Basis

Wenn es bereits an einer Strategie fehlt, die Mitglieder als wichtigste Zielgruppe zu erreichen, liegt die Vermutung nahe, dass sich dieses Defizit in Bezug auf Basis und Öffentlichkeit verstärkt. Diese Annahme lässt sich bestätigen. Nach eigenen Aussagen haben alle PG4, fünf PG3, zwei PG2 und damit 60% der Organisationen keine Strategie, die Basis zu erreichen. Es sei darauf hingewiesen, dass drei NGOs (alle PG4) in keiner Linkage-Dimension auf die Basis abzielen und keiner Strategie bedürfen. Gleichwohl zeigt sich damit auch, dass die Basisorientierung der Organisationen mit dem höchsten Professionalisierungsgrad im Vergleich am schwächsten ausgeprägt ist.

Demgegenüber stehen 40% mit mehr oder weniger elaborierter, schriftlich fixierter Strategie. Sechs der NGOs mit systematischem Kommunikationsansatz sowie drei weitere stehen, über unterschiedliche Kanäle und in erheblich variierender Intensität und Zielsetzung, in direktem Kontakt mit der Basis (darunter keine PG4). Mit nur zwei Ausnahmen setzen alle neun Organisationen bewusst auf die aussichtsreiche, weil Frequenz und Ansatzpunkte maximierende, Kombination von direktem und über die Mitglieder vermitteltem Kontakt.

„Wir machen beides, wir adressieren sie direkt und über die Mitglieder. Zum Beispiel in dem wir ihren Mitgliedern erlauben, auf das Intranet zuzugreifen. Aber die meiste Zeit verlassen wir uns auf die Mitglieder. Die Rolle des Sekretariats ist sicherzustellen, dass die Mitglieder Informationen auf eine Art bekommen, dass sie sie direkt für ihre Mitglieder nutzen können. Unsere Strategie die Mitglieder anzuregen sie weiterzugeben ist, sie in eine möglichst handliche und sofort nutzbare Form zu packen. Je weniger Aufwand, desto eher werden sie weitergegeben.“ (24 P12# NGO12)

Nur fünf NGOs stehen in relativ regelmäßigem, direkten Kontakt mit der Basis; zwei weitere nur im Falle eines Sachverhalts, bei dem individuelle Handlungen etwas auszurichten vermögen. Im Einklang mit den Angaben zur Bedeutung dieser Zielgruppe ist das Aktivitätsniveau der NGOs hier, im Vergleich zu den Mitgliedern, signifikant geringer. Nur vier (keine PG4) suchen den persönlichen Kontakt zur Basis im Rahmen von Seminaren oder Veranstaltungen wie Runden Tischen. Die Teilnahme an den Arbeitsgruppen ist der Basis aber nicht gestattet. Jene NGO, die Studienfahrten für ihre Mitglieder anbietet, öffnet sie auch für interessierte Unterstützer; sie sind nach eigenen Aussagen ein wichtiger Kanal, diese zu erreichen.

Ungeachtet dessen, ob sie zu den Zielgruppen gezählt werden und trotz fehlender Strategie, findet in vielen NGOs Kommunikation statt; sowohl mit der Basis, als auch mit der Öffentlichkeit. Dabei benennt die Mehrheit – auch jene, die in erster Linie über ihre Mitglieder an die Basis herantreten – Website (55%) und Newsletter (50%) als mit der Intention der Basisansprache genutzte Kanäle. Speziell für den Einsatz des Newsletters zeigt sich ein Gefälle gemäß der H2. Dagegen werden Social Media nur von 20% (überwiegend PG3) bespielt, um Basis und Öffentlichkeit zu erreichen (es wird nicht zwischen beiden Zielgruppen differenziert). Zur Ausweitung der innerorganisatorischen Beteiligungsoptionen werden Social Media so gut wie nie genutzt.

Politische Erklärungen und Artikel sind in keiner NGO regelmäßig eingesetzte Instrumente der Basisansprache – sie werden überdies, wie Social Media, von keiner PG4 zu diesem Zweck instrumentalisiert. Nur zwei PG2 setzen auf Handlungsaufrufe auf der Website und per RSS-Feed; allein eine PG3 auf Kampagnen. In Bezug auf die Option der Anmeldung für regelmäßige Updates, als Merkmal professionalisierter Kommunikation, sind Newsletter danach die vorherrschende, aber auch in der Regel die einzige Möglichkeit.

Elf NGOs adressieren allerdings nur ihre direkten Mitglieder und sehen es als deren Aufgabe, Basis und Öffentlichkeit anzusprechen.

„Wir sprechen mit den Mitgliedervertretern, aber wir adressieren eigentlich nie direkt ihre Mitglieder. Wir erwarten und zu einem gewissen Grad wissen wir auch, dass die Mitglieder Informationen an sie weitergeben. Für Events an denen auch die Mitglieder der Mitgliedsorganisationen teilnehmen können, versuchen wir aber eine Übersetzung in deren Sprache zu ermöglichen.“ (113 P15# NGO15)

Ohne relevantes Muster in Hinblick auf die Forschungsannahmen, obgleich der Anteil in der PG4 am geringsten ist, wollen 68% der NGOs, dass die Mitglieder relevantes Wissen und Dokumente an die Basis weitergeben. Doch nur zwei PG2, fünf PG3 und eine PG4 regen sie auch in E-Mails und Gesprächen explizit dazu an oder integrieren die Bitte in die Dokumente selbst. Sieben NGOs intendieren ein Schneeballsystem, forcieren es aber nicht in gleicher Intensität. So stellen zwar alle sieben Material zur Verfügung, das die Mitglieder ohne großen Aufwand verbreiten können, aber nur fünf kommunizieren die Bitte um selbiges oder nutzen so viele Kontaktpunkte in ihren Mitgliedsorganisationen wie möglich, um die Chance zu erhöhen, dass ein Dokument „nach unten“ weitergeleitet wird. Abermals ist kein signifikanter Einfluss der UV ersichtlich. Des Weiteren zeichnet sich nicht ab, dass zentralistisch organisierte NGOs zu diesem Zweck elaboriertere Strategien haben.

„What we can do is to provide our members with information on what is happening here, why it is important. But how they decide to communicate has to be left up to them, because if we try to coordinate what goes down well in Germany is not gonna go down well in Italy. So we rely very much on our members to translate and to interpret what is happening here for their local and national context.” (61 P7# NGO7)

Es bleibt festzuhalten, dass der Anteil derjenigen, die sich bemühen, die Basis über die Mitglieder zu erreichen, d.h. organisatorische Linkage zu fördern, über die PGs hinweg gering ist. Insgesamt mangelt es zehn NGOs (80% PG4, 44% PG3 und 50% PG2) an Strategien und systematischen Prozessen, die Chance der Weiterleitung zu erhöhen. Sie verlassen sich darauf, dass die Mitglieder die Bedeutung der Dokumente erkennen.

„Well, we do not do it actually. We really trust them in doing it. We provide information and then they use that for their daily work. (…) But we leave it up to them. So we do not do anything to ensure that the information is handed on further.” (20 P16# NGO16)

Als Ursache fehlender Strategien werden mangelndes Interesse der Basis an den Inhalten, deren Komplexität oder aber unzureichende Kapazitäten der Mitglieder angeführt. Mit dem Strategiemangel geht einher, dass ein über die PGs hinweg hoher Prozentsatz der Organisationen (insgesamt 68%) keinerlei Kontrollmechanismen in Bezug auf die Weiterleitung hat, für sie also nicht nachvollziehbar ist, in welchem Umfang die Mitglieder die Inhalte weitergeben. Einige sind sich sogar bewusst, dass die Mitglieder diese oft nicht verlässlich oder gar nicht weiterleiten. Doch nur drei höher professionalisierte NGOs haken im Fall besonders relevanter Informationen nach; zwei PG2 sind sich sicher, dass sie immerhin in wesentlichen Angelegenheiten „unten“ ankommen, da sie entsprechende Rückmeldungen von der Basis bekommen. Auch die Einschätzung hinsichtlich der prinzipiell Erfolg versprechenden Strategie der Kombination von direkten Aktivitäten und dem Weg über die Mitglieder, ist auf Basis dieser Erkenntnisse zu relativieren. Nur vier der NGOs, die diesen umfassenden Ansatz verfolgen haben eine Weiterleitungsstrategie.

Auffällig ist auch der mit 21% sehr niedrige Anteil an NGOs, die in Anerkennung der Tatsache, dass die Mitglieder häufig nicht in der von der NGO intendierten Weise handeln, eine ausgearbeitete Strategie verfolgen, gemeinsam mit den Mitgliedern die Basis anzusprechen und bspw. Veranstaltungen auf nationaler Ebene organisieren. Darunter zwei PG2 und eine PG3, die sich allesamt durch eine zentrale Organisationsstruktur sowie beide Mitgliedschaftsoptionen auszeichnen und dadurch ohnehin prinzipiell höhere Basisnähe aufweisen. Von jenen NGOs, die ausschließlich Organisationen die Mitgliedschaft gewähren, ist es lediglich eine PG3, die in diesem Zusammenhang koordinierte Bemühungen verfolgt. Von einer stabilen Verbindung der untersuchten NGOs zu ihrer Basis, ist demnach nur in wenigen Fällen auszugehen.

Nur eine PG2 und drei PG3 implementieren ihre Strategie der Basisansprache nahezu vollständig. Im Vergleich zur Strategie die Mitglieder zu erreichen, sind die Antworten auf die Frage nach den Hindernissen der Umsetzung diverser. Sie reichen von Zeitmangel bzw. der Tatsache, dass andere Stakeholder wichtiger sind, bis zu Gründen, die mit dem Willen und den Kapazitäten der Mitglieder zusammenhängen: Inhalte gehen auf dem Weg „nach unten“ verloren oder aber die Dokumente sind in Englisch verfasst und bedürfen einer Übersetzung.

 
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