Interaktion: Die Wirkung der Kunstobjekte

Sind Michael Beutlers Werke als „synergetische Entwürfe“ (Bernasconi 2008,

S. 33) zu loben oder bilden sie einfach eine Leerstelle, indem sie die Abwesenheit von Kunst signalisieren? Zu den Reaktionen auf die Osnabrücker Präsentation gehörte die Publikumsreaktion, die Kunsthalle sei ja eigentlich leer, Kunst in ihr nicht zu entdecken. Es gehört ebenso zu den Reaktionen auf Beutlers Kunst, einzelne seiner Objekte nicht als Kunst zu erkennen und sie zu entsorgen. Ein solches „Versehen der städtischen Müllentsorgung“ (Müller 2006, S. 69) gehört zu den vielfach belächelten Standardreaktionen auf Gegenwartskunst. Manche ihrer Positionen werden nicht als Kunst erkannt und deshalb falsch behandelt, fortgeworfen oder – wie die berühmte Badewanne von Joseph Beuys – als angeblich nur verschmutztes Objekt gesäubert.

Beutlers Werke folgen offensichtlich keiner schematischen Kunstrezeption, sie verweisen in den Raum einer offenen Reaktion. Zu dieser Reaktion gehören die eben benannten Extrempunkte. Die Installation lässt sich zum Ausgangspunkt packender gemeinsamer Erfahrungen von Menschen machen oder glatt übersehen. In Osnabrück reagierten diverse Besucher auf Beutlers „Bank“ dahingehend, dass sie die Installation einfach übersahen, über dem vermeintlichen Gebrauchsmöbel die Kunst nicht bemerkten. Nach den bisher absolvierten Analyseschritten ist auch klar, wie sich diese Reaktion begründet. Sie verdankt sich einem konventionellen, an erkennbar wertvollen Objekten orientierten Verständnis von Kunst. Wer die Werke Beutlers glatt übersieht, der vollzieht nicht jene Blickumkehr mit, die ihre eigentliche Leistung ausmacht.

Allerdings führt die „experimentelle Herangehensweise“ (Bernasconi 2008,

S. 33) Michael Beutlers dazu, dass seine Arbeiten ebenso produktiv wie missverständlich sein können. Wer diese Objekte wirklich verstehen will, der muss sie von ihren Wirkungen aus betrachten. In der Osnabrücker Kunsthalle war die Präsentation unmittelbar in einen Umbauprozess des ganzen Hauses wie auch in ein weiter sich entwickelndes Programm eingepasst. Insofern waren eben jene Anschlüsse gegeben, die Beutlers Installation rückblickend in besonderer Weise als produktiv erscheinen lassen mussten. In der Kunsthalle folgte auf die Ausstellung Beutlers ein Kunstund Ausstellungsprojekt mit dem Titel „Was für ein Fest?“. Dieses Projekt war keine Ausstellung im klassischen Sinn der Präsentation von Objekten, sondern eine Folge von Performances, die um ein gemeinsames Thema herum gruppiert waren. Wie entsteht Gemeinschaftlichkeit und welche Formen kann sie annehmen? Diese Frage bildete den Fokus der einzelnen Kunstprojekte, die von dem von der Künstlerin Susanne Bosch veranstalteten Hearing mit sozial engagierten Projektgruppen bis zu Tableau vivants reichten, die der Künstler Luigi Presicce eingerichtet hatte.

Für diese und weitere Projekte bildete Beutlers „Bank“ den Rahmen und zugleich mehr als das. Besonders deutlich wurde die besondere Wirkung des Objektes in der Performance „Parabelkonferenz“, mit der das Kunstprojekt am 7. Februar 2015 eröffnet wurde. Für diese Performance war ein Teil der Bankelemente so in das Langhaus des Kirchenbaus geschoben worden, dass sich für den Kirchenraum zwischen Vierung und Apsis ein nahezu geschlossener Bankkreis ergab. Vor den Bänken waren gedeckte Tische mit Kandelabern postiert. Die geladenen Gäste der Performance des New Yorker Künstlers und Kunstvermittlers Pablo Helguera hatten in schwarzweißer Abendgarderobe zu erscheinen. Im Verlauf der „Parabelkonferenz“ trugen sieben Schauspielerinnen und Schauspieler Texte von Helguera vor. Diese als Parabeln, also Gleichnissen angelegten Texte thematisieren eine Kombination aus Lebensgeschichten und Kunstphilosophie. Für die Aufführung in der Kunsthalle Osnabrück hatte Helguera ein detailliertes Drehbuch (Helguera 2015, S. 249-271) geschrieben. Die Aufführung dauerte 90 Minuten.

Beutlers „Bank“ stellte für diese Performance nicht allein die Sitzgelegenheit bereit. Das Objekt versinnbildlichte auch genau jene Form von Sozialität, auf die nicht nur Performancekünstler Helguera, sondern auch Kuratorin Julia Draganovic abgezielt hatte. Die „Bank“ versinnbildlicht eine ganz eigene Form von Gemeinschaftlichkeit, sie symbolisiert als umlaufendes Objekt die Verbindung von Menschen, gerade auch jenen, die ansonsten keinen selbstverständlichen Kontakt miteinander haben. Die „Bank“ versinnbildlicht die Kommunikation selbst – und stiftet sie mittelbar. Es gehört zu der spezifischen Wirkung von Beutlers Objekt, in dieser Leistung aufzugehen und im Augenblick der glückenden sozialen Praxis einer Performance und ihres Erlebnisses in diesem Vollzug gleichsam unsichtbar zu werden. In diesem Augenblick interessiert die „Bank“ nicht länger als Objekt mit spezifischen Eigenschaften oder Merkmalen. Sie wirkt als Raumkommentar, als Raumklammer und Raumkontur.

 
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