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Kapitel 9 Ein erneuertes Denken von Metaphysik und kultureller Existenz

Es bleibt in systematischer Hinsicht für die Tatsache der inner-affektiven Narrativität im Zusammenhang mit einer originären Leibund Kulturanalyse festzuhalten, dass der subjektive Leib als ontologische „Gewohnheit“ im Sinne einer konkrettranszendentalen Möglichkeit sich nicht nur im Bereich der reinen Immanenz verwirklicht, sondern in vor-ontologischer Hinsicht eine Umkehr klassischen Leibdenkens überhaupt darstellt, insofern keinerlei rationale Frage hinsichtlich einer Trennung von Subjekt/Objekt ihn mehr betreffen kann. Bezeichnen wir diese innere phänomenologische Absolutheit des subjektiven Leibes als Instanz einer transzendentalen Proto-Bezüglichkeit, welche in aller Narrativität der leiblichen Affekte und Impressionen spricht, dann heißt dies zugleich, dass dieser Ur-Leib des „Ich kann“ ein absolutes Situiertsein im Leben impliziert, auf die jede weitere mundane wie existentielle Situation in ihrer Gegebenheit angewiesen ist. Denn der objektive Leib kann nur dann situiert sein, wenn er zuerst durch eine transzendentale oder absolute Position im Leben situiert ist, welche die Öffnung auf alles Weltsein schlechthin bedeutet. Es ist daher unmöglich, dass unsere Leiblichkeit – existentiell wie kulturell – jemals auf einen toten Körper reduziert werden kann, was epistemologisch einschließt, dass wir hinsichtlich unseres subjektiven oder immanenten Leibes nicht irgendeine beliebige Perspektive einnehmen können.

Damit ist in jedem Vollzug auch die Problematik der Freiheit berührt, die besagt, dass letztere im Bereich der inner-subjektiven Selbstgegebenheit sowohl begrenzt wie nicht-kontigent ist, nämlich nicht selbstgesetzt und dennoch identisch mit unendlichen Potenzialitäten des Lebens, welche durch die Gegenwart jedes Lebendigen zur Welt hin natürlich bestimmte Perspektiven und Haltungen einnehmen müssen, aber davon letztlich nicht verändert werden. Denn das „Fleisch“ ist im radikal lebensphänomenologischen Sinne nicht allein ein kinästhetisches Organ für Bewegung und Wahrnehmung wie bei Husserl, sondern als absolute Leiblichkeit die inner-narrative Historialität der Lebensankünftigkeit als solche, weshalb unser Leibsein nicht allein durch eine endliche Begrenzung durch das Weltsein bestimmbar ist. Wenn die Subjektivität in diesem Sinne die Fundierungsmöglichkeit jeder ontologischen Situation mithin ist, dann ist damit auch die kartesische Denkachse Ego/Gott, wodurch in der rationalen Metaphysik die Ipseität verstanden werden sollte, als teleologische Unendlichkeit grundsätzlich verlassen und der absolute Leib initiiert so ein umfassend erneuertes Denken für heute, für welches das ursprüngliche Sein unseres Leibes als Leben den Ursprung einer internen transzendentalen Erfahrung bildet, welche die narrativen Effekte dieses umfassend leiblichen Lebens in allen Erfahrungen bestimmt.

 
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