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Einleitung

„Europa ist das Beste, was den Deutschen, Franzosen und Italienern, den Tschechen und Dänen, den Polen und Spaniern in ihrer langen Geschichte passiert ist. Europa ist die Verwirklichung so vieler alter Friedensschlüsse, die den Frieden dann doch nicht gebracht haben. Die Europäische Union ist das Ende eines tausendjährigen Krieges, den fast alle gegen alle geführt haben. Sie ist ein unverdientes Paradies für die Menschen eines Kontinents, EU das Kürzel für das goldene Zeitalter der euro-

päischen Historie. Das klingt empathisch, aber es ist so.“

Die Europäische Union gilt als Garant für Sicherheit und Stabilität, als Garant für Frieden. Seit dem Inkraftreten der Römischen Verträge im Jahr 1957, aus welchen inzwischen eine Europäische Union mit 28 Mitgliedsstaaten gewachsen ist, haben keine der jeweiligen Mitglieder einen gewaltsamen Konflikt miteinander ausgetragen. Während sich eine stete wirtschaftliche und politische Integration vollzogen hat, wurden gleichzeitig die Grenzen der Nachbarn respektiert. Gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Nachbarstaaten kamen nicht vor. Diese Entwicklung ist jedoch nicht weltweit zu beobachten: zwar hat ein Gestaltwandel gewaltsamer Konflikte stattgefunden, deren Existenz ist jedoch unverändert. Insbesondere nach Ende des Kalten Krieges wurden vermehrt so genannte Neue Kriege ausgetragen; exemplarisch seien hier der erste Golfkrieg, der Bürgerkrieg in Ruanda sowie die Jugoslawienkriege genannt. Demnach ist es auch in Europa selbst seit Ende des Zweiten Weltkriegs zu gewaltsamen Auseinandersetzungen gekommen. Warum also hat sich zumindest innerhalb der Grenzen der Europäischen Gemeinschaft bzw. der Europäischen Union die Hoffnung „Nie wieder Krieg!“ erfüllt? Als Ursache dafür legt die vorliegende Arbeit die Europäisierung von EU-Mitgliedsstaaten zu Grunde: Europäisierung, sprich die Übernahme von formellen und informellen Werten der EU, fördert die konstruktive Regelung von Konflikten. Diese Prämisse kann jedoch nur für den Umgang der EUStaaten untereinander gelten, nicht jedoch zwangsläufig für deren Beziehungen zu Nachbarbzw. sonstigen Drittstaaten. Dies zeigt die Untersuchung von den Politikwissenschaftlern Heinz-Jürgen Axt, Oliver Schwarz und Simon Wiegand folgender Fallbeispiele: die nach wie vor ungelöste Zypernfrage, der Ägäis-Konflikt zwischen Griechenland und der Türkei sowie der griechisch-mazedonische Namensstreit. In allen drei Fällen kann den jeweiligen Konfliktparteien – unabhängig ihres EU-Mitgliedsstatus – nur bedingt europäisiertes Verhalten konstatiert werden. Die Autoren weisen in Ihrer Arbeit darauf hin, dass bereits eine hinlängliche Analyse von Europäisierungseffekten auf Mitgliedsstaaten durchgeführt, der Einfluss eben jener Effekte auf (zukünftige) Beitrittskandidaten jedoch kaum wissenschaftlich aufgearbeitet wurde. Wie die Untersuchung von Axt, Schwarz und Wiegand soll auch die vorliegende Arbeit dazu beitragen, diese Forschungslücke zu schließen.

Als Fallbeispiel wird der Konflikt um den Status Kosovos herangezogen: Am 17. Februar 2008 erklärt Kosovo seine Unabhängigkeit und ist bis dato der jüngste Staat Europas. Mit dieser einseitigen Unabhängigkeitserklärung spaltete sich die ehemalige Region von Serbien ab. Nach Jahrhunderten geprägt von immer wiederkehrenden, gewaltsamen Auseinandersetzungen – zuletzt der Kosovokrieg, der 1999 aus dem Zerfall der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawiens resultierte – ist Kosovo erstmals ein unabhängiger Staat. Allerdings haben sechs Jahre nach der Erklärung erst gut Ein-

hundert Staaten Kosovo als solchen anerkannt, Serbien gehört nach wie vor nicht dazu.Der Erklärung war das Scheitern langwieriger Verhandlungen zwischen Kosovo und Serbien voran gegangen. Vermittelt durch die internationale Gemeinschaft hatten die beiden Parteien in Einigungsgesprächen auf friedlichem Weg zu einer einvernehmlichen, nachhaltigen Statuslösung gelangen sollen – bis zuletzt ohne Ergebnis. Nichtsdestotrotz kann positiv bemerkt werden, dass es bspw. nicht zu einem Wiederaufflammen der Gewalteskalation von 1999 gekommen ist. Ob das Ausbleiben von Gewalt allein jedoch von europäisiertem Verhalten der Konfliktparteien zeugt, ist fraglich; so gilt es in der Arbeit darzustellen, anhand welcher Faktoren der Europäisierungsgrad festzustellen ist und diese im Anschluss an dem genannten Fallbeispiel abzuklopfen.

Auch wenn dieses eher illustrativen Charakter und nicht etwa – wie die Arbeit im Folgenden aufzeigen wird – als Prototyp für innerstaatliche Konfliktfälle dienen kann, erfolgte die Auswahl des Fallbeispiels keineswegs zufällig. Die Kosovostatusfrage bietet sich insbesondere deshalb an, da die im vorliegenden Fall klar umrissenen Konfliktparteien eine Untersuchung mit dem Hexagon begünstigen. Ferner kann das Beispiel insofern als crucial case study für die Europäische Union gelten, als dass der Konflikt nicht singulär an deren Grenze statt findet, sondern eingebettet ist in eine Region aus verschiedenen Staaten, die aus der größten kriegerischen Auseinandersetzung in Europa seit 1945 hervorgegangen sind und jeweils in individuellen Tempi in die EU streben, während gleichzeitig die Herausforderung regionaler und innerstaatlicher Aussöhnung besteht. Genau an diesen parallelen Aufgaben bzw. deren möglichem Wechselspiel setzt die Analyse im Rahmen folgender Forschungsfragen an.

 
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