Beispielanalyse 1 Emil Schumachers „Großes rotes Bild“ –mit dem Verfahren der Objektiven Hermeneutik analysiert

Roswitha Heinze-Prause

Vorbemerkung: Zum Verfahren der Objektiven Hermeneutik

Das von Ulrich Oevermann entwickelte Konzept der „objektiven Hermeneutik“ ist ein seit Jahren in den Sozialwissenschaften häufig rezipiertes und diskutiertes Verfahren der Textinterpretation (Aufenanger/Lenssen 1986; Garz/Kraimer 1988; Terhart 1981).

In seinen Schriften „Die Architektonik von Kompetenztheorien und ihre Bedeutung für eine Theorie der Bildungsprozesse“ (Oevermann 1973) sowie „Überlegungen zu einer Theorie der Bildungsprozesse und zur Strategie der Sozialisationsforschung“ (Oevermann 1976b) kritisiert Oevermann eine Situation in der Sozialisationsund Bildungsforschung, die er u. a. durch einen theoretisch unreflektierten Umgang mit den Forschungsmethoden kennzeichnet. Als Konsequenz entwickelt er eine Metatheorie der Bildungsforschung, die er als „Theorie der individuellen Bildungsprozesse“ bezeichnet. Im Anschluss an seine Kritik formuliert er in den methodologischen Arbeiten zur „Objektiven Hermeneutik“ eine Methodologie, die den Prozess der Konstitution empirischer Relationsprozesse in den Mittelpunkt stellt.

Die objektive Hermeneutik hat eine sozio-genetische Perspektive der Entwicklung des Subjekts. Es entwickelt sich in der Konfrontation mit den Strukturen des gesellschaftlichen Handelns, die immer Bedeutungsstrukturen sind, zum Erwachsenen. Diese Sicht verweist auf die empirischen Theorien der Entwicklung des menschlichen Geistes: Die Theorie der generativen Linguistik von Noam Chomsky; die genetische Erkenntnistheorie Jean Piagets; die psychoanalytische Theorie Siegmund Freuds; die Theorie der objektiven Bedeutung sozialen Handelns von George Herbert Mead.

Die genannten Theorien nehmen Bezug auf die wesentlichen Dimensionen des autonomen, handlungsfähigen und mit sich identischen Subjekts, d. h. auf den Bezugspunkt von Oevermanns „Theorie der individuellen Bildungsprozesse“. Zu diesen Dimensionen gehören die Sprachfähigkeit, das logische und moralische Urteilsvermögen, die Fähigkeit zur Erkenntnis der eigenen Handlungsgründe und Antriebe sowie die Regelgeleitetheit und damit die soziale Konstituiertheit des Subjekts.

Die Dimension der Regelgeleitetheit und die soziale Konstituiertheit des Subjekts sind für Oevermann von allgemeinerer Natur als die anderen drei Dimensionen, denn sie beziehen sich auf die grundlegende Qualität des menschlichen Geistes, die sowohl die erkenntnisfähige als auch die handlungspraktische Ebene strukturiert. So können biographische Strukturen als Manifestationen sozialer Handlungsregeln betrachtet werden und damit das Allgemeine darstellen, das wiederum nur in individuellen Ausprägungen zur Entfaltung kommt. Diese Sicht beschreibt die grundlegende Dialektik des Strukturalismus der objektiven Hermeneutik.

Ulrich Oevermann hat die verschiedenen Schritte, das methodische Vorgehen seines Interpretationsverfahrens nur ein einziges Mal in dem Aufsatz „Die Methodologie einer ,objektiven Hermeneutik' und ihre allgemeine forschungslogische Bedeutung in den Sozialwissenschaften“ 1979 dargestellt. In späteren Schriften bezieht er sich auf das Verfahren, handhabt die Methode jedoch sehr variabel. Trotzdem sind einige Schritte unabdingbar:

Die Objektive Hermeneutik betrachtet die Interpretation als eine Rekonstruktion der nach Regeln erzeugten latenten Sinnstrukturen, den objektiven Bedeutungen des Textes, des Kunstwerks. Diese Regeln werden als objektive Strukturierungsgesetzlichkeit von Sozialität vorausgesetzt. Das vorausgesetzte Regelsystem bestimmt das soziale Leben und damit mittelbar auch das Entstehen von Kunstwerken. Greifbar werden die Regeln nie direkt, sondern sie manifestieren sich vielmehr in den Objektivationen menschlichen Handelns, seien es verbale Äußerungen, bildliche Darstellungen oder Musik. Damit begründet die Objektive Hermeneutik ihren Universalitätsanspruch: Sie behauptet, jede sinnstrukturierte Objektivation menschlichen Handelns, also Texte, Interakte, Musik oder bildnerische Werke, gleichermaßen hermeneutisch erschließen zu können.

Da jeder Interpret über seine Sozialisation Kenntnis von diesen sozialen Regelsystemen erworben hat, bewegt er sich von vornherein im gleichen Horizont wie der Gegenstand der Interpretation.

Dies ist die Begründung für die erste Ebene des Verfahrens, für die Entwicklung von Lesarten zu einem Text. Dabei werden mit Hilfe des intuitiven Regelwissens der Interpreten die im Text, im Bild liegenden möglichen objektiven Bedeutungen erschlossen. Die Konstruktion von Lesarten führt zu einer Art intuitiver Folie für die Interpretation und stellt die erste Ebene der Interpretation dar.

Der nächste Schritt, die zweite Ebene des Verfahrens, ist die Paraphrasierung des Textes, des Kunstwerks, des Interakts. Menschliches Handeln und damit die soziale Wirklichkeit ist nicht direkt erschließbar. Für die Objektive Hermeneutik ist die soziale Wirklichkeit textförmig, d. h. sie wird für den Interpreten nie direkt, sondern nur in ihrer Textfassung greifbar. Nur in der versprachlichten Form können die in diesen Objektivationen liegenden objektiven Bedeutungen, die latenten Sinnstrukturen, expliziert werden. Dies hat ebenfalls Konsequenzen für das methodische Vorgehen. So schließt an die Befragung der Intuition, an die Konstruktion von Lesarten, die Paraphrasierung an. Dabei wird der zu interpretierende Text (Kunstwerk, Interakt, Musik) verbal umschrieben, aber nicht beschrieben. Man versucht sich dem Kunstwerk sprachlich zu nähern, eigentlich ist dies ein Begreifen des Kunstwerks im Medium der Sprache.

Nach der Paraphrase folgt auf der dritten Ebene die weitere Explikation des zu interpretierenden des Kunstwerks. Auf dieser Ebene der Interpretation wird auf die „objektiven Motive“ eingegangen, denn sie konstituieren die objektiven Bedeutungen. Als objektive Motive, Elemente, Merkmale eines Werks der bildenden Kunst können Material, Format, Komposition und Kolorit gelten. Am Ende dieser Ebene wird nach der Explikation der objektiven Merkmale und der Darstellung ihrer Zusammenhänge die bislang latente Bedeutung, die latente Sinnstruktur, sichtbar und manifestiert sich als „Strukturiertheit“ des Gegenstandes.

Besonders zu beachten ist auf dieser Ebene, dass der Interpret oder die Gruppe der Interpreten auf keinen Fall subsumtionslogisch vorgehen darf, d. h. an das Werk darf kein Kontextwissen herangetragen werden, denn dann würde es lediglich als ein Besonderes unter ein Allgemeines einsortiert und klassifiziert werden; doch dieses Einordnen führt nicht zu neuen Erkenntnissen – so Oevermann.

Nach dem Erkennen der Struktur folgt auf der vierten Ebene die Validierung (Überprüfung der Gültigkeit der erkannten Strukturiertheit). Das Besondere des Verfahrens von Oevermann zeigt sich auch in der Validierungsphase. Die erkannte Struktur, die gewonnenen These, wird dadurch überprüft, in dem eine andere, möglichst widersprechende Textsequenz, in dem ein anderes Werk des Künstlers, eines das dem analysierten Werk möglichst „unähnlich“ ist, herangezogen wird und dieses mit der explizierten Sinnstruktur konfrontiert wird.

Auf keinen Fall sind die Äußerungen des Künstlers über sein Werk zur Überprüfung geeignet. Denn: Die Objektive Hermeneutik will den versteckten Sinn, die objektive Bedeutung, die Struktur eines Textes, eines Kunstwerks erschließen ohne sich dabei um die Intentionen des Textproduzenten oder des Künstlers zu kümmern. Damit werden auch die Äußerungen des Künstlers zu seinem Werk irrelevant, denn es geht nicht um subjektiv gesetzten Sinn, sondern um objektive Bedeutungen.

Nach der Überprüfung der Gültigkeit der Strukturiertheit, der These, kann eine Verallgemeinerung folgen. Dazu wird der Bezug zur Fachwissenschaft, z. B. zur Kunstgeschichte, hergestellt und das interpretierte Werk in diesen Kontext gestellt. Jedoch erfolgt hier ein Perspektivenwechsel: Von dem rekonstruktionslogischen Vorgehen auf den Ebenen eins bis vier, das zum Erkennen der spezifischen Strukturiertheit des Werks, des Textes, nötig war, hin zu einer vergleichenden, Beziehungen herstellenden und resümierenden Strategie.

 
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