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3.3 Das autonome Kunstwerk

3.3.1 Kunst und Sprache

Analysen und Interpretationen von Kunstwerken suggerieren sehr oft, dass ohne ihre Hilfestellung das Kunstwerk stumm bliebe, sie erst brächten das Werk für den Betrachter zum Sprechen. Durch diesen Eindruck nehmen sie dem Kunstwerk, um dessen Dechiffrierung sie sich bemühen, die Selbständigkeit und auf der anderen Seite dem Rezipienten die Chance zur eigenen, autonomen sinnlichen Erkenntnis, die das Kunstwerk ihm bietet.

Andererseits kann die Interpretation eines Kunstwerks die erfahrbare Wirklichkeit, die sich in ihm als sinnliche Erkenntnis niederschlägt und die sich durch die künstlerische Beherrschung des Materials objektiviert hat, auf die Ebene der begrifflichen Erkenntnis heben. In dieser dienenden Funktion, die eine Übersetzungstätigkeit ist, kann die Interpretation den Erkenntnisgewinn des Kunstwerks sichern helfen. Aber die Interpretation vermag natürlich nie die sinnliche Präsenz des Kunstwerks zu ersetzen. Die Gefahr besteht, dass sie die sinnliche Erkenntnis unter einem Wust von vorgefassten Kategorien und Meinungen verschwinden lässt (vgl. Oevermann, o. J.).

Die Einzigartigkeit der künstlerischen Ausdrucksintention steht immer am Anfang des künstlerischen Prozesses, der sich unter die strenge, überpersönliche Gesetzlichkeit der Konstruktion stellt und sie zu entfalten trachtet. „Das an die Individualität des Künstlers gebundene Besondere wird dadurch zum autonomen Kunstwerk, welches wiederum allgemeine Regeln unterlegt. Am Ende mündet die Konstruktion, in deren Gesetzmäßigkeit die Stellen der abgeforderten künstlerischen freien Entscheidung genau markiert werden, in die Materialisierung eines sinnlich Präsenten, ja Einzigartigen ein. Es steht in der Reihe der gesetzlich produzierbaren unendlichen Vielfalt und vertritt doch in seiner Autonomie als plastischer Text, als Ausdrucksgestalt das Ganze der Gesetzlichkeit künstlerischer Produktion“ (ebd., o. S.). Diesem Prozess der Produktion entspricht auf der Seite des Rezipienten nicht ein diffuses, unverbindliches, pseudokreatives Assoziieren, sondern ein diszipliniertes Erschließen der spezifischen ästhetischen Struktur.

Als Modell für dieses dialektische Verhältnis von Allgemeinem und Besonderem dient unsere Sprache. Bereits Humboldt erkannte in der Sprache eine kreative, weltaufschließende und erzeugende Kraft. Diese Leistung der Sprache hat die moderne Sprachtheorie deutlicher bestimmt. „Auf eine kurze Formel gebracht, besteht sie darin, dass mit einer endlichen Zahl von Konstruktionsregeln eine unendliche Fülle von konkreten sprachlichen Ausdrücken als je gültig und erzeugt verstanden werden kann“ (ebd., o. S.). Letztlich handelt es sich hier um das Grundprinzip des erkennenden, autonomen Geistes.

Die Sprache ist uns allen wie eine Gattungsausstattung selbstverständlich als Regelbewusstsein genuin zu Eigen und strukturiert die Urteilsfähigkeit unseres Geistes ohne eine eigens dazu erforderliche spezielle Ausbildung. Im Gegensatz dazu sind die „Sprachen“ der künstlerischen Produktion nicht auf ein vergleichbares genuines Regelsystem gegründet. Sie müssen vom Künstler in der exemplarischen Gestaltung von Einzelwerken herausgearbeitet werden mit Bezug auf die determinierenden Randbedingungen des Gestaltungsund Ausdrucksmaterials einerseits und mit dem Bezug auf die Physiologie des Wahrnehmungsapparates andererseits. Sie lassen sich nicht allgemein begründen wie die Phonologie und die Grammatik, sondern bleiben an die sinnliche Präsenz des Einzelwerks gebunden. Der Künstler übersetzt das uns allen gleichermaßen zugängliche Regelbewusstsein der Sprache, in dem allein sich Bedeutung und Sinn konstituieren können, auf den Zusammenhang von außersprachlichen Materialien und psychosomatischen Äußerungsund Wahrnehmungsweisen und „erschließt so der auf Bedeutungsfunktion angewiesenen Erfahrung im Modus der sprachunabhängigen sinnlichen Erkenntnis eine ganz neue, bis dahin unaussprechliche Welt. Räumliche Konstellationen, Gesetze der Wahrnehmung und die Wahrnehmung fremder und eigener Leiblichkeit werden in die Sphäre des Geistes gehoben, ihr zugänglich gemacht“ (Oevermann, o. J., o. S.).

Die verbindliche, durch die künstlerische Erzeugungskraft entstehende Sprache der Kunst kann sich also nicht auf ein schon vorliegendes Regelbewusstsein berufen. Sie muss dieses Regelbewusstsein zugleich mit der auszubildenden Sprache bewusst und methodisch erschaffen. In jedem Werk setzt sich so der Künstler dem Risiko aus, das in der Unvorhersehbarkeit des Gelingens besteht.

 
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