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3.4.3 Zur Nichtalltäglichkeit des Kunstwerks

Zur Beziehung von Kunstwerk und Lebenspraxis schreibt Oevermann: „Im Kunstwerk kommt also nur gesteigert zum Ausdruck, was der Alltäglichkeit sozialen Handelns prinzipiell eigen ist. Die Steigerung des Kunstwerks lässt sich u .a. dieser Alltäglichkeit gegenüber darin bestimmen, dass der Künstler nicht nur eine individuelle beliebige Lebenspraxis zum Ausdruck bringt, sondern, indem er in die sprachlich und begrifflich nicht artikulierbaren ‚Tiefen' seiner inneren Realität vordringt, an ihr das ausdrückt und erfahrbar macht, was gewissermaßen stellvertretend das Allgemeine einer historisch-gesellschaftlichen Situation repräsentiert. Zugleich besteht die Steigerung in der gültigen Artikulation eines bisher nicht verständlich Ausdrückbaren, und das wiederum setzt voraus, dass das Medium oder die spezifische Materialität der Ausdrucksgestalt technisch beherrscht wird wie eine besondere Sprache“ (Oevermann 1986, S. 50).

Dies ist eine Sicht des Kunstwerks, die bereits Schopenhauer hatte, die von Benjamin und Adorno aufgegriffen wurde und heute von Bourdieu vertreten wird. Die Steigerung des künstlerischen Textes besteht gegenüber den alltäglichen Texten darin, dass er das Allgemeine einer historisch-gesellschaftlichen Situation repräsentiert. Als Merkmal der Verortung des Kunstwerks über der Alltäglichkeit bestimmt Benjamin seine Aura. Mit dem Begriff der Aura fasst er das Immaterielle des Kunstwerks, seine Originalität und seine Einmaligkeit. Den Entstehensgrund des Kunstwerks sieht Benjamin im Kultus, beziehungsweise in der Präsenz bestimmter gesellschaftlicher und kultureller Gegebenheiten, damit also in der Geschichtlichkeit. Geschichte wird im Kunstwerk aufgehoben, beund verarbeitet, aber in einer besonderen, für das Werk typischen Weise.

Auch die Einmaligkeit verweist auf die ursprüngliche Einbindung des Kunstwerks in einen gesellschaftlich-historischen Zusammenhang. Sie bezieht sich nicht nur auf das, was das Werk einmalig macht, auf seinen Werkcharakter, sondern sie „ist identisch mit seinem Eingebettetsein in den Zusammenhang der Tradition. Diese Tradition selber ist freilich etwas durchaus Lebendiges, etwas außerordentlich Wandelbares“ (Benjamin 1974, S. 19). In diese wandelbare Tradition sind auch Motive, Gestaltungsprinzipien oder Techniken eingebunden, sie sind dadurch gesellschaftlich-kulturelle Zeugnisse und werden in den Werken repräsentiert.

Oevermann beschreibt eine weitere Steigerung des Kunstwerks gegenüber dem alltäglichen Text durch die gültige Artikulation eines bisher nicht verständlich Ausdrückbaren. Das Kunstwerk wird zur Artikulation einer gesteigerten sinnlichen Erkenntnis.

Dies begründet er mit der Theorie künstlerischen Handelns von Konrad Fiedler. Fiedler stellt künstlerisches Handeln als eine auf sinnliche Erkenntnis hin spezialisierte und vereinseitigte Form des Handelns dar. Er setzt der Überbewertung der Sprachabhängigkeit des Wahrnehmens und Denkens die Eigenständigkeit eines sprachunabhängigen, künstlerisch-anschaulichen Denkens entgegen. Dabei versucht er nachzuweisen, dass der Mensch auch die Fähigkeit hat, nur über das Auge erfassen zu können, ohne Begriff und Wort (vgl. Fiedler 1977, S. 131 ff.). Künstlerische Tätigkeit wird zur Erkenntnistätigkeit, bezogen auf die Fähigkeit, „reine“ anschauliche Formen zu sehen, zu denken und hervorzubringen.

Oevermann greift diesen Ansatz auf und versucht mit seiner Hilfe, das Entstehen der objektiven Bedeutung aufzuzeigen. Sinnliche Erkenntnis wird dann erreicht, wenn ein Abstreifen der begriffssprachlichen Strukturierung von Erfahrungsgehalten möglich wird. Solche Erfahrungen liegen vor, wenn sie als Erinnerungsspuren aus einem Entwicklungsalter stammen, in dem die latente Sinnstruktur ohne begriffssprachliche Strukturierung unmittelbar affektiv entschlüsselt und abgespeichert wurde. Diese aus der Kindheit stammenden und im weiteren Verlauf der Sozialisation erfolgten „Abspeicherungen“ der objektiven Bedeutungen repräsentieren das gesellschaftlich Allgemeine in der Subjektivität des Künstlers. Durch die ins Außeralltägliche gesteigerte Vereinseitigung der sinnlichen Erkenntnis, die als Charakteristikum künstlerisches Handeln bestimmt, wird die Fortführung der unmittelbaren Abspeicherung von Erfahrungen ermöglicht (vgl. Oevermann 1982,S. 4 ff.).

Die Vereinseitigung der sinnlichen Erkenntnis, die das künstlerische Handeln konstituiert, ist im Vergleich zur Struktur des praktischen Handelns zwar etwas Außeralltägliches, das aber bereits im alltäglichen Handeln angelegt ist. Die Professionalisierung des künstlerischen Handelns bedeutet, diese Vereinseitigung zur Routine zu machen: Sie gehört zur gesellschaftlichen Typisierung der Figur des Künstlers und wird durch die Professionalisierung normalisiert (vgl. ebd., S. 4).

 
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