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Synthese der objektiven Merkmale des „Großen roten Bildes“

Im Anschluss an die Explikation der objektiven Merkmale des Bildes werden die spezifischen Besonderheiten, die dieses Werk einzigartig machen, gesucht. Besonderes Gewicht liegt nun auf dem syntaktischen Aspekt, da durch die Zusammenfügung der Bildelemente, dem Aufbau, den Farben und ihre Bearbeitung, nach den Vorgaben der Objektiven Hermeneutik, Bedeutungen angelegt werden. Auf die Bedeutungsmöglichkeiten, die sich durch die spezielle Zusammenstellung der analysierten Bildelemente ergeben, wird danach eingegangen und schließlich werden sie – im Rückgriff auf die Lesarten – überprüft und es wird festgestellt, welche Lesarten zurückgewiesen werden müssen.

Die Faktizität der Farbformen

Das „Große rote Bild“ enthält Formen, die als Spuren, Fließspuren oder Oberflächenstrukturformen der Farbe bezeichnet werden können.

Für die Bewegungen im Bild gibt es zwei Ursachen:

• Die schwarzen Farbspuren entstanden als Bewegungsspur des Künstlers, seine Aktion wird in ihnen materialisiert, der Duktus des Künstlers ist erkennbar und lesbar. Diese Bewegungsspur scheint im Bild zu dominieren, denn die Gegenbewegung ist nicht sofort zu erkennen und taucht auch nur vereinzelt im Bild auf.

• Bei den durch die Gravitation entstandenen Fließspuren hat sich die Farbe

„selbst“ zur Form gebracht, da sie dem Gesetz der Gravitation unterliegt. Dabei wird die Schwerkraft zum „Maler“ und führt zu einer Eigenbewegung der Farbe, die sich „selbst“ malt. Diese Bewegung verläuft – bedingt durch die Stellung der Leinwand – von oben nach unten.

Als Ursachen der Bewegung sind festhalten: Eine, die von außen kommt, d. h. durch den Künstler entsteht und die Spur seiner Bewegung ist, und eine andere, die von innen kommt und durch die Eigenbewegung der Farbe hervorgerufen wird. Alle Bewegungen kommen aber in der Farbmaterie zum Stillstand, entweder durch „Erstarrung“ und damit der Fixierung eines momentanen Zustands oder durch „Versinken“ und damit der endgültigen Aufhebung der Bewegung. Auch die aktionale Spur des Künstlers fügt sich den Bewegungen der Farbmaterie ein, wird von ihr „geschluckt“. Die Bewegungen im Bild verweisen auf Prozesse des

Entstehens und des Vergehens.

Die Oberflächenstrukturen der Farbflächen hingegen entstanden durch die Auswahl der Pigmente und der Techniken. Dieser Vorgang ist nun nicht durch Expressivität, sondern durch rationale Kontrolle gekennzeichnet. Sichtbar wird dies auch in der gezielten Zusammenstellung der Farbeigenschaften. Dadurch zeigt sich das Bild als „gemacht“. Das Bild macht diesen Sachverhalt anschaulich und thematisiert ihn. Aus der Behandlung des Grundes, der Farbschichten und ihrer Offenlegung für den Betrachter wird deutlich, dass es hier um „gemachte Malerei“ geht – darauf insistiert bereits der Titel. Das Bild zeigt nicht nur, dass die Farbformen gemacht sind, sondern auch wie sie gemacht sind, in welchen Malaktionen sie entstanden, durch welche Werkzeuge und – bedingt durch den schichtweisen Farbauftrag – in welcher zeitlichen Abfolge. Der Betrachter wird auf die Faktizität des Bildes und auf sein Sehen verwiesen. Farbspuren und Farbflächen, wie auch ihr Zusammenspiel, haben keine gegenständliche Bedeutung, aber sie rufen in den Betrachtern verschiedene Assoziationen hervor, die wie der vorherige Teil zeigt, nicht zufällig sind. Doch muss dem Betrachter klar sein, dass es sich um seine eigenen Assoziationen handelt, denen das Bild nicht widerspricht, die aber nur einige aus der möglichen Anzahl von Assoziationen darstellen.

 
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