rechte zu garantieren, die das menschliche Wesen definieren“ (S. 131).71 Wird dieser Grundsatz allerdings nicht mehr als lebendige Demokratie zwischen den Individuen gelebt, dann droht nicht nur ein staatlicher Totalitarismus, wie er unter Stalin praktiziert wurde, und auf den sich ein ideologisch verblendeter Sozialismus in Frankreich noch lange berief, sondern es droht ein Regime allgemeiner Angst überhaupt. Dieses tendiere mit faschistischen Methoden auf „politische Säuberung“ letztlich hin, deren perfides Denken gerade darin besteht, dass die Opfer selbst die „Berechtigung“ ihrer eigenen Vernichtung schließlich innerlich als „legitim“ ansehen (S. 125 u. 137 f.).

Angewandt auf den Fall des durch Geheimdienste ermordeten Dutheuil bedeutet dies, dass das Schweigen der Opfer (Familie) wie Täter (Politiker) – da es sich angeblich um eine wichtige „Staatsaffäre“ bei diesem Mord handle (S. 198 f.), der sich alle unterwerfen – einer Kapitulation vor dem Bösen gleichkommt. Henry greift zwar auch die verständliche These der Journalisten als Vertreter der „öffentlichen“ Zeitungen auf, man könne nicht alle Verbrechen dieser Welt offen legen, weil es viel zu viele seien und damit die „typischsten“ herauszugreifen wären, um sofort aber den Leser im genannten Gespräch zwischen Detektiv und Alt-Sozialist auf die innerste ethische Problematik dieser „Banalisierung des Bösen“ hinzuweisen: Gewiss ist die mediale Offenlegung des Bösen ein Teil des „gesellschaftlichen Bösen“ selbst geworden, insofern sich danach Einschaltquoten am Fernsehen und Verkaufszahlen der Illustrierten und Zeitungen orientieren,72 so dass die „Aufdeckung“ von außergewöhnlichen Verbrechen kaum mehr etwas daran ändert, dass „das Böse es dazu gebracht hat, [heute] das Fleisch dieser Welt zu bilden“ (S. 134). Aber der allgemeine Verzicht auf die Wahrheit über ein Verbrechen „setzt im Grenzfall eine Komplizenschaft mit den Mördern voraus“, und in solchem Fall wird ein Mord in der Tat zum eigenen „Selbstmord“ durch das Schweigen (S. 137 f.). Was Henry somit ganz klar schon in „L'amour les yeux fermés“ als allgemeine Erscheinung kultureller „Barbarei“ denunzierte, wird nunmehr in „Le cadavre indiscret“ auf die politische Ethik hin konkretisiert, welche allerdings – wie bei der Kulturwirklichkeit – keinen abstrakt theoretischen („demokratischen“) Gesetzen gehorcht, sondern eben der inner-narrativen (Lebens-)Wahrheit eines jeden Individuums. Letzteres sollte vor keiner Unwahrheit in sich selbst und in der Öffentlichkeit abdanken, wenn es nicht selber in der Heuchelei leben will (S. 136),73 welche in der Tat einen nahezu unlösbaren Zirkel in sich birgt, wie es im letzten Werk „Christi Worte“ dann heißen wird: „Allein das Hören des Wortes [des Lebens, Gottes] kann uns vom Bösen befreien, aber das Böse hat das Hören dieses Wortes schon unmöglich gemacht.“74

Indem der Detektiv Johannes Michel selbst in äußerste Todesgefahr gerät, weil er von drei dunklen Gestalten an einem abgelegenen Waldteich verfolgt und eingeholt wird (aber dadurch auch intuitiv jetzt weiß, wer wohl Dutheuils Mörder gewesen sind), muss er sich nunmehr selber die schwerwiegende Frage stellen, ob er seine Untersuchung zu Ende führen will oder nicht. Den eigenen Tod zunächst weiterhin plastisch vor Augen sowie dann durch das effektive Einstellen der Untersuchung seitens der Auftraggeber (was mit dem Wissen für den Detektiven verbunden ist, dass die eigentlichen Drahtzieher unfassbar im Büro des Staatspräsidenten selbst sitzen, S. 227 f.), kommen alle weiteren Recherchen zum Erliegen. Damit kehrt aber umso virulenter die zentrale Frage des Romans am Schluss wieder: „Kann man jedoch leben, indem man der Wahrheit den Rücken kehrt“ (S. 222)? Aber daneben erhebt sich auch die Frage, ob man die Wahrheit jedem sagen muss und wie – oder nur das, „was er hören möchte“ (S. 200)? Die Verbrecher (Politiker) an diesem Mord wollen nur wissen, inwieweit sie juristisch nicht belangt werden können, da die volle und öffentliche Wahrheit sowie die Person Dutheuils sie nicht interessiert. Daraus scheint sich eine Folgerung zu ergeben, die nach Henry – als Icherzähler des Romans – Politik und Gesellschaft heute allgemein betrifft: Was für sie zähle, sei nicht die Wahrheit, sondern die „Wichtigkeit“ (importance) als „Bluff“, was das „Wichtigste überhaupt zu werden scheint. Nicht nur als eine Regel des Verhaltens […], sondern als die Quelle eines spezifischen Handelns“ (S. 217). Wenn aber „das Verlangen nach Wichtigkeit in seiner Allgemeinheit der wirkliche Motor der Gesellschaft geworden ist“ (S. 219), dann gibt es im Grunde keinen eigentlichen Raum für die Wahrheit mehr, welche nur im Schweigen des „Herzens“ (Lebens) gehört zu werden vermag.

Im politischen Raum der Machtintrigen, der Scheinwichtigkeit, der öffentlichen Diffamierung und des Verbrechens aus „Staatsraison“ gibt es folglich keinen Raum für die Wahrheit, scheint der Roman mit seinem aporetischen Ende letztlich sagen zu wollen. Die letzte Seite ist allerdings dem toten Jean Dutheuil gewidmet, dessen Name einerseits von allen vergessen sein wird und „dessen Augen sich [andererseits] von den Dingen dieser Welt gelöst haben“. Und darauf fällt der wohl entscheidende Schlüsselsatz für jegliches weitere Wahrheitsverständnis: „Ist das Schweigen für den hörbar, der es nicht durch lange Gewöhnung erworben hat“ (S. 235)? Dieses Schweigen, welches sowohl auf das Schweigen aller Toten anspielt, mit denen wir weiterhin eine affektive Gemeinschaft bilden,75 wie auf das Schweigen diesseits allen „Weltlärms“ hinweist, ist jene „Stille“ wo keine Sinne mehr wirken. Es ist „kein Verstummtsein“, sondern die rein phänomenologische oder gegen-reduktive Weise, wie die „Fülle des Lebens spricht“. An diesem letzten Zitat aus dem Buch „Christi Worte“ (S. 131), welches Henry selber noch auf seinem Totenbett 2002 vollendete, lässt sich ohne Zweifel der Übergang von „Le cadavre indiscret“ zu seinen letzten phänomenologischen Werken über eine „Philosophie des Christentums“ verfolgen, da in ihnen auch jenes „mystische Heil“ vertieft wird, das bereits in „Le Fils du roi“ im Mittelpunkt stand und bis in die Frühzeit seines Schaffens zurückverfolgt werden kann.76 Wahrscheinlich ist es zu weit gegriffen,auch im ermordeten Dutheuil eine christ(olog)ische Passionsfigur wie in den anderen Romanen wieder erkennen zu wollen, aber durch die ganz offensichtlich äußerste Zuordnung von Schweigen und Wahrheit führt auch der Spätroman von 1996 – ohne dass darin einmal das Wort „Gott“ fiele – an die Schwelle der innernarrativen Lebensoffenbarung als absolute Wahrheitsoffenbarung heran, vor der alle anderen Interessen schweigen müssen. Das Sittenbild von Politik und Gesellschaft, welches Henry mit Hilfe seiner von Intrigen gespickten Kriminalgeschichte zeichnet, ist daher wie das Negativbild der Wahrheitsund Lebensparusie in den anderen Romanen.

Aber das Schiff mit den Ratten (1948/1954), die Stadt Aliahova in ihrer Selbstzerstörung (1976), die psychiatrisch-medizinischen Diagnosen und Methoden (1981) sowie die Politikhybris und Parteienkorruption (1996) gehören zu jenen „Ideologien und Praktiken der Barbarei“,77 welche uns selbst als Leser ohne Ausflucht vor den rein immanenten Wahrheitsanspruch gestellt sein lassen. Auf diese Weise holt die narrative „Einbildungskraft“ als „Macht der Wahrheit“78 die sowohl äußere wie innerste Wirklichkeit von Welt, Leben und Tod selbst ein und erlaubt über die imaginäre Fiktion einen „Blick“ in den Ab-Grund der illusionsfreien Lebenserprobung als affektiver Narrativität. Dieser sind nach Michel Henry Literatur und Kunst wie auch Phänomenologie gleichermaßen verpflichtet, da wir zu keinem Augenblick letztlich vom absoluten Leben und seinem inneren Sprechen abstrahieren können, wie wir durchgehend aufzeigen konnten.

 
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